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StartseiteSport am WochenendeBananenkisten oder Metallhürden?26.06.2011

Bananenkisten oder Metallhürden?

Neue Wege in der Kinder-Leichtathletik

Laufen, Werfen, Springen - das sind die Grundbewegungsarten, und die verkümmern regelrecht bei einem Großteil von Kindern und Jugendlichen. Der Leichtathletik läuft der Nachwuchs davon. Aber das will der Deutsche Leichtathletik-Verband jetzt mit einem speziellen kindgerechten Angebot ändern.

Von Gerd Michalek

Neunjährige Kinder trainieren im Sportunterricht einer 3. Klasse der 82. Grundschule in Dresden. (AP)
Neunjährige Kinder trainieren im Sportunterricht einer 3. Klasse der 82. Grundschule in Dresden. (AP)
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"Auf die Plätze, fertig ... los!"

Das war der Start zum Hürdenlauf. Kinder müssen dabei jedoch nicht wie große Sprinter hohe Metallhürden überqueren.

"Da gibt es zwei Mannschaften, dann laufen und springen die über Bananenkisten, müssen auf der anderen Seite abklatschen."

"Das ist das, was mir bei Leichtathletik am meisten Spaß macht, weil das abwechslungsreich ist!"

Mehr Vielfalt, das kommt bei Kindern an. Nicht aus bloßer Reformlust hat der Deutsche Leichtathletik-Verband im Februar beschlossen, künftig mehr Spiel-Elemente einzubauen. Es gab handfeste Defizite im Nachwuchstraining, sagt der Trainer und Jugendreferent des Leichtathletik-Verbandes Nordrhein, Hans-Joachim Scheer:

"Das eine war, dass der Leistungssport und die medizinische Abteilung festgestellt hat: Es gibt ein Defizit in der koordinativen Ausbildung der Athleten. Und ein Defizit in der Belastungsverträglichkeit in der kompletten Ausbildung in jungen Jahren. Wir glauben, dass das Wettkampf-System, was einengt und auf wenige Disziplinen reduziert, so dominant ist, dass im Training nicht so umfassend trainiert wird, wie die Trainingslehre es gerne haben möchte."

Egal ob es um Breiten- oder Leistungssport geht: Viele Athleten sind schmalspurig ausgebildet, zu früh auf eine Disziplin geeicht - mit gravierenden Folgen:

"Es gibt einen zweiten Aspekt, dass die Leichtathletik neben den Kunstturnern und den Schwimmern und die höchste Drop-out-Quote hat."

Die so genannte Kienbaum-Studie von 2008 belegt, dass 70 Prozent aller Jugend-Leichtathleten nach fünf Jahren Training - meist schon im Alter von 18 - die Spikes an den Nagel hängen. Die Abbrecher-Quote wäre sicherlich kleiner, wenn es im Training abwechslungsreicher und altersgerechter zuginge, sagen die Reformer im DLV. Schon seit Jahren bieten einzelne Vereine alternative Wettbewerbe an: etwa den Kids-Zehnkampf, bei dem die kleinen Hürdenläufer Bananenkisten überqueren, oder - anstelle von Diskusscheiben - Fahrradreifen auf Ziele schleudern. Nun sollen sämtliche Wettkämpfe bei den Unterzwölfjährigen ein spielerisches Plus bekommen: ein Staffelrennen mit Legosteinen. Oder: Zonenweitstoß, bei dem keine Eisenkugel - wie bei Erwachsenen - sondern ein Medizinball gestoßen wird:

"Mir persönlich hat das sehr viel Spaß gemacht, weil ich auch Handball spiele. Dadurch machen mir Ballsachen und Werfen besonders viel Spaß."

Die neuen Akzente finden bei vielen Trainern Anklang, nicht bei allen:

"Ich denke, eine spielerische Note rein zubringen, es nicht nach Maßband zu machen, das ist ganz richtig in dem Alter unter zwölf."

"Wenn ich mir diese revolutionären Wettkampf-Ideen angucke, finde ich das als Trainingsinhalte hervorragend, aber nicht als Wettkampf-Inhalt. Ich sehe es häufig in unseren Gruppen, es wird nicht kindgerecht trainiert. Jetzt will man durch so ein Trainings-Wettkampfsystem solche Trainingsinhalte erzwingen, das finde ich sehr schade."

Der Vorteil Nummer Zwei ist kaum zu leugnen: Viel stärker als bisher wird der Teamgedanke betont. Vor allem durch Staffel-Wettbewerbe, die Kinder begeistern. Etwa eine Weitsprung-Staffel mit Drei-Minuten-Limit.

"Ich finde Teamwork macht manchmal mehr Spaß als alleine zu laufen, as kann man mit allen zusammenarbeiten, und man muss sich auch nicht so lange voll power geben!"

Ein dritter Vorteil: Spielerisch und ohne großen Aufwand werden anspruchsvolle Disziplinen vorbereitet. Maßgeschneidert für das jeweilige Alter. Beispiel: Stabweitsprung:

"Es ist ein Bambusstab und unten ein Tennisball dran, dann stützt man sich ab und springt in die Sandgrube."

So bekommen bereits 10-Jährige eine Vorstellung vom Stabhochsprung, wenn sie sich in die Weitsprunggrube katapultieren. Und das ohne teure Fieberglasstäbe:

"Da kannst du schön weit fliegen, weil du dich noch abdrücken kannst."

Vorteil Nummer Vier: Wenn es beim Kinder-Sportfest nur um Punkte geht, werden Maßband und Stoppuhr fast überflüssig. Folglich kommt man mit weniger qualifizierten Kampfrichtern aus. Engagierte Freiwillige tun es auch, sagt Jugendreferent Hans-Joachim Scheer:

"Das ist eine Riesenchance, Eltern und andere Helfer einzubinden."

Trotz vieler Vorteile - ganz unwidersprochen bleibt der neue Wettkampfansatz nicht:

"Ich finde das auf Dauer blöd, weil: Ich will ja wissen, wie gut ich bin, und will mich verbessern, wenn ich springe."

"Wenn man dann ausschließlich diese alternative Sache macht, halte ich für ein Problem, weil die Kinder auch die richtigen Disziplinen machen wollen, die wollen mal nachmachen, dass ein Usain Bolt aus dem richtigen Startblock startet."

Derzeit fährt der Deutsche Leichtathletik-Verband zweigleisig: Er führt bei den unter 12-Jährigen spielerische Wettkämpfe ein und lässt zugleich die traditionellen Disziplinen am Leben. Nach der Probephase will der DLV im Februar 2012 entscheiden, ob er sich auf das alte oder neue Konzept festlegt.

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