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StartseiteRock et ceteraLiebeslieder für das Himmelreich09.10.2016

Band Lost Under HeavenLiebeslieder für das Himmelreich

Die beiden Musiker sind ein Paar und sie singen scheinbar füreinander, ihr Album heißt "Spiritual Songs for Lovers to Sing": Die holländisch-britische Band Lost Under Heaven vermischt auf großherzige Weise Post-Punk, Shoegaze, Electronica und Folkmusik. Ein Liebespaar vor farbenprächtiger, mitreißender Klangkulisse.

Von Paul Baskerville

 Der britische Sänger Ellery Roberts mit seiner alten Band WU LYF beim Seine MusiK Festival im August 27, 2011 in Saint-Cloud, Nähe Paris. (JOHANNA LEGUERRE /AFP PHOTO)
Der britische Sänger Ellery Roberts ist die eine Hälfte von LUH - hier noch bei einem Auftritt mit seiner Band WU LYF in Paris 2011 (JOHANNA LEGUERRE /AFP PHOTO)

Neue Musik aus Manchester. Dream Pop, Indie Rock, Folk, Electronica und eine gemeinsame Liebe: Lost Under Heaven.

Ellory: "Grundsätzlich wissen Ebony und ich von unseren Interessen und Bedürfnissen."

Lost Under Heaven oder LUH sind Ellory Roberts aus Manchester und Ebony Hoorn aus Amsterdam.

Ebony: "Wir decken eine ziemliche Bandbreite an Emotionen ab. Es geht bei uns bestimmt nicht um die kommerzielle Liebe, die am Valentinstag verkauft wird."

Musik "I&I"

Ellory Roberts wurde bekannt, als er 2008 die Band Wu Lyf ins Leben rief. Wu Lyf war die Abkürzung für "World United Lucifer Youth Foundation". Die Band schaffte es, ein mysteriöses Image aufzubauen, indem alle Bandmitglieder sich weigerten Interviews zu geben, und sie verrieten nichts über ihre eigentliche Identität. Auf Fotos waren sie maskiert. Sie beschrieben ihre Musik ganz schlicht als Heavy Pop. Ellory’s neue Band LUH, die Abkürzung für "Lost Under Heaven", kann zwar auch heavy sein, aber der Begriff ist relativ. Im Vergleich zu Wu Lyf ist LUH Popmusik für ein Gartenfest.

Ellory: "LUH ist komplett anders zu dem was ich vorher gemacht habe. Grundsätzlich wissen Ebony und ich von unseren Interessen und Bedürfnissen. Wir pflegen unsere Beziehung und können damit künstlerisch gedeihen. Bei Wu Lyf herrschte ein massives, maskulines Konkurrenzdenken. Bei uns existiert das gar nicht. Ich schreibe die Songs, Ebony ist für die Erstellung der visuellen Komponenten zuständig und wir inspirieren uns gegenseitig. 90 Prozent des Albums wurde im Osten von Amsterdam im Hafengebiet komponiert. Wir sind nach Manchester zurückgekehrt, um die Songs mit anderen lokalen Musikern auszubauen. Ebony unterbrach ihr Studium für ein Jahr, um das Werk fertigzustellen. Das geschah dann in Manchester."

Berüchtigter Stadtteil

Manchester ist für seine düstere Romantik und malerische Armut bekannt. Moss Side ist das berüchtigste Stadtviertel schlechthin, gilt als sozial schwach, von Verbrechen heimgesucht. Es gibt allerdings viele Anwohner, die für ihre Gegend schwärmen. Die Legende lautet, dass Ellory Robert und Ebony Hoorn sich in der Hausbesetzer-Szene in Moss Side kennenlernten.

Ellory: "Na ja, es war ein bewohntes Haus und niemand zahlte irgendetwas. Also waren wir doch Hausbesetzer. Es war ein Gebäude in Moss Side, wo Künstler zusammenlebten. Ebony kam öfter zu Besuch, weil ein gemeinsamer Freund auch da hauste. So lernten wir uns kennen."

Musik "Unites"

Das Album "Spiritual songs für lovers to sing" ist atmosphärisch sehr stark. Das liegt möglicherweise daran, dass Ellory und Ebony verliebt sind. Es ist aber auch Musik mit philosophischem Überbau. Ellory hat über globale und kosmische Sichtweisen gelesen, die vom amerikanischen Architekten und Philosophen Buckminster Fuller propagiert wurden. Mit dem Humanismus und mit der Sozialphilosophie von Joseph Beuys hat er sich auch gerne beschäftigt, und mit der Beuys- Definition eines "erweiterten Kunstbegriffs". Kein Wunder, dass LUH wie keine herkömmliche Popband klingt.

"Mit zukunftsweisender Haltung beschäftigt"

"In Amsterdam kannte ich zwar Ebony’s kleinen Freundeskreis aus der Kunstschule, aber in erster Linie führte ich dort ein einsames Dasein und habe an Songs gearbeitet. Ich wurde in der Zeit künstlerisch offenherziger und auch ein Stück weltfremd, weil ich mich für eine Weile von der harten Wirklichkeit fernhalten durfte. Als ich mit den Songs nach Manchester zurückging, hat meine Heimatstadt mich wieder geerdet. Es war während meiner Zeit in Holland, dass ich die Buckminster Fuller- und Joseph Beuys- Bücher gelesen habe, und über ihre konzeptuellen Grundlagen für das menschliche Potenzial nachgedacht habe. Ich war soweit mit meiner zukunftsweisenden Haltung beschäftigt, dass ich für eine Weile meinen Bezug zur Gegenwart verlor. Zurück in Manchester zu sein, hat mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt."

Musik "Loyalty"

Der Song "Loyalty" hat eine besondere Bedeutung für LUH. Nachdem sie das Stück nämlich fertiggestellt hatten, ging alles Schlag auf Schlag.

Ebony: "Es war das erste Mal, dass ich gesungen habe. Ellory bat mich darum, das Lied zu singen. Dann begann er, ganz bewusst andere Songs zu schreiben, die zu meiner Stimme passen würden. Damit öffnete er eine neue Tür für mich."

Ellory: "Den ersten Gesangstake hat sie gleich perfekt gemacht, also vermittelt das Lied ein entsprechend frisches Feeling."

Ebony: "Wir saßen zusammen im Studio und Ellory arbeitete gerade an diesen Song, und er bat mich darum den Gesangspart zu versuchen. Er ließ mich eine halbe Stunde allein und dann hat er sich alles angehört."

Souverän mit der Situation umgegangen

Ellory: "Ich war total beeindruckt, wie souverän Ebony mit der Situation umging. Sie meinte "Ich mach das schon". Ich hatte sie zwar zu Hause nebenbei singen hören, als das Radio lief. Aber ich hatte sie eben noch nie nicht ernsthaft singen hören. Ich war sehr angenehm überrascht. Diese Entwicklung eröffnete ganze neue Wege für uns. Es ging nun wirklich um LUH als ein effektives Zusammenwirken und nicht nur um mich als Songwriter."

Musik "Loyalty"

Die Vorgängerband Wu Lyf war sehr dynamisch, aber der Sound war rau und heftig im Vergleich zu LUH. Ellory war siebzehn, als er Wu Lyf gründete, und seine ersten Songs waren unergründliche, rätselhafte politische Botschaften. Sie klangen wie der erbitterte Kampf um irgendeinen abstrakten Sieg.

Ellory: "Man denkt nicht so viel über sich selbst nach. Man versucht seine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Aber wenn man Wu Lyf und LUH vergleicht, merkt man zwar, dass eine stilistische Veränderung stattgefunden hat, aber der Kern des Ganzen... meine Sehnsüchte... sie sind dieselben geblieben. Ich mag ehrliche Kunst, bei der man ein Gespür für die Seele eines Künstlers bekommt. Die kraftvollsten Werke vermitteln das echte Innenleben des Künstlers. Das ist das, was ich anstrebe. Ich hatte Wu Lyf lange nicht gehört, und dann nahm ich es mir irgendwann bewusst vor, im Nachhinein Bilanz zu ziehen."

Musik Wu Lyf: "Concrete Gold"

"Es gab zum Zeitpunkt der Entstehung von Wu Lyf sehr viel Energie und Spannung. Wir waren mit der Musikszene der Zeit sehr unzufrieden und wir versuchten die Unzufriedenheit effektiv zu nutzen, um was ganz Neues zu schaffen. Es sollte Musik werden, die nach Aufmerksamkeit schreit. Es gab damals keine Musikerkollegen in Manchester, die ich respektierte, die eine Vorbildfunktion für mich hatten. Die interessante Musik der Stadt war ewig her gewesen. Wu Lyf weigerten sich die Dinge so zu akzeptieren, wie sie waren. Deshalb war unsere Herangehensweise so trotzig und rau. Der Sound war entsprechend messerscharf."

Musik Wu Lyf "Heavy Pop"

Wu Lyf wird als wichtige Underground-Band aus Manchester in die Geschichte eingehen, die zu eckig und kantig war, um großen kommerziellen Erfolg zu erzielen. LUH ist jetzt auch keine leichte Kost.

Ellory: "Das LUH-Album ist auch experimentell aber auf andere Weise."

Ebony: "Das LUH-Album ist reifer als Wu Lyf in dem Sinne, dass das Werk sehr durchdacht ist.... Ich war kein wirklicher Wu Lyf-Fan, aber ihre Musik war mir vertraut. Als wir uns kennenlernten, hatten wir viele Gespräche, es funkte zwischen uns, aber nicht wegen Wu Lyf."

Ellory: "Erst nachdem ich Ebony drei Monate kannte, erfuhr ich, dass sie von Wu Lyf überhaupt was wusste. Ich war enttäuscht. Ich wollte keine Vorgeschichte haben. Das Thema tauchte in der Konversation ganz lange gar nicht auf. Ich stellte mich nicht bei ihr als der Sänger von Wu Lyf vor."

Musik Wu Lyf: "Dirt"

Die Musik von LUH klingt frisch und spannungsgeladen. Ellory Robert betrachtet seine Kunst als einen Prozess der Wiedergeburt und Evolution.

Ellory: "Innovation, Fortschritte zu machen ist das A & O. Wenn man bloß Musik aus der Vergangenheit aufgreift, und nichts Neues hinzufügt, dreht man sich im Kreis und kommt nicht voran. Das ist Nostalgie-Fetischismus und man erreicht damit gar nichts. Es ist auch unehrlich, so in der Vergangenheit zu leben."

Ebony: "Man verschließt damit die Augen gegenüber dem, was heute künstlerisch um einen herum passiert."

Ellory: "Wir hören Künstler wie der Rapper Chief Keef aber auch zum Beispiel das neue Album von Swans. Swans und Hiphop zu mögen ist kein Widerspruch. Wir hören alles Mögliche. Tim Hecker finden wir spannend. Er versucht was ganz Originelles zu schaffen. Andererseits liebe ich Patti Smith und Jim Morrisson. Die beiden haben damals echtes Neuland betreten. Sie hatten natürlich den Vorteil, dass sie keine Vorgänger hatten, die sie hätten nachahmen können."

Musik Patti Smith: "Dancing Barefoot"

Melancholische Synthesizer

LUH-Songs sind unterhaltsam gestaltet, bieten Abwechslung: Melancholische Synthesizer, raue Gitarren, bombastische Streich- und Perkussions-Arrangements sorgen für eine kunterbunte Mischung.

Ebony: "Ich glaube der Titel "Soro" ist in dieser Hinsicht ein herausragendes Beispiel."

Ellory:"Das Stück "Soro" bietet das Sakrale und das Profane zugleich. Wir verbinden die Trash-Komponenten der zeitgenössischen Kultur mit was Grandiosem. Kennst Du den Rapper Pitbull? Vom Feeling her wollten wir so etwas wie Pitbull mit einer Oper von Philip Glass vermischen."

Ebony: "Wir gaben uns Mühe, Sachen irgendwie doch zu mögen, die wir sonst abgelehnt hätten, indem wir selbst die Kitschrolle übernahmen, um dann was Schönes damit zu schaffen. Wenn man vorurteilsfrei bleibt, kann man die Welt schließlich besser verstehen."

Musik "Soro"

Ellory: "Im Indierock-Bereich gibt es zu viel Schubladendenken. Eine verzerrte Gitarre ist immer angesagt, aber Auto-Tune-Gesang wie in diesem Song ist angeblich nicht in Ordnung."

Ebony: "Auto-Tune ist einfach ein anderer Weg, um sich gesangstechnisch zu äußern."

Ellory: "Auto-Tune-Gesang kann sehr schön klingen. Das Stück Soro hat schon was Absurdes an sich. Das Stück handelt von einem rücksichtslosen Kapitalisten: einen Wolf aus der Wall Street. Man hört seine Geschichte aus seiner Perspektive. Ich habe für Wu Lyf früher Protestlieder aus der umgekehrten Perspektive geschrieben. Ich dachte, eine Erzählung von der anderen Seite wäre interessant."

Musik "Soro"

Ellory und Ebony strahlen Intensität aus. Ihre kreative Freude ist mit brennendem Ehrgeiz verknüpft. Eine künstlerische Verschnaufpause steht bisher nicht auf der Tagesordnung. Sie glauben schon, etwas Besonderes mit diesem Album geschaffen zu haben.

Ebony: "Es wäre eigentlich wichtig eine Auszeit zu nehmen, um die kreative Energie zu erhalten. Aber wir sind beide gleichermaßen intensiv motiviert. Wenn wir zum Beispiel ins Kino gehen, sind Augen und Ohren offen für neue Ideen. Deshalb ist es schwierig, eine schöpferische Pause zu nehmen, weil man sich dafür als Künstler bewusst von äußeren Reizen abschirmen müsste."

Ellory: "Der künstlerische Ehrgeiz setzt sich schon im Teenageralter fest, und wenn man Anfang zwanzig ist, setzt er sich fort. Ich hatte das Gefühl, die großen Fragen des Lebens beantworten zu müssen. Ich wollte die Welt in der wir leben, besser verstehen. Diese Herangehensweise hat mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen. Die LUH Songs sind nun direkter und greifbarer als die Wu Lyf Lieder. Sie sind weniger allumfassend. Ich betrachte die neuen Stücke als eine größere Herausforderung. Man ist verwundbarer, wenn man was Konkretes und Persönliches schreibt, als wenn man allgemeine Botschaften für die gute Sache vermittelt. Wu Lyf war im Nachhinein wie Schall und Rauch, weil wir von nichts wirklich eine Ahnung hatten. Nun haben wir schon etwas Erfahrung gesammelt, verstehen die Dinge besser und haben uns einfach mehr Wissen angeeignet."

Musik "Lament"

Es sind also Spirituelle Lieder für Liebende - "Spiritual Songs for lovers to sing." Ein Album so zu nennen, klingt nicht bloß wie eine romantische Aussage, sondern es ist Programm.

Der Album-Titel ist Programm

Ellory: "Der Albumtitel war das letzte Stück im Puzzle. Ich änderte bestimmte Textzeilen, bevor wir die Songs endgültig aufnahmen. Ich gelangte zu der Erkenntnis, dass "Spiritual Songs for lovers to sing" letztendlich ein sehr persönliches Album ist. Das Werk versucht nicht Themen aufzugreifen, die größer sind, als man selbst, sondern, die Songs handeln von unseren gemeinsamen Erfahrungen. Das Projekt fing etwas abstrakt an, wurde aber im Laufe der Zeit transparenter. Es ist interessant zu sehen, wie die Leute darauf reagiert haben. Ich glaube, viele haben nicht gleich kapiert, wie persönlich die Platte eigentlich ist, weil sie so etwas von mir nicht kennen. Es ist ein Vorurteil zu glauben, dass romantische Musik sanftmütig sein muss. Wenn man verliebt gewesen ist, und eine richtige romantische Beziehung erlebt hat, weiß man wie stürmisch und gewaltsam die Leidenschaft sein kann."

Ebony: "Wir decken eine ziemliche Bandbreite an Emotionen ab. Es geht bei uns bestimmt nicht um die kommerzielle Liebe, die am Valentinstag verkauft wird. Es geht um die Achterbahn der Gefühle, die man als Liebender erlebt."

Ellory: "Um es romantisch auszudrücken: Die echte Liebe bedeutet eine erhöhte Lebensqualität, und dann ist das Leben strahlend schön."

Lost Under Heaven oder LUH: Eine junge Band mit dem hochgesteckten Ziel, erhabene Popmusik zu machen, die sowohl unterhaltsam als auch anspruchsvoll sein will.

Musik "First eye to the new sky"

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