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StartseiteMusikjournalOrchester auf Reisen14.06.2016

Bamberger Symphoniker in SüdamerikaOrchester auf Reisen

Genau 70 Jahre sind die Bamberger Symphoniker alt: ein bayerisches Spitzenorchester, in dem rund 25 Nationen vertreten sind. Erst kürzlich kehrten die Musiker von einer Südamerika-Tournee zurück, die sie nach Brasilien und Argentinien geführt hat. Für Chefdirigent Jonathan Nott war es die letzte große Auslandreise mit diesem Orchester.

Von Thomas Senne

Jonathan Nott dirigiert die Bamberger Symphoniker  (dpa / David Ebener)
Geht von Bamberg nach Genf: Jonathan Nott (dpa / David Ebener)

Nach einem rund 13-stündigen Nachtflug von Frankfurt nach Sao Paulo, eingequetscht in die engen Sitze der Economyklasse, ist für die Bamberger Symphoniker zunächst einmal eines angesagt: Schlange stehen in der Abfertigungshalle des Airports, um die Einreiseformalitäten zu erledigen.

Dann geht es vom Flughafen um 6.30 Uhr früh mit zwei gecharterten Reisebussen zum Hotel: Fahrtzeit zwei Stunden. Einige der Musiker spielen mit ihren Handys herum. Andere wiederum lesen in Reiseführern oder blicken aus den Busfenstern auf die vorüberziehenden Hochhausschluchten mit ihren Graffities.

Chefdirigent Jonathan Nott ist im selben Luxushotel wie sein Orchester untergebracht. Er liebt die Abwechslung bei einer Tournee.

"Das ist ein Gegenpol zu dem Alltag in Bamberg. Wenn man auf Tournee ist, hat man neues Publikum. Mein Job als Dirigent ist, diesem Kollektiv von Musikern zu sagen: Es wird o.k., und dann sie ganz sanft über ihre Grenzen hinauszuziehen. Wir springen gerade jetzt vom Berg und werden von dem Fallschirm gefangen. Und diese ständige Gelegenheit, die Angst zu überwinden, das kommt natürlich auf Tournee sehr oft vor, weil man entdeckt neue Erlebnisse ständig. Man hat natürlich schon eine besondere Bestätigung, dass die Musik spricht."

Im Ibapuera-Park von Sao Paulo

Der Ibirapuera.Park von Sao Paulo ist einer der Orte, wo die Bamberger Symphoniker bei ihrer Reise auftreten. Doch zunächst dröhnt aus diversen Lautsprecherboxen nur ein wabernder Soundmix. Hubschrauber knattern durch die Lüfte. Riesenjets überfliegen das Gelände. Doch bald werden die Symphoniker hier ein Open-Air-Konzert geben - mit Werken von Beethoven, Rachmaninoff, Ligeti und Mozart.

Pünktlich zum Konzertbeginn verziehen sich die dunklen Gewitterwolken und Tausende von Besuchern, die auf einer Wiese vor dem futuristischen Bühnengebäude des brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer lagern, können in Sao Paulo bei 28 Grad Celsius den rund 100 aus Bamberg angereisten Musikern lauschen, nur manchmal ein wenig von Wasser- und Popcorn-Verkäufern gestört, die während der Veranstaltung ihre Waren anbieten: Klassik im Park auf Brasilianisch.

Ein paar Tage später faszinieren die Bamberger Symphoniker unter Leitung von Jonathan Nott erneut das Publikum der 12-Millionen-Metropole: mit Beethovens "Schicksalssinfonie" und wieder mit Stücken von Mozart - ein ergreifender Abend voller dynamischer Kraft im umgebauten Bahnhof der Mega-City, einem mit korinthischen Säulen ausstaffierten Konzertsaal von einer umwerfend weichen Akustik.

Vor allem der Solist Günther Forstmaier begeistert die Zuhörer im Klarinettenkonzert A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart durch sein überaus einfühlsames, nuancenreiches Spiel - Standing Ovations. Sicher mit einer der Höhepunkte dieser Südamerika-Tournee:

"Für mich persönlich als Orchester-Klarinettist war das natürlich ein Highlight in meiner Karriere, auf jeden Fall."

Im Publikum mit dabei: Intendant Marcus Rudolf Axt.

"Ich glaube, dass ist jetzt die neunte Südamerika-Tournee seit Gründung des Orchesters. Also das ist auch einer unserer Fixpunkte, auf die wir immer wieder zurückkommen hier in Südamerika. Wir haben hier ein Stammpublikum. Wir haben hier Menschen, die uns immer wieder hören wollen und es ist auch Teil unseres Kulturauftrags hier und überall anders auf der Welt aufzutauchen."

Musikunterricht in einer Favela-Schule

In der spielfreien Zeit lassen es sich Zazie und Bogdan Lewandowski von den Bamberger Symphonikern nicht nehmen, mit Bratsche und Violine in einer Favela-Schule gratis Musikunterricht zu geben vor höchst motivierten Kindern aus den umliegenden Armenvierteln, vor Schülern, die sich mit einem Beatles-Song revanchieren.

Andere Vertreter des Klangkörpers geben an der Staatlichen Musikhochschule von Sao Paulo einen Workshop. Sogar bei einer brasilianischen Brauerei schauten etliche Ensemblemitglieder vorbei, um auf einem Bierfest - nach einem Schluck Gerstensaft der Marke "Bamberg" - Blasmusik zu präsentieren: Bamberg ist eben überall.

Seit rund 30 Jahren ist Harald Strauss-Orlovsky bei den Bamberger Symphonikern als Geiger mit von der Partie, ein alter Hase also. Die Reisestrapazen gehören für den 2. Konzertmeister zur Routine.

"Wenn man als Student mit den Berlinern, mit Karajan, reisen durfte und dann später mit den Münchner Philharmonikern, Chamber Orchestra of Europe mit Abbado, dann vergleicht man natürlich. Das ist klar. Manchmal ist Jetlag ganz schlimm, manchmal ist er gar nicht da. Aber in dem Augenblick, wo dann das Konzert beginnt, lassen wir uns trotz Müdigkeit oder was auch immer wahnsinnig gerne mitreißen von den Kollegen, denen es gut geht, und machen dann unseren Beethoven, den wir 100 Mal gespielt haben, zu einem besonderen Erlebnis."

Finale im legendären Teatro Colon

Krönender Abschluss der 12-tägigen Südamerikatournee - nach einem Familienkonzert und einer Stippvisite im argentinischen Ort Rosario, dem Geburtsort des Revolutionärs Che Guevara - ist dann freilich ein Auftritt im legendären Teatro Colon der 14-Millionen-Metropole Buenos Aires. Für den scheidenden Chefdirigenten Jonathan Nott, der sich in Höchstform zeigt, eine besondere Ehre, dort im vollbesetzten Konzertsaal vor 3000 Zuhörern spielen zu dürfen.

"Teatro Colon ist einer der berühmtesten Konzertorte der Welt. Und so toll, dass beim letzten Konzert es jetzt gerade zu diesem Punkt kommt: Ich habe Gänsehaut."

Bravorufe und langanhaltender Applaus in Argentinien beim Finale der Südamerikatournee der Bamberger Symphoniker, die als versierte Kulturbotschafter Bayerns überzeugen: Völkerverständigung mit Hilfe der Musik.

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