Freitag, 21.09.2018
 
StartseiteCampus & Karriere"Das Hochschulsystem leidet unter Reformmüdigkeit"14.09.2018

Bachelor- und Master-Studium"Das Hochschulsystem leidet unter Reformmüdigkeit"

Peter André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, hält das deutsche Hochschulsystem für dringend reformbedürftig. Viele junge Menschen kämen mit völlig falschen Vorstellungen und fehlendem Grundwissen an die Universität, sagte er im Dlf. Eine einjährige Orientierungsphase könne dem entgegenwirken.

Peter André Alt im Gespräch mit Jörg Biesler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Peter André Alt ist seit August 2018 neuer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) (HRK)
Er wünsche sich, dass Studierende die Möglichkeit hätten, neben ihren fachlichen Kernkompetenzen auch in anderen Fachbereichen Fähigkeiten zu erwerben, sagte Peter André Alt im Dlf (HRK)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Reform oder Reförmchen Was soll sich beim Bachelor- und Master-Studium ändern?

Bachelor und Master Studieren alleine reicht nicht mehr

Jörg Biesler: Peter-André Alt war bis Juli Präsident der Freien Universität in Berlin und ist nun Präsident der Hochschulrektorenkonferenz als Nachfolger von Horst Hippler und damit der Sprecher der Deutschen Hochschulen. Guten Tag, Herr Alt.

Peter-André Alt: Guten Tag, Herr Biesler!

Biesler: Manche frischgekürten Amtsinhaber, die nehmen sich erst mal Zeit zur Einarbeitung, so 100 Tage manchmal. Sie starten gleich mit der Forderung zu einer umfassenden Reform der Hochschulen, genauer gesagt von Bachelor und Master. Was soll sich da ändern und warum?

Alt: Insbesondere geht es mir darum, dass viele, die aus der Schule kommen, keine klare Vorstellung von ihrem späteren Studium haben, dass sie häufig, unabhängig davon übrigens, ob sie zwölf oder 13 Jahre zur Schule gegangen sind, Lücken haben im Grundwissen und dass es deswegen gut wäre, wenn sie am Anfang ihres Studiums für ein Jahr noch einmal die Möglichkeit hätten, durch verschiedene Fächer hindurchzugehen, vielleicht auch neue Fachkulturen kennenzulernen, also in einem Studium Generale gewissermaßen das Spektrum der hochschulischen Möglichkeiten zu erfahren, um nach diesem Jahr eine begründete Wahl des Fachstudiums zu treffen.

Dieses erste Jahr soll nicht einfach nur ein Schnupperjahr sein, sondern es soll auch die Möglichkeit geben, Prüfungen abzulegen, bereits Leistungspunkte für das spätere Studium im Fach zu erwerben, aber es soll vor allen Dingen das Grundwissen, die Breite des Grundwissens, an dem es fehlt, verstärken.

"Bei uns fehlten viele Dinge, die noch gar nicht bekannt waren"

Biesler: Klingt wie der große Befreiungsschlag aus der Diskussion des Übergangs von Schule zu Hochschule, die wir ja seit einigen Jahren schon intensiv führen. Die Hochschulen klagen ja darüber, dass die Grundqualifikationen fehlen, lang angelegte Einführungsphasen an den Hochschulen sind mittlerweile standard. Da wird also einiges verlagert von der Schule an die Hochschule. Ist das denn eigentlich gut?

Alt: Also ich glaube, es ist unabdingbar, und das mathematische Grundwissen, das ja in fast allen Fächern, wenn man mal von den Geisteswissenschaften absieht, unabdingbar ist, ist nicht so gefestigt zumindest, dass man sagen kann, das reicht aus, um erfolgreich zu starten in ein wirtschaftswissenschaftliches oder naturwissenschaftliches Studium, und deswegen wäre auch eine solche Orientierungsphase gut.

Sie soll ja nicht nur ausrichten auf mögliche Fachkulturen, sondern sie soll auch die Möglichkeit bieten, beispielsweise bestimmte Kenntnisse gezielt zu intensivieren. All das wäre die Funktion, und ich glaube, man muss jetzt gar keine Schulschelte formulieren. Wir müssen ja auch sehen, dass beispielsweise die Naturwissenschaften sich dynamisch weiterentwickelt haben und dass das Wissen, das man da erwerben muss, einfach umfänglicher ist.

Mit dem Physikwissen, mit dem ich in der Schule abgegangen bin, könnte man heute mit Sicherheit kein Physikstudium mehr aufnehmen. Bei uns fehlten viele Dinge, die noch gar nicht bekannt waren. Also keine Schelte gegenüber der Schule, aber einfach die Einsicht, Wissen ist akkumuliert, gewachsen und muss entsprechend in der Hochschule frühzeitig noch mal breiter angelegt werden.

Kompetenzen über das fachliche Wissen hinaus erwerben

Biesler: Ja, das eine, was ich bei Ihnen höre, ist die Festigung des Grundlagenwissens in entscheidenden Bereichen für das jeweilige Studium. Ich habe aber, glaube ich, auch verstanden, dass Sie auch noch mal einen breiteren Begriff von Bildung im Sinn haben, der ja doch vielleicht in den letzten Jahren ein bisschen zusammengeschmolzen ist.

Alt: Das ist richtig. Gerade übrigens auch deswegen, weil die Differenzierung der Fächer gewachsen, das Volumen des Wissens größer geworden ist. Da geht manches verloren. Und ich wünsche mir eigentlich, dass wir am Ende eines dann achtsemestrigen Bachelorstudiums, nicht vielleicht für alle Fächer, aber einen großen Teil, junge Leute haben, die auch über ihr fachliches Wissen hinaus Kompetenzen haben. Ich wünsche mir Ingenieure, die auch mal in die kunstgeschichtliche Vorlesung gehen.

Das war ein Modell technischer Universitäten in den 60er-Jahren, das man wieder aufleben lassen sollte, und ich wünsche mir auch, ganz ausdrücklich, Geisteswissenschaftler, die ein Grundverständnis von zentralen Fragen der Natur- und Lebenswissenschaften, und das wäre im Sinne eines solchen erweiterten Bildungsbegriffs umzusetzen durch dieses Modell.

Biesler: Was sollte sich denn noch verändern, sozusagen in technischer Hinsicht, was das Studium angeht?

Alt: Also ich denke, dass es wichtig ist, dass man dann danach die sechs Semester eines Bachelorstudiums mit fachwissenschaftlichem Schwerpunkt absolviert. Ich glaube …

Biesler: Also das Studium Generale kommt dazu.

Alt: Das kommt dazu, und dann hätten wir einen achtsemestrigen Bachelor, also ein Jahr zunächst mal Orientierungs- oder Grundlagenstudium und dann ein sechssemestriges fachwissenschaftliches Studium, so wie es jetzt der Bachelor von Anfang an vorsieht. Dann bleiben, weil wir ja im Rahmen des Bologna-Modells insgesamt eine Studienzeit von fünf Jahren haben, nicht mehr vier, sondern zwei Semester für den Master.

Den Master, der dann nur noch ein und nicht zwei Jahre umfasst, würde ich vor allen Dingen als ein Studium sehen für diejenigen, die künftig auch an Forschungskarrieren, vielleicht in der Universität oder in der Industrie, interessiert sind, als Vorbereitung auf eine erste selbstständige wissenschaftliche Arbeit.

Menschen im Denken und methodischen Kompetenzen schulen

Biesler: Ich höre da auch ein Plädoyer für einen stärker wissenschaftsorientierten Master. In den vergangenen Jahren sind ja unglaublich viele Studiengänge eingeführt worden neu, die sehr, sehr spezialisiert und sehr berufsnah sind. Denken Sie da auch an eine neue Aufgabenverteilung von Universitäten und Fachhochschulen?

Alt: Ich bin über diese sehr feine Ausdifferenzierung im Fachspektrum nie ganz glücklich gewesen. Ich würde mir mehr wünschen, dass wir wieder zurückkommen zu den Kernfächern und von dort aus dann auch die wissenschaftliche Qualifikation vorantreiben. Ich glaube, das ist jetzt nicht unbedingt ein Punkt der Differenzierung zwischen den Universitäten und den Fachhochschulen. Beide Hochschultypen haben diese sehr nuancierte Ausprägung sehr spezialisierter Studiengänge vorangetrieben in den letzten Jahren, in der Erwartung, man würde damit besser auf den Berufsmarkt vorbereiten.

Ich halte das für einen Fehlschluss. Die Berufsmärkte verändern sich im digitalen Zeitalter rasant. So schnell können wir gar keine Studiengänge nachbauen. Das ist auch falsch. Studiengänge sollen uns – und das gilt für die Fachhochschulen genauso wie für die Universitäten – durch das Erlernen von Kernkompetenzen und durch die Vermittlung von den Methoden in die Lage versetzen, in Zukunft im Beruf auch den Herausforderungen zu begegnen, die vor uns liegen. Damit machen wir die Menschen berufsfähig, indem wie sie im Allgemeinen, in ihrem Denken, in ihrer methodischen Kompetenz schulen und nicht, indem wir sie spezifisch auf ganz besondere fachliche Herausforderungen vorbereiten. Die kommen dann im Beruf. Wenn sie gut methodisch vorbereitet sind, werden sie die auch bewältigen.

"Die große Bachelor-und-Master-Reform war anstrengend"

Biesler: Jetzt habe ich schon gesagt, das ist ein großer Aufschlag zu Beginn Ihrer Amtszeit, hier diese Vorschläge zu unterbreiten. Sie sprechen für die Hochschulrektoren insgesamt, aber ich vermute mal, Sie haben es noch nicht mit jedem abstimmen können. Für wie wahrscheinlich halten Sie es denn, dass Sie da auf eine große Resonanz stoßen?

Alt: Ich weiß aus der Diskussion dieses Themas, die ich in meiner eigenen Universität, der Freien Universität schon vor einiger Zeit geführt habe, dass das ein Vorschlag ist, den viele unterstützen. Ich weiß aber auch, dass es aus einzelnen Fächern Kritik gibt. Deswegen muss man überlegen, ob man nicht erst einmal startet in einigen Fächern. Ich weiß, dass es viele Hochschulen gibt, die bereits mit einem Studium Generale experimentieren, gerade aus der Not heraus, dass viele Studierende nicht genau wissen, ob das der richtige Weg ist, den sie da nach dem Abitur eingeschlagen haben, und vor diesem Hintergrund, glaube ich, können wir eine Reform uns durchaus zumuten. Ich weiß, das Hochschulsystem leidet ein wenig unter Reformmüdigkeit. Die große Bachelor-und-Master-Reform war anstrengend, aber ich werde diesen Vorschlag unterbreiten und mit meinen Kolleginnen und Kollegen diskutieren, in der Hoffnung, dass es auch einige gibt, die sich in den Ländern dann auf diesen Weg machen werden.

Biesler: Peter-André Alt, seit August Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Danke schön!

Alt: Vielen Dank, Herr Biesler!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk