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StartseiteSonntagsspaziergangAnna, Alex und ihr Bus Luna31.08.2014

Baltic Sea CircleAnna, Alex und ihr Bus Luna

"Die nördlichste Abenteuerrallye der Welt" – so nennen die Veranstalter die Baltic Sea Circle, eine Auto-Rallye rund um die Ostsee. Die Strecke geht von Hamburg bis ans Nordkap und wieder zurück nach Hamburg. Die Bedingungen: Das Auto muss älter als 20 Jahre sein, es dürfen keine Autobahnen benutzt werden und auch kein GPS. Jeden Tag gibt es Aufgaben zu erfüllen – denn es gewinnt nicht, wer am schnellsten da ist, sondern wer die Aufgaben am besten erfüllt. Das Ganze für einen guten Zweck.

Von Anna Kohn

Anna Kohn und Alexandra Hohl sind mit einem roten Bus unterwegs. (Alexandra Hohl)
Anna Kohn und Alexandra Hohl sind mit dem Bus unterwegs. (Alexandra Hohl)
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Weiterführende Information

Homepage der BalticSea Circle Ralley

7.500 Kilometer in 15 Tagen: Das liegt vor uns. Ich sitze auf dem Beifahrersitz von Luna, unserem VW Bus. Neben mir sitzt Alex hinterm Steuer. Wir haben kein Navi, kein GPS, wir haben großformatige Karten, mit denen wir es einmal um die Ostsee schaffen wollen. Und jetzt geht's los.

"Rumpel pumpel - ein Glück ist die Rampe nur gemietet. Wir machen weiter mit dem Team Nummer 29 - wheel make it.Was habt ihr euch vorgenommen, welche Strecke werdet ihr fahren?"

Alex: "Über die Fähre ab zum Nordkap."

Maschine: "Über die Fähre ab zum Nordkap! Dann aber auch mal bitteschön: die Nummer 29, wheeel make it!"

In meinem Bauch: Eine Mischung aus Vorfreude und dem Gefühl, dass wir völlig verrückt sind. Von Hamburg werden wir nach Dänemark fahren, dann nach Schweden, Norwegen, Finnland, Russland, Lettland, Estland, Litauen, Polen - und wieder zurück nach Hamburg. Bei dem Gedanken wird mir ein bisschen schwindlig. Ben vom Team "Baltic Sea Pirates" hat es beim Start so ausgedrückt:

"Ich hab vor 'nem Dreivierteljahr gesagt, ja, ich bin dabei. Dann hab ich mir jetzt vor 'ner Woche überlegt: 16 Tage lang, zehn Stunden im Auto hocken - wie krank ist das denn? Aber man kann ja jederzeit mit dem Flieger zurück. Aber machen wir nicht."

Wir machen das auch auf gar keinen Fall. Wir wollen alles tun, um ins Ziel zu kommen - und hoffen, dass unser VW Bus mitmacht und uns nicht im Stich lässt.

Durch Hamburg durch fahren wir Richtung Fehmarn. Draußen scheint die Sonne bei 25 Grad. Wir reißen die Fenster auf, drehen die Musik lauter. Ein Jahr lang - seit wir zum ersten Mal von der Rallye gehört haben - haben wir auf diesen Moment gewartet.

Erste Etappe: 500 Kilometer

Als wir am Timmendorfer Strand das erste Mal die Ostsee sehen, habe ich schon das Gefühl, alle Verpflichtungen hinter mir zu lassen. Ab jetzt zählt für mich nur noch die Reise.

Die ersten 500 Kilometer übersteht der Bus ohne Probleme - die erste Tagesetappe ist geschafft. Alex:

"Wenn das so weiter geht, das wird wunderbar."

Ich sehe das genauso wie Alex. Wir übernachten im Heck von Luna, am Rande eines kleinen schwedischen Örtchens. Am nächsten Morgen kochen wir Kaffee und Tee in der Bulli-Küche, und sitzen in unseren Campingstühlen noch ein wenig in der Sonne. Noch fühlt sich die Rallye an wie Urlaub. Wir starten frisch und ausgeruht in die nächste Etappe.

Luna ist über 20 Jahre alt, und sie hat ihre Eigenheiten: Zum Beispiel die Lüftung. Die pfeift. Es ist das Geräusch der Reise, es begleitet uns zwei Wochen lang jeden Tag, zehn Stunden. Erst stört es mich, dann höre ich es gar nicht mehr.

Ich war noch nie in Schweden - als wir durch den Süden fahren, bin ich begeistert von den kleinen roten Holzhäusern, den Wäldern, den sanften grünen Wiesen. Wir folgen dem Roadbook und fahren Richtung schwedische Ostküste.

200 Kilometer mit dem Aroma vergorenen Fisches

Kurz vor Stockholm wohnen Kezia und Pontus, die ich noch aus dem Studium kenne. Wir nutzen die Chance, bei ihnen zu duschen - das ist das Einzige, was uns im Bulli jetzt schon fehlt. Pontus ist Schwede. Ich hoffe, dass er uns mit etwas Landesspezifischem weiterhelfen kann. Eine unserer Tagesaufgaben lautet nämlich, eine Dose "zu kaufen, zu öffnen und 200 km geöffnet mit dem Auto zu transportieren. "

Anna: "Was hast du für Erfahrungen mit Sürströmming gemacht?"

Pontus: "Ich habe ihn nie probiert. Ich hab ihn gerochen. Und das ist widerlich. Ich verstehe nicht, wie Leute das essen können. Es ist vergorener Fisch, also..."

Anna: "Hast du einen Rat für uns?"

"Nicht essen! Das ist mein Rat. Die Leute packen ihn zwischen Brotscheiben und dann können manche das anscheinend aushalten, aber ich versteh das nicht."

Die Schweden, die Sürströmming mögen, essen ihn traditionell am Ende des Sommers. Es ist Hering, der im Frühjahr in Salzlake eingelegt wird und dann acht Monate gärt. Das Schlimmste am Sürströmming soll der Geruch sein: Vergammelt, verwest. Der Fisch stinkt anscheinend so sehr, dass man Brechreiz bekommt.

Wir wollen uns davon aber nicht abhalten lassen. In einem Supermarkt kaufen wir am nächsten Tag eine Dose Sürströmming und halten auf einem kleinen Parkplatz im Wald.

Anna: "Okay, wir haben alles vorbereitet, wir haben ne Plastiktüte, weil der Sürströmming angeblich spritzt beim Aufmachen, wir haben nen Dosenöffner. Die Alex hält jetzt das Mikro und ich werd versuchen, den Fisch aufzumachen."

Er sprudelt schon raus, der Sürströmming, ich riech ihn aber noch nicht.

Alex: "Pass auf, dass du dich nicht vollspritzt."

Anna: "Der ist schon rausgespritzt, ist auch schon an meinen Händen."

Anna: "Tsss. Also es spritzt jetzt ne rosafarbene Flüssigkeit aus der Dose und so rosafarbene Fischteile."

Ich atme vorsichtshalber nur noch durch den Mund.

Anna: "Riechst du schon was?"

Alex: "Ich riech noch gar nichts."

Anna: "Willst du mal näher kommen, der ist jetzt offen."

Der Sürströmming ist jetzt offen, also zum Teil.

Alex: "Ich riech nichts, vielleicht ist der gar nicht mehr gut. Warte..."

Anna: "Also ich riech ihn schon... "

Alex: "Ahja, doch ich rieche ihn auch."

Der Sürströmming stinkt widerlich, ein Geruch, der mir den Magen umdreht. Ich möchte am liebsten mehrere Meter wegrennen. Nur mit Mühe kann ich mich dazu bringen, das Ding in eine Plastiktüte zu wickeln.

Für den Transport haben wir uns etwas ganz Geschicktes ausgedacht: Wir wickeln die offene Dose Sürströmming in noch mehr Plastiktüten und kleben das Päckchen mit Panzertape an Lunas Gepäckträger fest. So reist der Stinkefisch 200 km als blinder Passagier mit uns durch Schweden. Eine der Rallye-Aufgaben haben wir schon mal erfüllt!

200 km weiter gen Norden will Alex den Fisch tatsächlich auch noch probieren, aus purer Neugierde. Ich verstecke mich hinter der Reporterrolle und lehne dankend ab. Alex ist härter im Nehmen.

Alex: "Eigentlich isst man den ja mit Kartoffeln und rohen Zwiebeln, also so gehört, ich würd' jetzt aber einfach ein Stück Brot dazu nehmen, wie auch Pontus schon meinte. Also Brot und dann da den Fisch drauf und reinbeißen."

Anna: "Alex hat den Fisch zwischen eine Brotscheibe gepackt und will das wirklich essen. Du sagst gleich, wies schmeckt, ja.

Guten Appetit."

Alex: "Es schmeckt wesentlich besser, als es riecht."

Anna: "Wie schmeckt das?"

Alex: "Nach Fisch, ich würd's mir jetzt nicht kaufen. Wirklich weniger schlimm, als er aussieht, und wesentlich weniger schlimm, als er riecht. Aber nichts, was ich mir privat abends auf dem Balkon machen würde, Sürströmming mit Kartoffeln und Zwiebeln, ne."

Die grünen Lofoten

Wir lassen den restlichen Stinkefisch zurück und fahren weiter, durch Lappland Richtung Norwegen. Wir halten jetzt immer nur noch kurz an Orten - selten länger als ein, zwei Stunden. Jeden Tag fahren wir zwischen 600 und 750 Kilometer. "Durchfahren und sich angucken, wo man noch mal länger Urlaub machen will"- das wird zum Motto der Rallye.

In Lappland sehen wir wenige Menschen, nur endlose Nadelwälder ziehen an uns vorbei. Wir vertreiben uns die Zeit mit Hörspielen, oder Musik. Alex liest viel vor, aus dem "Cicero" oder manchmal auch aus der "Gala". Wir kennen uns gut genug, dass wir nicht immer reden müssen - manchmal schweigen wir jetzt stundenlang während der Fahrt. Vielleicht macht uns auch die raue Landschaft stiller.

Dann fahren wir auf die Lofoten, eine Inselgruppe vor der Küste von Norwegen, etwa 100 Kilometer nördlich des Polarkreises:

Eine Straße auf dem Weg zum Nordkap. (Alexandra Hohl)Straße auf dem Weg zum Nordkap. (Alexandra Hohl)

Anna: "Wir sind jetzt auf den Lofoten, und es sieht schon wieder komplett anders aus: Hier ist alles grün, unglaublich grün, nur Wald, man sieht noch die schneebedeckten Berge, durch die wir eben gefahren sind. Hier ist das Wasser unglaublich grün, türkis, es sieht aus wie in der Karibik, nur halt dass daneben kleine norwegische Holzhäuser sind und kleine Buchten und es natürlich total kalt ist draußen."

Ungefähr zwei, drei Grad. Auf den Lofoten treffen wir die meisten anderen Teams wieder, am ersten festen Punkt auf der Rallye-Strecke. An einem weißen Sandstrand stehen aufgereiht die Rallye-Autos, es wird gegrillt, Bier getrunken und Geschichten ausgetauscht.

Malte: "Also sobald wir über den Nord-Polarkreis waren, also über den Polarkreis, haben wir wirklich zwei Minuten später die erste Rentier-Herde gesehen, die wirklich auf die Straße gelaufen ist. Wir mussten echt bremsen, weil die ganze Straße voll von Rentieren war. Es war wirklich so auf Knopfdruck. Und zwei, naja ne Dreiviertelstunde später, war dann irgendwie auch der erste Elch an der Straße, es war wirklich wie im Märchen, wie im Bilderbuch."

Wir haben bisher weder Elch noch Rentiere gesehen, obwohl wir die ganze Zeit nach ihnen Ausschau gehalten haben. Auf dem letzten Stück Weg zum Nordkap hoffen wir aber fest darauf, dass uns noch Rentierherden über den Weg laufen.

Luna wird auf Öl und Kühlwasser geprüft

Auf der Party sind die ersten Ausfälle von Autos zu bemerken, eine Lichtmaschine hat den Geist aufgegeben und wird vor Ort repariert. Das Team bangt ums Weiterfahren, hat aber Glück: Am Ende des Abends ist das Auto repariert. Sebastian, einer der Veranstalter der Rallye, rät zur Ruhe:

Sebastian: "Also wirklich niemals verzweifeln, es gibt immer ne Lösung, es gibt nen Ausweg. Also es macht keinen Sinn, aufzugeben, es gibt für alles Wege, um das Ziel zu erreichen."

Wir gucken bei Luna Öl nach, checken den Kühlwasserstand: Zum Glück sieht alles gut aus.

Beruhigt mischen wir uns unter die anderen Teams - hier ist endlich Zeit, sich mal länger mit den anderen zu unterhalten. Marcel und Stijn kommen aus Holland – sie sind mit einem roten BMW Cabrio unterwegs:

Marcel: "Naja, wir haben das Cabrio ausgewählt, weil wir ein bisschen naiv waren. Wir dachten, es sind die ganze Zeit 20 Grad. Sind es aber nicht. Aber bestimmt werden es bald 20. Wahrscheinlich, wenn wir in die Umgebung von Hamburg kommen."

Lagerfreuerromantik am Lofoten

Am großen Lagerfeuer erzählt Marcel dann über seine Erfahrungen mit den deutschen Teams:

Marcel: "Wir fahren Kolonne mit zwei Deutschen, richtig nette Typen. Aber wir fahren über eine Straße irgendwo in der Pampa, niemand da – und dann kommt ein Schild auf dem 60 steht. Sie stoppen sofort, so: Quieeek, und fahren 60. Nicht 61, nicht 62, nicht 59 – 60. "

Anna: "Glaubst du, das ist typisch für Deutsche?!"

Marcel: "Ziemlich typisch. Wenn irgendwo steht, das muss so gemacht werden, ist das wie ein Gesetz, so: Ah, natürlich machen wir das."

Wir beiden Frauen erfüllen dieses Stereotyp allerdings überhaupt nicht, wird sich später herausstellen. Der Abend auf den Lofoten geht mit Lagerfeuerromantik zu Ende:

Um zwei Uhr nachts stehen wir neben einem Lagerfeuer am Strand und singen. Nur dass es immer noch hell ist dabei: Wir haben den Polarkreis passiert. Ab jetzt geht die Sonne nicht mehr unter, der Himmel bleibt strahlend gelb. Die "weißen Nächte" machen fast süchtig: Der Körper gewöhnt sich an das Licht, man ist weniger müde.

Rentiere stehen sich in den Bauch

Am nächsten Tag starten wir zu unserem großen Zwischenziel auf der Reise: dem Nordkap.

Es gilt als der nördlichste Punkt Europa. Der liegt eigentlich ein paar Kilometer weiter westlich, aber das Nordkap, das steil als Felsklippe ins Meer hineinragt, ließ sich einfach besser touristisch vermarkten. Die Strecke dorthin ist beliebt für Urlauber mit Wohnmobilen: Viele begleiten uns auf den letzten Kilometern ans Nordkap. Wir fahren durch eine karge Landschaft, matschige braune Erde, Schneeflecken – und jetzt auch Rentiere.

Anna: "Alle zweihundert Meter steht hier ne Rentierherde rum, und das geht so weit, dass man mittlerweile schon eher denkt: Äh, bitte geht von der Straße runter, liebe Rentiere. Wir haben leider auch schon drei tote Rentiere an der Wegstrecke gesehen, an der Straße, uns hat vor der Reise jemand gesagt, dass die Rentiere meistens einfach auf der Straße stehenbleiben, und nicht weglaufen. Die Begeisterung über die erste Rentier-Herde ist dann doch jetzt n bisschen abgeflaut, wo man sie eher so als Gefahr auf der Straße wahrnimmt. "

Stück für Stück kämpfen wir uns durch den Wind die geschlängelte Straße bis zum Nordkap herauf, auf unserer Windschutzscheibe sammelt sich Schnee. Das Nordkap kostet: Wir zahlen rund 40 Euro Eintritt und parken vor dem Besucherzentrum.

Andere Teams sind auch schon da – Team "In Rust we trust" ist ein Stück hinter uns hergefahren.

Nordkap mit Klippe und Touristenbusse

Ramin: "So Mädels, jetzt mal ehrlich: Was habt ihr hier fürn Fahrwerk drin? Oder wer von euch fährt? Völlig geisteskrank! Also: Respekt, Respekt. Ich fahr jetzt seit acht Jahren Nordschleife, hobbymäßig, und ich kenn den SE 10 noch nicht so lange, und da wären vielleicht noch fünf bis zehn km/h drin gewesen, aber der ist auch die Hälfte eurer Höhe. Also Respekt. Also entweder lebensmüde oder Respekt, ich bin mir noch nicht sicher. "

Wir sind schon ein bisschen stolz auf unsere Verwegenheit und unsere Qualitäten als Rallye-Fahrerinnen. Dafür ist das Nordkap bei dem Wetter ziemlich enttäuschend, finde ich.

Anna: "Ich stehe jetzt am Nordkap, dem eigentlichen Ziel unserer Reise, und alles was ich denken kann, ist: Der Weg ist das Ziel. Denn das hier ist eigentlich nur eine Klippe und Busse voll Touristen. Und ich finds, ehrlich gesagt, nicht besonderes.

Wir haben hier trotzdem eine Aufgabe zu erfüllen: 

Ein Foto mit Luna und dem Globus, der an der Spitze des Nordkaps steht. Es gibt keinen offiziellen Weg, um mit dem Auto dorthin zu kommen. Wir versuchen es trotzdem – schließlich ist das hier eine Rallye:

Dreist fahren wir über eine Schotterpiste um das Besucherzentrum herum, umkurven einen Van von der Aufsicht, der uns aufhalten will, und stellen uns direkt vor den Globus.

Dann sehen wir zu, dass wir an der Kasse vorbei schnell wieder wegkommen vom Nordkap.

Alex: "Geschafft! Das Adrenalin ist immer noch in den Adern, wir sind aber schon wieder auf dem Rückweg, die Fotos haben wir gemacht, es gibt tatsächlich, die Tagesaufgabe ist erfüllt, ein Foto von unserem VW Bus und einem Globus in einer gemeinsamen Aufnahme."

Und dafür waren wir ja schließlich da. Jetzt heißt es für uns: Immer weiter nach Süden, den Kreis um die Ostsee vollenden. In drei Tagen brausen wir durch Finnland, stoppen nur kurz in Helsinki und setzen mit der Fähre zur estnischen Hauptstadt Tallin über.

In der Nähe von Tallin treffen wir die anderen Teams zum zweiten Mal wieder. Diesmal findet die Party in einem großen Tipi statt, ein Buffet wartet auf uns. Zeit, um durch zu atmen. Mit Malte vom Team "Polarexpress" lasse ich die bisherige Reise Revue passieren:

Litauischer Berg der Kreuze

Malte: "Also ich hab Europa kennengelernt, an Flecken, die glaube ich kaum einer aus meinem Freundeskreis jemals sehen wird. Und ich hab festgestellt, dass Europa grad im Nordosten unglaublich schön ist, grade sehr sehr frei, sehr sehr natürlich, nicht diese Städtetrips und diese Shoppingtrips nach Paris, Rom oder nach Barcelona zum Party-Beach-Urlaub, sondern wirklich Freiheit. Wildcampen, um die Ostsee fahrn, skandinavische Natur – das ist unglaublich."

Mir geht es ähnlich: Ich denke an Südschweden, die Lofoten, und bin gespannt auf den letzten Teil der Reise.

In Litauen stoppen wir kurz an einem besonderen Ort: Dem Berg der Kreuze. Eine Holztreppe führt auf den Berg, der eigentlich aus zwei Hügeln besteht. Auf diesen Hügeln haben Gläubige Zehntausende Kreuze aufgestellt:

Anna: "Große Holzkreuze, verwittert, vom Regen und von der Sonne, graues Holz, daran hängen wiederum kleine Holzkreuze, so dicht, dass man schon gar nicht mehr erkennen kann, was die einzelnen Kreuze sind, man sieht nur noch die Spitzen. Da vorne ist ein Kreuz mit einem Jesus, der eine Dornenkrone trägt, und selbst an den Spitzen der Dornenkrone sind noch mal kleine Kreuze aufgehängt."

Der Hügel ist ein katholischer Ort, aber auch ein politischer. Von 1945 ab gehörte Litauen zur Sowjetunion. In den folgenden 40 Jahren wurde der Berg der Kreuze mehrfach von den Kommunisten zerstört, die Kreuze verbrannt oder zerschlagen. Jedes Mal wurden kurz danach neue Kreuze errichtet - so wurde der Hügel auch zum Symbol des Widerstandes gegen die Sowjets.

Nach dem Berg der Kreuze geht es heiterer weiter. Wir bewältigen in Litauen auch noch die seltsamste Aufgabe aus dem Roadbook: Eine Ziege soll auf dem Fahrersitz sitzen. Wir hatten die Aufgabe schon aufgegeben – da fahren wir zufällig an einer Wiese vorbei, auf der eine Ziege steht.

Wir stoppen sofort und klingeln kurz entschlossen an dem kleinen Haus. Wie fragt man jemanden, ob man seine Ziege kurz ausleihen darf?! Aus dem Haus kommt eine ältere Frau mit freundlichem Gesicht, stämmig, sie trägt ein Kopftuch und eine Strickjacke. Ich versuche es auf Englisch:

Eine Ziege sitzt hinter dem Steuer von einem Auto. (Alexandra Hohl)Zieger hinter dem Steuer (Alexandra Hohl)

 

Anna: "Äh... goat in English? Äh..."

Die Frau guckt mich ratlos an und schimpft mit ihrem Hund.

Ich hole einen Block, zeichne eine Ziege und das Auto, wir gestikulieren wild herum, und schließlich nickt die alte Dame und lacht.

Am Halsband zieht die alte Dame ihre Ziege heran und gemeinsam hieven wir sie auf den Fahrersitz von Luna.

Die Ziege sieht äußerst unglücklich aus, eingequetscht zwischen Lenkrad und Sitz. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und bespaße das Tier.

Anna: "Schnalzen... "

Alex: "Ziege! Guck mal hier hin... Ziege! "

Alex macht schnell ein Beweisfoto, wir bedanken uns bei der alten Dame und sind schon wieder unterwegs.

Die Begegnung mit der alten Dame bleibt mir noch lange im Gedächtnis, nicht nur wegen der wunderbaren Fotos mit der Ziege als Fahrerin. Die Frau ist für mich ein Beispiel dafür, dass Reisen seine eigene Magie hat: Wildfremde Menschen helfen einem bei absurden Vorhaben.

9000 Kilometer, 9 Länder, 15 Tage

Der letzte Teil der Rallye vergeht unglaublich schnell: In drei Tagen rasen wir durch fünf Länder. Wir fahren durch Estland, Lettland, Litauen, über die Kuhrische Nehrung nach Kaliningrad und durch Polen. Dann sind wir schon wieder in Deutschland, passieren Berlin, und fahren in Hamburg auf den Fischmarkt zu: Das Ziel ist in Sicht.

Alex: "Da ist die Ziellinie."

Anna: "Oh ja, ich sehe auch die Ziellinie."

Maschine: "Ihr habt's gerockt, Wheel make it!"

Mit Schwung fahren wir durchs Ziel. 9000 Kilometer in 15 Tagen. Neun Länder und unzählige Begegnungen liegen hinter uns. Ich bin überwältigt und stolz. Alex auch:

Alex: "Wir haben's geschafft, wir haben's geschafft, voll gut, voll gut! "

Hinter uns trudeln weitere Teams ein, der Fischmarkt füllt sich mit Rallyeautos. Von 112 Teams haben es 105 ins Ziel geschafft, sieben sind auf der Strecke liegengeblieben. Wir stoßen mit den anderen Teams an - auf uns und auf die Reise:

Malte: "Wahnsinnig viele Leute, gute Stimmung, du siehst die ganzen anderen Autos, die alle schon da sind, alle feiern dich, du selbst bist total happy, dass es durch ist, dass du's geschafft hast, dass das Auto das durchgehalten hat. Es war großartig. "

Luna hat keinen einzigen Schaden gehabt, wir haben uns nur einmal kurz verfahren. Leider kommen wir nicht unter die ersten drei, obwohl wir fast alle Tagesaufgaben geschafft haben. Macht aber nichts. "Master of Adventure" steht auf der Urkunde, die wir bekommen, und genau so fühlen wir uns auch.

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