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StartseiteDie neue PlatteKleine Formen ganz groß gedeutet04.10.2020

Babayan spielt RachmaninowKleine Formen ganz groß gedeutet

Statt wildem Klangrausch, präsentiert Sergei Babayan vor allem transparente Interpretationen. Die Schichten von Rachmaninows Klavierwerken grenzt er voneinander ab - noch dazu hat er kleine Formen ausgewählt. Die spielt er als wäre sein Klavier ein ganzes Orchester und Babayan selbst Dirigent und Solist.

Am Mikrofon: Philipp Quiring

Ein Mann sitzt vor einem Flügel und hat die Hände auf den Tasten. Man sieht ihn seitlich, mit nur wenig Licht beleuchtet vor schwarzem Hintergrund. (Marco Borggreve)
Sergei Babayan nimmt sich immer wieder viel Zeit bei seinen Rachmaninow-Interpretationen. (Marco Borggreve)
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Immer wieder wird Rachmaninow da als Virtuose sehr einseitig betrachtet: Interpretinnen und Interpreten geht es oft vor allem um das Pompöse, das Höher-Schneller-Weiter. Doch Rachmaninow ist so viel mehr als eindrucksvolles "Tastengedonner"! Als Interpret und als Komponist war er ein wahrer Klangpoet und ein Meister der Stimmführung in der großen aber eben auch in der kleinen Form, bei kürzeren Stücken. Solche kürzeren Stücke von Rachmaninow hat der armenisch-us-amerikanische Pianist Sergei Babayan eingespielt. Mit ausgewählten Préludes, Études-Tableaux und Moments musicaux räumt Babayan mit einigen Rachmaninow-Klischees auf. Bei ihm stehen akribisch ausgearbeitete Klangkonzepte im Vordergrund.   

Musik: Rachmaninow – Prélude As-Dur

Das As-Dur Prélude eröffnet die CD. Schon das zeigt, was die Hörerin, den Hörer bei Sergei Babayans Rachamaninow-Spiel nahezu das gesamte Album hinweg erwartet. Bei Babayan steht die Durchhörbarkeit im Vordergrund. Er pedalisiert sehr dosiert, sodass sich nicht alles in einem großen Klangbrei zusammenmischt. Bei ihm bleiben die einzelnen Linien im komplexen Stimmengewirr stets für sich hörbar und er hebt immer wieder einzelne Stimmen heraus. Hier spielt kein Oberstimmen-Fetischist, der sich rein auf die hohe Stimme konzentriert und wie es so viele von ihnen gibt, hier spielt ein Pianist mit Sinn für die kontrapunktischen Bewegungen; im Tempo stabil und mit melodischer Elastizität an Phrasenenden, wie im As-Dur Prélude hörbar.

Mit introvertiertem Ansatz

Während Babayan die Bass-Linie der linken Hand zu Beginn führend-stützend verfolgt, gerät sie gegen Ende ein bisschen aus dem Sinn. Er stützt die untere Linie weniger im Verhältnis zum klanglich fein gestalteten Flirren der Oberstimme.

Babayan ist ein Rachmaninow-Interpret der intimen, introvertierten Sorte. Vor allem im leisen Spiel kontrolliert er den Klang. Jeder Ton erhält einen Kern. Babayan verfügt über eine schier unerschöpfliche Bandbreite an Dynamiken. Das ist, was großes Klavierspiel ausmacht. Auch im gis-Moll Prélude hält er die innere Spannung, ehe die Melodie in der Mittelstimme zu singen anfängt.

Musik: Rachmaninow – Prélude in gis-Moll

Verschiedene Ebenen stehen im gis-Moll Prélude bei Sergei Babayan für sich – und doch setzt er sie in einen Gegensatz zueinander. Durch den Raum, den Babayan ihnen gibt, erhalten sie ihre Wirkung. Auch weil Babayan sich viel Zeit nimmt.

Alles organisch entwickelt

In Rachmaninows Bearbeitung seines Liedes "Flieder" lässt Babayan die Mittelstimme immer wieder gut ausgearbeitet in Dialoge mit der Basslinie oder der Oberstimme treten. Wer bei Babayan auf große, ekstatische Forte-Ausbrüche wartet, der wartet vergebens. Babayan schafft auch so genug Kontrast.

Musik: Rachmaninow – Flieder

Runtergebrochen spielt Sergey Babajan schnelle Stücke sehr schnell und langsame Stücke sehr langsam. Der große Bogen droht bei ihm auseinanderzufallen, weil er oft so ein langsames Grundtempo wählt, dass es scheint, als würde die Melodie ihren Fluss und Zusammenhang verlieren. Doch das passiert nicht, weil er es trotz dieses Extrems immer wieder schafft, die Musik klanglich organisch zu entwickeln und zu dosieren. Hierfür gibt es ein paar Beispiele – wie diese hohen Glockenschläge in seinem Étude Tableau in c-Moll.

Musik: Rachmaninow – Étude Tableau in c-Moll

Oder seine raffinierte Pedaltechnik, wenn er bei einem angeschlagenen Akkord, einzelne Töne aus der Mitte wegnimmt und nachpedalisiert.

Musik: Rachmaninow – Étude Tableau in c-Moll

Oder wenn er auch in der größten Aufgewühltheit, wenn die Spannung zu explodieren droht, nichts davonrauschen lässt.

Musik: Rachmaninow – Étude Tableau in c-Moll

Der "Horowitz-Klangtrick"

Im h-Moll Prélude arbeitet er mit einem "Horowitz-Klangtrick". Töne, die eigentlich gleichzeitig gespielt werden, spielt er einen Hauch versetzt, sodass sie für sich besser klingen.

Musik: Rachmaninow – Prélude in h-Moll

Besonders spannungsvoll ist auch, wie Sergei Babayan lauter wird. Babayan bleibt quasi auf der hinteren Stuhlkante sitzen, er wird nicht schneller. Außerdem geht er im Crescendo mit der Dynamik zwischendurch zurück. Dramaturgisch elektrisiert das.

Weniger überzeugend spielt er für mich das D-Dur Prélude von Rachmaninow. Hier fehlt die Führung in der Basslinie und das was er bei anderen Stücken so überzeugend macht, die Herausarbeitung von verschiedenen Stimmen. Babayan bleibt hier sehr auf die Oberstimme fokussiert und bei lang zu haltenden Melodienoten entsteht eine Art "Schluckauf": Durch zu schnelle Pedalwechsel, wird der Ton abgerissen und unnötig klanglich ausgedünnt.

Den klanglichen Höhepunkt erreicht Babayan hier zu früh. Die harmonische Verdichtung steht erst ein paar Takte später an. Rachmaninow selbst hätte hier wohl, wie an anderer Stelle nach einem Konzert gesagt: "Ich habe den Punkt verpasst".

Musik: Rachmaninow – Prélude D-Dur

Wenig gesangliche Lied-Transkriptionen

Neben Préludes, Étude-Tableaux und Moment Musicaux sind Lied-Transkriptionen auf dem Album von Babayan. Und außerdem auch zwei Transkriptionen vom Klavier-Kollegen Arcadi Volodos, vom 3. Satz der Cello-Sonate und von diesem Lied hier: Melodie, Op. 21 Nr. 9.

Musik: Rachmaninow – Melodie (Gesang-Fassung)

Dieses äußerst textlastige Lied, wenn auf wenige Töne viele Silben kommen, greift Volodos selbst in seiner Einspielung mit einem sehr breiten Klavierton in der rechten Hand auf, seine Deutung des Gesanges.

Musik: Rachmaninow – Melodie (Volodos)

Bei Babayan hingegen ist der Ton eher dünn. Das Gesangliche wird hier nicht hörbar, was schade ist. Der Fluss der Gesangslinie und die Klangdichte gehen verloren.

Musik: Rachmaninow – Melodie (Babayan)

Klare Stimmverläufe

Die Stücke von Rachmaninow direkt für Klavier liegen Babayan besser. Ein absolutes Highlight ist da seine Interpretation der es-Moll Étude. Hier stützt er die klangliche Entwicklung geschickt auf ein starkes Bassfundament, pedalisiert mehr und die Ekstase erreicht einen Höhepunkt bei ihm, den er voll auskostet, indem er langsamer wird und so die Spannung ins Unermessliche steigert. Großartig!

Musik: Rachmaninow – es-Moll Étude

Sein Ziel, "einen eigenen Zyklus zu kreieren", wie es Sergei Babayan im Booklet formuliert, erreicht er nicht. Dafür erklingen die einzelnen Stücke zu durcheinander, was ihre jeweilige Wirkung anbelangt, was ihre Gattung betrifft und vor allem was die Anordnung nach Tonarten angeht. Was Babayan aber schafft, ist, Rachmaninow auch in seinen Miniaturen sinfonisch zu deuten. Bei Babayan hört das Klavier auf, Klavier zu sein. Es wird zum Sinfonie-Orchester! Dabei ist er Pianist und Dirigent zugleich. Wie er die verschiedenen Klangebenen und Stimmverläufe herausarbeitet und in Relation setzt, dabei eine schier unerschöpfliche Abstufung an Dynamiken, vor allem ins Leise, hörbar werden lässt: Das ist Klangmagie, das ist höchste Virtuosenkunst! Wie würden da wohl Einspielungen der größer konzipierten Klavierwerke von Rachmaninow bei ihm klingen? Wer weiß, vielleicht lässt er sich darauf ja einmal ein.

Sergei Rachmaninow
Klavierwerke
Sergei Babayan
Label: Deutsche Grammophon
Bestellnummer: 9892455

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