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Bakterien sei Dank

Umwelt.- In den 85 Tagen, in denen das Leck in der Bohrplattform "Deep Water Horizon" nicht gestopft werden konnte, sind fast fünf Millionen Barrel Rohöl ausgelaufen. Was weniger im Fokus der Aufmerksamkeit stand, war das gleichzeitig entwichene Erdgas, nach dem US-Forscher nun gefahndet haben.

Von Dagmar Röhrlich | 07.01.2011

    Fast 40 Prozent der schwarzen Ölwolke bestand aus Erdgas, also hauptsächlich aus Methan. Zwischen 146 606 und 200 500 Tonnen sollen entwichen sein. Für die Meeresbewohner ist das Erdgas harmlos:

    "Das ausgetretene Methan scheint nach unseren derzeitigen Informationen vollkommen verschwunden zu sein. Es könnte noch kleinere Blasen geben, aber die Konzentration im Meerwasser ist mehr oder weniger auf dem normalen Niveau."

    John Kessler von der Texas A&M Universität. Zwischen Juni und Oktober hatten er und seine Kollegen auf drei Ausfahrten Proben aus der ganzen Wassersäule gezogen: Die Messungen begannen über der Unglücksstelle und endeten in etwa 500 Kilometern Entfernung.

    "Im Juni haben wir im tieferen Wasser sehr hohe Konzentrationen an gelöstem Methan gemessen. Als wir im Herbst wiederkamen, war es weg. Die Frage ist: Ist es einfach so verschwunden, hat es sich bis zur Normalkonzentration hinab verdünnt, oder aber ist es durch Mikroorganismen abgebaut worden?"

    Man habe zwei sehr starke Hinweise darauf, dass Mikroorganismen das Methan in der Tiefsee verbraucht haben, urteilt John Kessler:

    "Erstens haben wir uns die Mikroorganismen angeschaut und einen sehr hohen Anteil von Bakterien gefunden, die Methan "konsumieren". Früher im Sommer war das noch nicht der Fall."

    Nicht nur die Zusammensetzung der Mikrobengemeinschaft hatte sich verändert. Dass der plötzlich so reichlich gedeckte Tisch die Zahl der methan-abbauenden Bakterien geradezu hatte explodieren lassen, zeigte ein weiterer Indikator:

    "Als zweites Indiz haben wir den Sauerstoffverbrauch in dem Gebiet gemessen, weil der Methanabbau viel Sauerstoff kostet. Und tatsächlich fanden wir ein ziemliches Sauerstoffloch. Eine Million Tonnen Sauerstoff ist dort verbraucht worden. Wenn man die Menge an verbrauchtem Sauerstoff in Beziehung setzt zur Menge an ausgeströmtem Erdgas, sieht man ziemlich gut, dass nahezu das gesamte Methan abgebaut wurde."

    Das die Mikroorganismen im Golf von Mexico gut mit Kohlenwasserstoffen umgehen können, hatten die Forscher erwartet:

    "Im Golf von Mexiko gibt es viele natürliche Methanaustritte, an denen spezialisierte Gemeinschaften von Mikroorganismen leben, die nur darauf warten, dass mehr Methan kommt. Mit so gewaltigen Mengen werden sie normalerweise jedoch nicht konfrontiert. Aber sie reagieren schnell auf das Plus an Nahrung und "fressen" es."

    Der Ozeanograf Ian MacDonald von der Florida State University in Tallahassee stuft die Arbeit seiner Kollegen als interessant ein. Er ist Spezialist für die natürlichen Gasleckagen im Golf von Mexiko und war nicht an den Forschungen beteiligt. Ian MacDonald kann die Schlussfolgerung seiner Kollegen nachvollziehen, dass Mikroben im Wasser gelöstes Methan abgebaut haben und sich bei dieser Gelegenheit auch stark vermehrten. Skeptisch bleibt er jedoch, was das Ausmaß ihres Konsums angeht. Auf Anfrage des Deutschlandfunks schrieb er:

    "Die in dem Aufsatz veröffentlichen Daten überzeugen mich nicht davon, dass die Mikroben tatsächlich das gesamte Methan verarbeitet haben. Es wäre verblüffend, wenn sie in dem Moment, wo sich der Ausstoß an Öl und Gas vervielfacht, plötzlich alles Methan verbrauchen, bevor es die Oberfläche erreicht."

    Andere Kollegen wenden ein, dass die Bakterien für eine solche Blüte nicht nur reichlich Sauerstoff brauchen, sondern auch Spurenelemente wie Eisen, Stickstoff, Phosphor oder Kupfer - und ob die in den erforderlichen Mengen zur Verfügung gestanden haben, gilt als fraglich. Deshalb könnte es sein, dass trotz der Abbauarbeit der Mikroorganismen, ein mehr oder weniger großer Teil des Methans in die Atmosphäre gelangt ist - und dort als Treibhausgas wirksam wird.