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StartseiteDie neue PlatteAvantgarde und Ethnologie vereint13.07.2008

Avantgarde und Ethnologie vereint

Kompositionen aus Ost- und Südosteuropa

Zeitgenössische Musik aus Ost- und Südosteuropa: Da denkt man beispielsweise an den Balkan und die dort bis heute lebendige Volksmusik, die sehr stark von Vokalmusik geprägt ist. Auch die Komponistinnen und Komponisten, um die es in diesem Beitrag geht, nämlich der Albaner Thomas Simaku, die Lettin Helena Tulve und die Tschechin Silvie Bodorová, beziehen sich in ihrem Schaffen sehr unterschiedlich auch auf Traditionen.

Von Frank Kämpfer

Notenblatt gerollt (Stock.XCHNG / valentino sirbinas)
Notenblatt gerollt (Stock.XCHNG / valentino sirbinas)
<p><li>Thomas Simaku, Due Sotto-Voci, CD NAXOS 8.570428, LC 05537, Take 02<br /><br />Punkthaft konzentriert oder sich tonreich entfaltend - expressiv versus zart - klar, gegenwärtig, präsent einerseits, andererseits stark geräuschhaft, aus dem Räumlichen kommend und wie aus anderer Zeit. Zwei Stimmen - einander begleitend und kontrastierend - aufgeladen mit verschiedener Assoziation. Dass ein und derselbe Bogen sie streicht, ist schwerlich denkbar. Thomas Simaku, der Komponist, nennt seine Due Sotto-Voci per Violino Solo einen Gesang mit Begleitung' - er versteht das Streichinstrument als einen Sänger, der mit zwei verschiedenen Stimmen zu singen vermag. <br /><br /> Wer aus der Balkanregion stammt und die dort bis heute lebendige Volksmusik kennt, weiß was Stimmen vermögen. Simaku, Jahrgang 1958, ist in Albanien geboren und hat Anfang der 80er Jahre im Süden nahe der griechischen Grenze intensiv musikethnologische Studien betrieben. Wie ein Substrat jener Zeit finden sich seinem heutigen Komponieren musikalische Spuren aus genau der Region. Allerdings nicht in Gestalt postkartengreller Klischees und Zitate, sondern vielmehr strukturell - als ästhetische Möglichkeit, als immer neuer Versuch, Avantgarde und Ethnologie zu vereinen und auf diesem Weg kompositorisch eine persönliche Sprache zu finden. <br /><br /> Die zwei Streichquartette und die vier Stücke für solistische Streicher, die Simakus erste beim Label NAXOS editierte Platte vereint, verweisen in solch eine Richtung. Auf sehr eigene Art vereint Simakus Idiom in sich Avanciertheit und Modalität. Geräuschklang und vierteltönige Skalen mischen sich zu ganz eigenen Farben. Das Londoner Kreutzer Quartet - ein Klangkörper von Rang aus Simaku's heutiger Heimatstadt - bringt diese Texturen höchst reizvoll zum Klingen. Sei es in Gestalt der drei Soliloquy, die die drei Quartett-Instrumente bezugreich nacheinander bemühen - sei es bei den Quartetten, die sich zum Beispiel auf den Bordun, eine uralte musikalische Technik des Balkan beziehen. Charakteristisch für dessen in südalbanischer Volksmusik überlieferte Form sind lang ausgehaltene Klänge, über oder unter denen sich reiche Melismen entfalten. <br /><br />Sie finden sich beispielweise in Simakus Streichquartett Nr. 2 aus dem Jahre 2003. Der Titel Radius verweist sowohl auf das Moment des Linearen als auch auf höchst energiereiche Manöver, eben dieses zu stören und zu zerreißen.<br /><br /><li>Thomas Simaku, Radius. String Quartett Nr. 2, CD NAXOS 8.570428, LC 05537<br />Take 06<br /><br /><br />Ein Ausschnitt aus dem Streichquartett Nr. 2 Radius von Thomas Simaku - eingespielt im Dezember 2006 in der Sir Jack Lyons Concert Hall der University of York mit dem Londoner Kreutzer Quartet. Dieses und andere Werke des albanisch-englischen Komponisten finden sich auf einer neuen CD des Labels NAXOS - ideal wäre hier eine Folge-CD mit Orchestermusik.<br /><br />Einen gänzlich anderen Weg beschreitet die Komponistin Helena Tulve. Tulve, Jahrgang 1972, stammt aus Estland und hat in Tallin bei Erkki-Sven Tüür und bei Jacques Charpentier am Conservatoire supérieur de Paris studiert. Begegnungen mit der Schule der musique spectrale, mit dem gregorianischen Choral und mit rituellen Klängen des Orients brachten sie auf die eigene Spur einer reich kolorierten, mit Mikrointervallen durchsetzten, scheinbar schwebenden Einstimmigkeit. Am Naturhaften, Fließenden entzündet sich Tulve's Klang-Phantasie. Unüberhörbar ist ihre große Vorliebe für Bläser, speziell für Flöten, für deren Potenzial, Übergänge zwischen Ton und Geräusch auszureizen. Ensemble-Stücke wie à travers oder Öö oder abysses - allesamt zu finden auf einer soeben bei ECM erschienenen Porträt-CD - stehen genau dafür ein. <br /><br />Lijnen, eine Reminiszenz à Luciano Berio, gibt der Platte den Titel: das vor fünf Jahren notierte Ensemblestück bündelt Bläser, Streicher, Percussions-Instrumente und die menschliche Stimme. Aus ihnen entwirft die junge Estin ein ungemein filigranes, virtuoses Gewebe von Klängen. Von außen betrachtet scheinbar ganz statisch, suggerieren sie wie ein Naturphänomen einen erst zu- dann wieder abnehmenden Fluss an Energie und Intensität.<br /><br /><li>Helena Tulve, Lijnen, CD ECM 1955, LC 02516, Take 02<br /><br />Das NYYD-Ensemble aus Tallin mit einem Ausschnitt aus Helena Tulve's Stück Lijnen. Weitere Interpreten der bei ECM in München editierten CD sind das Schlesische Streichquartett und das Saxophon-Quartett aus Stockholm. - Ein vielversprechendes Plattendebüt.<br /><br />Die dritte und für heute letzte CD, die ich Ihnen anspielen will, stammt aus Prag. Die drei hier versammelten Komponisten darf man in ihrer Ästhethik als neo-klassizistisch bezeichnen. Zde&#328;ek Lukaš' Concerto grosso von 1964, Otmar Mácha's auf 1997 datiertes Violinkonzert, das Variationen über ein mittelalterliches böhmisches Lied in sich trägt, nicht zuletzt Sylvie Bodorovás dem Gedenken Ton de Leeuws gewidmetes Concerto die fiori beziehen sich in Geist und Material auf Musik früherer Zeit und verarbeiten diese in einer Weise, die man Anfang der 80er Jahre mit Begriffen wie 'Neue Einfachheit' oder 'Neo-romantik' bedachte. Gemeinsam mit Luboš Fišer bildeten Lukaš, Mácha und Bodorová 1996 die Gruppe Quattro - eine tschechische Interessengemeinschaft, die zeitgenössisches Komponieren durch die Besinnung auf Tradition, Melodie und Emotion zu größeren Publikumskreisen zurückführen will. <br /><br /> Sylvie Bodorová, geboren 1954 in Bratislava, die einzige Urheberin auf der Platte, bedient sich bei ihrem Bemühen um leichte Rezipierbarkeit sogar auf Momente von Pop und Barock. Ihr so genanntes Bern Concerto, das vor drei Jahren für die Berner Camerata entstand, setzt auf eingängige Melodik, motorischen Drive und effektvolle Steigerung und bedient damit Hörerwartungen bereits aus dem Unterhaltungsbereich. Im Finalsatz des Stücks bezieht sich die Komponistin interessanterweise gleichfalls auf Momente von Balkan-Folklore, die sie u.a. aus intensiver Beschäftigung mit der Musik der Roma gut kennt. Hier begegnet derlei schnell erkennbar - als Klischee südosteuropäischer Melodik und Rhythmik:<br /><br /><li>Sylvie Bodorová, Bern Concerto / dar. 3. Satz: AgevolmenteCD ARCO DIVA UP 0100-2 131, LC 14103, Take 09<br /><br />Vít&#283;zslav Ochman (Violine), Jitka Hosprová (Viola) und das Quattro Orchestra unter der Leitung von Marek Štilec mit dem dritten Satz aus Sylvie Bodorovás Bern Concerto "Silberwolke" für Violine, Viola und Streicher. Die Aufnahme findet sich auf einer CD, die beim Prager Label ARCO DIVA erschien und in Deutschland über den Vertrieb Klassik Center Kassel erhältlich ist. Zuvor habe ich Ihnen eine bei ECM in München verlegte Porträt-CD der Estin Helena Tulve und eine für NAXOS produzierte CD mit Werken von Thomas Simaku angespielt.</p>

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