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Barockoper "Imeneo" in Göttingen
Viel Puder und glänzende Stimmen

Bei den Göttinger Händel-Festspielen wurde die Oper "Imeneo" noch nie gezeigt. Das wird in diesem Jahr sehr überzeugend nachgeholt. Immerhin haben sich die Veranstalter ehrgeizig vorgenommen, bis zum 100. Geburtstag der Festspiele im Jahr 2020 alle 42 Händel-Opern einmal aufgeführt zu haben. Die Produktion ist ein Fest für Augen und Ohren geworden.

Von Kirsten Liese | 12.05.2016
    Der Dirigent und musikalische Leiter der Göttinger Händelfestspiele Laurence Cummings
    Der Dirigent und musikalische Leiter der Göttinger Händelfestspiele, Laurence Cummings (Anton Sckl/Händelfestspiele Göttingen)
    Rosmene steht vor einer schwierigen Wahl: Darf die schöne Griechin mit ihrem treuen Geliebten Tirinto glücklich werden oder muss sie Imeneo, den Gott der Hochzeit, heiraten- zum Dank dafür, dass er sie aus den Armen von Piraten befreit hat?
    Händels vorletzte Oper "Imeneo" ist das Herzstück der 96. Göttinger Händelfestspiele und ein guter Beleg dafür, dass eine einfache, leicht verständliche Handlung ohne dramatische Verwicklungen die Qualität einer Barockoper keineswegs mindert. Der musikalische Leiter Laurence Cummings macht in der höchst abwechslungsreich gestalteten Partitur mehrere Besonderheiten aus: "Der Chor hat in diesem Stück bemerkenswerter Weise einen eigenen Part. Und ein ganz besonderes Stück ist natürlich das Terzett am Ende des zweiten Akts, wenn Rosmene über ihre Lage sinniert und zeitgleich die beiden Männer um ihre Gunst konkurrieren. Das ist ein eindrucksvoll zeitloses, herrliches Stück."
    Seit zehn Jahren verfügt Göttingen über ein eigenes hervorragendes Festspielorchester, das auf alten Instrumenten ebenso stilsicher, lebendig und leidenschaftlich musiziert wie renommierte Spezialensembles. In diesem Jubiläumsjahr wirkte es motivierter denn je.
    Dazu passt eine ästhetisch ansprechende Inszenierung, die viele moderne Aktualisierungen in den Schatten stellt. Malerische Landschaftsbilder dekorieren die Bühne, unter dem warmen Schein echter Kerzen verwandelt sich das Göttinger Theater in ein barockes Opernhaus. Die Sänger sind stark gepudert und tragen prächtige Kostüme. Sie schreiten vornehm, bewegen anmutig ihre Arme und gestikulieren, wie es zu Händels Zeiten üblich war. Wenn sie den Himmel besingen, streckt sich der Zeigefinger senkrecht nach oben, wenn es um die Liebe geht, auf das Herz. Die belgische Regisseurin und Choreografin Sigrid T’Hooft orientiert sich an den Regeln der historischen Schauspielkunst, aber es geht ihr nicht nur um die pure Rekonstruktion von Gesten, Posen und Haltungen: "Wenn ich anfange zu inszenieren, ich schließe die Bücher (…), dabei ist es auch so, dass ich nie versuche, an den Sänger mitzugeben, dass sie irgendwie eine richtige Art zu verteidigen haben, ich lerne sie eine neue Sprache, und dann lass ich sie frei."
    Tatsächlich agieren die Sänger im scheinbaren Korsett des barocken Gesten-Repertoires wie befreit und beflügelt, und auch ein subtiler Humor scheint durch ihr Spiel immer wieder hindurch.
    Ein Fest für die Augen wird die Göttinger Produktion auch dank der zahlreichen Balletteinlagen, die Dirigent und Regisseurin stimmig zu Sätzen aus Händels Wassermusik und ausgewählten Concerti grossi in die Partitur integriert haben. "Mit dieser Dramaturgie konnten wir die Oper szenisch noch ein bisschen aufpeppen. So lässt zum Beispiel Sigrid T’Hooft die Piraten, die im Libretto nur erwähnt werden, hier und da eine Bourrée tanzen, das ist unwillkürlich auch sehr lustig.
    Mit dem diesjährigen Motto "Verbindungen" hebt Göttingen vor allem auf die guten Vernetzungen, Kooperationen und Kontakte des Festivals ab. Besonders auffällig werden sie bei den Besetzungen. Laurence Cummings, der Künstlerische Leiter, ist auf keine Barockopernstars angewiesen, findet vielmehr in der Musikszene seiner englischen Heimat immer wieder herausragende junge, noch kaum bekannte Sänger, darunter vor allem erstklassige Countertenöre und Soprane. Ob in dem Oratorium Susanna, im Imeneo oder in der konzertant aufgeführten Oper Berenice: Eine Stimme tönte immer noch strahlender, heller und kristalliner als die nächste.