Vorweg: Über "die Stadt" erfährt man nicht viel, und über deren "Zukunft" rein gar nichts. Allerdings lernt man eine Menge über den derzeitigen Zustand des Theaters, über Beliebigkeit und große Posen und über die Neigung, einfach Disparates zusammenzukleistern und einen Titel drüberzukleben. Wenn von sechs Premieren eine einzige den üblichen Kriterien standhält, und auch das nur über einen allerdings grandiosen Trick, dann stimmt etwas nicht.
Der Dramatiker Lukas Bärfuß, ein Kind des Basler Theaters, hat zum ersten Mal inszeniert, ein alemannisches Gedicht von Johann Peter Hebel: ein Vater belehrt seinen staunenden Sohn über die "Vergänglichkeit" auch der Stadt Basel. Bärfuß hat die Vaterrolle einem weißgewandeten Frauenchor zugeteilt, Stimmungswechsel werden über das Licht erzählt, Soundtracks simulieren den ächzenden Pferdekarren und Grummeln im Innern des Erdbebengebiets Basel. Eine ziemlich sterile Fingerübung.
Dann kam die Zeit der Engel, die offenbar wieder hoch im Kurs stehen - sie teilten in sakralem, antikischem Gestus mit: "Wir wachen über euch, damit ihr die Liebe nicht vernichten könnt." Ach so. Darunter dunkle Sounds des Regisseurs Tom Schneider; "Recording Angel" heißt das Ganze. Also: keine Wim-Wenders-Engel mehr über Berlin, dafür über Basel. Man hängt sich ja gern an die Klassiker an, kann damit aber nicht übertünchen, dass man das Publikum eigentlich auf eine große Klassenfahrt mitnehmen möchte.
Drei Personen entern die Bühne und teilen die Zuschauer in Gruppen auf: Die mit den roten Kärtchen sahen ein Mundart-Stück mit einem altersdementen Stallknecht und einer urbanen Drogensüchtigen; das war das Stadt-Land-Gefälle und die Generationenkluft. Die mit den grünen Kärtchen durften Schauspielern bei der Arbeit mit Basler Home-Videos zugucken. Ich hatte - gottlob - eine blaue Karte gezogen: Aus dem Schauspielhaus-Foyer heraus sahen wir, durch die getönte Glasfront hindurch, wie Schauspieler mitten auf dem Bürgersteig, umgeben von Passanten, Autos und Straßenbahnen, Theater spielen, Alltagstexte von Xavier Durringer. Würde man das auf der Bühne sehen, es wäre sehr normales Gebrauchstheater. Durch den Blick durch die Glasfront nach außen und die technische Übertragung (die Schauspieler haben kleine Mikrophone bei sich) stellt sich ein wunderbarer, surrealer, filmischer Effekt ein: Nouvelle Vague mitten in Basel, Nebenbei-Theater.
Und die Regisseurin Barbara Bürk hat das sehr schön arrangiert: ein Mann und eine Frau, die sich gerade kennen lernen und schon im ersten Satz die Aussichtslosigkeit von Beziehungen an sich beschwören; Fremde, die sich erkundigen, "wo man sich hier trifft"; eifersüchtig streitende Paare im Auto; schwarze Sheriffs, ein Straßenmusiker, ein betrunkener Amokläufer. Das ist sehr locker ineinanderinszeniert und entfaltet eine ganze eigene Wirklichkeit einsamer Individuen – und dazwischen irritierte Passanten, die ohne Vorwarnung Teil eines Theaterstücks werden und für Lacheffekte sorgen.
Auf der Straße hat man in Basel schon öfter gespielt, Stefan Pucher hat das gemacht (bei Tschechow), allerdings nicht mit solcher Konsequenz. Dann muss man leider zurück in den großen Saal und ein Stück des Autors Tim Staffel über sich ergehen lassen: Auch hier sorgen wieder Engel dafür, dass die Welt ins Lot kommt. Der Immigrant Halil aus Kleinbasel schwimmt durch den Rhein hinüber in die Stadt der Reichen, Großbasel, wo er den Filius der vermögenden Familie Bachofen mit seinem schönen Körper betört; aber nicht nur ihn, sondern auch Vater und Mutter Bachofen. Der Rhein ist hier ein Schwimmbecken, in dem die Inszenierung langsam in den Vollkitsch absäuft, während die wachsamen Engelein von oben Quietschenten ins Becken werfen. Theater als Tigerenten-Club, etwas ganz Neues. Am Ende obsiegt die schwule Liebe der Söhne über Vorurteile, Verteilungskämpfe und Kulturkonflikte. Die hehre Botschaft des Ensembles lautet: Arm und Reich, vertragt euch bitte!
So also sieht die "Stadt der Zukunft" aus, wie das Basler Theater unter der abtretenden Direktion sie sich vorstellt. Wir sind gerührt - und auch ein bisschen erschüttert.
Der Dramatiker Lukas Bärfuß, ein Kind des Basler Theaters, hat zum ersten Mal inszeniert, ein alemannisches Gedicht von Johann Peter Hebel: ein Vater belehrt seinen staunenden Sohn über die "Vergänglichkeit" auch der Stadt Basel. Bärfuß hat die Vaterrolle einem weißgewandeten Frauenchor zugeteilt, Stimmungswechsel werden über das Licht erzählt, Soundtracks simulieren den ächzenden Pferdekarren und Grummeln im Innern des Erdbebengebiets Basel. Eine ziemlich sterile Fingerübung.
Dann kam die Zeit der Engel, die offenbar wieder hoch im Kurs stehen - sie teilten in sakralem, antikischem Gestus mit: "Wir wachen über euch, damit ihr die Liebe nicht vernichten könnt." Ach so. Darunter dunkle Sounds des Regisseurs Tom Schneider; "Recording Angel" heißt das Ganze. Also: keine Wim-Wenders-Engel mehr über Berlin, dafür über Basel. Man hängt sich ja gern an die Klassiker an, kann damit aber nicht übertünchen, dass man das Publikum eigentlich auf eine große Klassenfahrt mitnehmen möchte.
Drei Personen entern die Bühne und teilen die Zuschauer in Gruppen auf: Die mit den roten Kärtchen sahen ein Mundart-Stück mit einem altersdementen Stallknecht und einer urbanen Drogensüchtigen; das war das Stadt-Land-Gefälle und die Generationenkluft. Die mit den grünen Kärtchen durften Schauspielern bei der Arbeit mit Basler Home-Videos zugucken. Ich hatte - gottlob - eine blaue Karte gezogen: Aus dem Schauspielhaus-Foyer heraus sahen wir, durch die getönte Glasfront hindurch, wie Schauspieler mitten auf dem Bürgersteig, umgeben von Passanten, Autos und Straßenbahnen, Theater spielen, Alltagstexte von Xavier Durringer. Würde man das auf der Bühne sehen, es wäre sehr normales Gebrauchstheater. Durch den Blick durch die Glasfront nach außen und die technische Übertragung (die Schauspieler haben kleine Mikrophone bei sich) stellt sich ein wunderbarer, surrealer, filmischer Effekt ein: Nouvelle Vague mitten in Basel, Nebenbei-Theater.
Und die Regisseurin Barbara Bürk hat das sehr schön arrangiert: ein Mann und eine Frau, die sich gerade kennen lernen und schon im ersten Satz die Aussichtslosigkeit von Beziehungen an sich beschwören; Fremde, die sich erkundigen, "wo man sich hier trifft"; eifersüchtig streitende Paare im Auto; schwarze Sheriffs, ein Straßenmusiker, ein betrunkener Amokläufer. Das ist sehr locker ineinanderinszeniert und entfaltet eine ganze eigene Wirklichkeit einsamer Individuen – und dazwischen irritierte Passanten, die ohne Vorwarnung Teil eines Theaterstücks werden und für Lacheffekte sorgen.
Auf der Straße hat man in Basel schon öfter gespielt, Stefan Pucher hat das gemacht (bei Tschechow), allerdings nicht mit solcher Konsequenz. Dann muss man leider zurück in den großen Saal und ein Stück des Autors Tim Staffel über sich ergehen lassen: Auch hier sorgen wieder Engel dafür, dass die Welt ins Lot kommt. Der Immigrant Halil aus Kleinbasel schwimmt durch den Rhein hinüber in die Stadt der Reichen, Großbasel, wo er den Filius der vermögenden Familie Bachofen mit seinem schönen Körper betört; aber nicht nur ihn, sondern auch Vater und Mutter Bachofen. Der Rhein ist hier ein Schwimmbecken, in dem die Inszenierung langsam in den Vollkitsch absäuft, während die wachsamen Engelein von oben Quietschenten ins Becken werfen. Theater als Tigerenten-Club, etwas ganz Neues. Am Ende obsiegt die schwule Liebe der Söhne über Vorurteile, Verteilungskämpfe und Kulturkonflikte. Die hehre Botschaft des Ensembles lautet: Arm und Reich, vertragt euch bitte!
So also sieht die "Stadt der Zukunft" aus, wie das Basler Theater unter der abtretenden Direktion sie sich vorstellt. Wir sind gerührt - und auch ein bisschen erschüttert.