
Yunus hatte Ende der Woche das Amt des Regierungschefs übernommen, nachdem die Langzeit-Amtsinhaberin Sheikh Hasina zu Wochenbeginn nach längeren landesweiten Protesten überstürzt zurückgetreten war und das Land verlassen hatte. Insgesamt 20 Jahre hatte sie das Amt inne.
Yunus ist vielleicht der bekannteste Bürger Bangladeschs. Im In- und Ausland genießt er bei vielen hohe Reputation. Experten sehen darin aber auch eine gewisse Hypothek: Es bestehe die Gefahr überzogener Erwartungen an ihn, die am Ende vielleicht nur enttäuscht werden könnten, sagte Christian Wagner im Deutschlandfunk. Schon grundsätzlich sei nicht eindeutig geklärt, welches Mandat die Interimsregierung überhaupt habe: Soll sie nur Neuwahlen vorbereiten oder politische Entscheidungen treffen?
Problem Inflation
Die Lage in dem muslimischen Land sei instabil, betonte der habilitierte Forscher von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Wagner verwies dabei auf die Polarisierung durch die zwei maßgeblichen Parteien - zum einen Sheikh Hasinas Awami-Liga, zum anderen die Oppositionskraft Bangladesch Nationalist Party unter ihrer Vorsitzenden Khaleda Zia. Allerdings gilt auch die Zukunft der beiden Parteien mit Blick auf ihre künftige Führung als ungewiss. So ist unklar, ob Sheikh Hasina aus ihrem Exil in Indien zurückkehrt, Zia indes ist gesundheitlich angeschlagen.
Zu den politischen Unwägbarkeiten kommen für Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis für die Vergabe von Mikrokrediten als Beitrag zur Armutsbekämpfung erhielt, schwerwiegende wirtschaftliche Fragen hinzu wie die, ob er dafür sorgen kann, dass die Inflation zurückgeht. Wagner äußerte sich diesbezüglich skeptisch.
Ohne Partei und ohne politische Bewegung
Auch den Streitpunkt Quotenregelung, ein weiterer Auslöser für die jüngsten Proteste gegen Sheikh Hasina, wird Yunus nach Einschätzung Wagners vermutlich nicht abräumen können.
Yunus habe innenpolitisch keinen großen Rückhalt, betont der Politikwissenschaftler. Weder stehe eine Partei hinter ihm, noch führe er eine politische Bewegung an. Yunus könne daher nur versuchen, die Rolle eines Vermittlers zu übernehmen. Aus Sicht Wagners spricht jedoch für ihn, dass er die Anerkennung aller Parteien hat - eben weil er als vermutlich politisch neutral wahrgenommen wird. Zudem weiß Yunus die Studentenbewegung hinter sich, die die Proteste gegen Sheikh Hasina maßgeblich vorangetrieben hat.
Übergriffe auf Eliten und religiöse Minderheiten
Bangladesch hatte sich wirtschaftlich unter Sheikh Hasina eigentlich positiv entwickelt. Vor dem Hintergrund mehrerer islamistischer Anschläge durch einheimische Attentäter wurde ihr Regierungshandeln mit der Zeit zunehmend autoritär. Zunächst schränkte sie im Kampf gegen die Extremisten im Land die Meinungs- und Pressefreiheit ein, wie Wagner schildert. Später weitete sie das Vorgehen inklusive Inhaftierungen auf ihre politischen Gegner aus. Der Zorn auf sie wuchs.
Nach dem Machtwechel gibt es weiter Unruhen in Bangladesch. Häuser der Eliten werden in Brand gesetzt. Es kommt zu Übergriffen auf Mitglieder der Awami-Liga und auf religiöse Minderheiten wie den Hindus. Auch Angriffe auf die für das Land wichtige Textilindustrie finden statt.
Internationaler Verlierer: Indien
International dürfte die Entwicklung Bangladeschs vor allem dem großen Nachbarn Indien Sorgen bereiten. Laut Wagner ist Indien der große Verlierer. Indien muss fürchten, dass sich Bangladesch mit wachsendem Einfluss der Opposition distanziert. Das könnte dazu führen, dass Indiens großer Rivale China in die womöglich entstehende diplomatische Lücke vorstößt.
Auch die islamistischen Parteien im Land mit ihren Verbindungen zu Indiens Erzfeind Pakistan könnten den Einfluss Neu-Delhis schmälern, analysiert Wagner. Bangladesch ist für Indien ein wichtiger Wirtschaftspartner. Zudem hat es geografische Bedeutung, was den Durchgang zu den östlichen Landesteilen Indiens betrifft.
Diese Nachricht wurde am 11.08.2024 im Programm Deutschlandfunk gesendet.