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Bad Godesberg
Nach dem Tod eines 17-Jährigen herrscht Unsicherheit

In Bonner Republik-Tagen habe man in Bad Godesberg wie in einer Schneekugel gelebt, meint Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke. Nachdem vor zwei Wochen der 17-Jährige Niklas P. im ehemaligen Diplomatenviertel so schwer niedergeprügelt wurde, dass er eine Woche später an seinen schweren Verletzungen starb, fühlen sich viele Bürger verunsichert.

Von Vivien Leue | 21.05.2016
    Blumen und Kerzen stehen in Bonn (Nordrhein-Westfalen) vor und neben dem Kreuz an der Stelle, an der der nun verstobene Niklas P. (17) von bisher Unbekannten zusammengeschlagen wurde.
    Der Tatort. Große Anteilnahme nach dem tragischen Tod von Niklas P. (dpa / Caroline Seidel)
    Das Entsetzen und die Anteilnahme nach dem Tod von Niklas P. sind auch zwei Wochen nach der Tat groß. An dem kleinen Platz gegenüber vom Bad Godesberger Bahnhof, an dem der 17-Jährige in der Nacht auf den 7. Mai niedergeprügelt wurde, herrscht reges Kommen und Gehen. Menschen halten inne, legen Blumen nieder und zünden Kerzen an. Sagen wollen die wenigsten etwas.
    "Weil es einfach so schrecklich ist."
    "Ja, ja, weil es einem einfach zu nahe geht."
    Was viele Menschen dann aber doch erzählen, sobald das Mikrofon aus ist, ist, dass sie sich nicht mehr sicher fühlen in ihrem Stadtteil. Dass sie Angst haben, wenn sie Nachts unterwegs sind. Die Bad Godesberger Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke kennt diese Sorgen. Das subjektive Sicherheitsgefühl habe seit der Tat stark gelitten, sagt sie. "Also Bad Godesberg hat zu den guten alten Bonner Republik-Tagen, als die Bundesregierung hier noch in der Hauptstadt saß, wie in einer Schneekugel gelebt. Die ganze Welt tanzte um uns herum. Sehr geschützter Bereich, jedes zweite, jedes dritte Haus hatte Polizeischutz."
    Mittlerweile sei Bad Godesberg in der Realität angekommen, in der eben nicht an jeder Ecke Polizisten stehen - und in der es auch Kriminalität gebe. "Gefühlt gerade für ältere Herrschaften ist das natürlich eine ganz andere Welt geworden." Die Bezirksbürgermeisterin will jetzt schnell und unbürokratisch dafür sorgen, dass sich die Menschen bald wieder wohl fühlen in ihrem Stadtteil: "Da haben wir noch nicht genug getan. Ich denke da an Beleuchtung, ich denke da an Heckenrückschnitt. So sehr wir unsere Grünanlagen lieben tagsüber und so wundervoll das aussieht. Spätestens wenn's an zu dämmern fängt, gruselt mich das."
    Und auch die Polizei versucht, den Bürgern wieder ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, sagt ein Beamter: "Was natürlich ganz ganz schwierig ist. Das geschieht in Gesprächen mit den Beamten vor Ort aber es ist natürlich sehr schwierig, hier mit Zahlen der Kriminalstatistik das Sicherheitsgefühl wiederherzustellen."
    Zunahme von Gewaltdelikten
    Denn die Kriminalstatistik für Bad Godesberg zeigt, dass der Stadtteil in den letzten Jahren gar nicht gefährlicher geworden ist und er ist auch nicht gefährlicher als andere Bonner Viertel. Die Zahl der Einbrüche und Diebstähle ist rückläufig, allerdings haben Gewaltdelikte, wie gefährliche Körperverletzungen, zugenommen.
    Einer, der diesen Wandel des Stadtteils mitgemacht hat, ist Walter Ullrich. Seit fast 50 Jahren führt er das Kleine Theater im Stadtpark. "Es begann damit, dass die schönen Geschäfte, die wir alle hatten, vom Feinkostladen bis zum exklusiven Porzellangeschäft alle verschwanden, und das ist im Laufe der letzten Jahre immer schlimmer geworden. Wenn sie heute über die Hauptstraße gehen, sehen Sie nur noch Döner und Kebab und Ein-Euro-Läden. Also das ist ein richtiger Abstieg."
    Damit sich seine Theatergäste nicht ängstigen, wenn sie nach der Vorstellung durch den Stadtpark zu ihren Autos gehen, hat Ullrich mittlerweile einen privaten Sicherheitsdienst engagiert. Eigentlich sei das ja Aufgabe der Behörden, sagt er. Aber auch an dem Ort, an dem Niklas P. so schlimm geschlagen und getreten wurde - er liegt nur fünf Minuten zu Fuß von Ullrichs Kleinem Theater entfernt - sei viel zu wenig für die Sicherheit getan worden: "Ich verstehe nicht, warum wir nicht besser geschützt werden, zum Beispiel gehört an diesem neuralgischen Punkt eine Videoüberwachung hin. Wenn es eine Videoüberwachung gegeben hätte, hätte sich der Angreifer wahrscheinlich überlegt, ob er dem armen Mann so gegen den Kopf tritt, dass er stirbt."
    Heute wird Niklas in Bad Godesberg beigesetzt, mehrere hundert Menschen werden zu seiner Trauerfeier erwartet. Die Anteilnahme an seinem Schicksal und dem seiner Familie steht heute im Mittelpunkt. Aber danach, da sind sich Theatermacher Ullrich und die Bezirksbürgermeisterin Stein-Lücke einig, wird Bad Godesberg noch so einige Sicherheits-Diskussionen zu führen haben.