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StartseiteHintergrundBauern in Rage03.06.2008

Bauern in Rage

Der Kampf um den Milchpreis

Milch zu produzieren, wird immer teurer: Die Futterpreise sind massiv gestiegen, Energie- und andere Kosten ebenfalls angewachsen. Die Milchbauern in Deutschland wollen für ihr Produkt deshalb mehr Geld, und dafür streiken sie.

Von Gertrud Helm

Die Milchwirte stehen vor einer Zerreißprobe.  (AP)
Die Milchwirte stehen vor einer Zerreißprobe. (AP)
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Es wird ganz schön laut, wenn Bernhard Schwab die Absauganlage einschaltet und die Milch aus dem Tank holt. 700 Liter sind es bei diesem Bauern im Landkreis Erding. 700 Liter klingen nach viel, doch es geht unerwartet schnell. Schon ist der letzte Tropfen aus dem großen Milchtank im Schlauch verschwunden.

"Also, er saugt 700 Liter in einer Minute, des Fahrzeug. Also, es dauert ein bisserl, bis er mal ansaugt, aber so in eineinhalb Minuten haben wir die Milch eingesaugt."

105 Bauernhöfe muss der Fahrer jeden Tag ansteuern, um Milch für die "Jäger-Milchwerke" im oberbayerischen Haag einzusammeln. Normalerweise ist der Milchsammelwagen von drei Uhr morgens bis sechs Uhr abends unterwegs. Doch heute hat Bernhard Schwab erst um 08.00 Uhr mit seiner ersten Tour begonnen. Denn viele Milchbauern in seinem Einzugsgebiet schütten die Milch weg, statt sie an die Molkerei zu liefern. Sie machen mit beim Milchboykott.

"Am ersten Tag fährt man natürlich an alle Landwirte hin, und der Landwirt, der sagt halt dann, na, heute brauchst mit die Milch nicht mitnehmen. Danach fahre ich nicht mehr hin oder es hängt ein Zettel an der Milchkammer dran oder der Landwirt ruft mich an und sagt, na, du brauchst net kommen, dann weiß ich, dass er streikt. "

Manchmal schütten die Lieferanten auch nur einen Teil der Milch weg. Der Rest wird abgeliefert, so wie auf dem nächsten Hof. Der Bauer aus Isen will sich einerseits am Streik beteiligen, andererseits die Molkerei nicht ganz leer ausgehen lassen.

" "Ein Drittel liefer ich, Molkerei sollt' ja a sei Produktion a bissi weiterhalten, dass mer des ganz aufgibt, des siech ich nett ein. Wenn man danach mehrer zahlt kriegt, dann rechnet sich das schon. Der Versuch ist es allemal Wert."

Das sagen sich derzeit viele Bauern. Sie gehen auf die Barrikaden. Der Milchpreis ist zu niedrig. Sie fordern mindestens 43 Cent für einen Liter. Weil sie das zur Zeit wieder einmal nicht bekommen, schütten Sie ihre Milch in die Güllegrube. Das tut weh:

"Das ist eine ganz ungute Sache. Ich sieh des als letzte Chance, es geht um unsere Existenz. Wenn man eine betriebswirtschaftliche Auswertung macht, kommen wir auf einen Stundenlohn zwischen drei und fünf Euro und des ist uns einfach zu wenig, des ist Sozialhilfe-Niveau. Wir wollen unsere Familienbetriebe erhalten und weiter führen und möchten einfach nur ein faires Einkommen und nicht nur ein Auskommen."

"Man kann nicht mehr rumkommen, wenn man sieht, wie die Kosten steigen, Versicherungen, Diesel, Treibstoff, Maschinen."

"Man kann immer nur aufstocken, derf man dann immer noch mehr arbeiten, noch mehr."

Das heißt, der Landwirt zahlt drauf.

Wenn Martin Sigl zu seinen Kühen in den Stall möchte, muss er erst einmal den Türöffner betätigen.

"Weil's uns schon amal den Laptop und den PDA rausgestohlen haben, aus dem Stallbüro."

Vor gut vier Jahren hat der Milchbauer aus dem oberbayerischen Glonn einen neuen Stall gebaut, damit sich seine Kühe rundherum wohl fühlen. Entstanden ist eine helle luftige Luxusunterkunft mit viel Komfort. Vom Stallbüro aus kann er die Tiere beobachten:

"Wenn's da raus schauen, da sieht man, dass sie sich wohl fühlen. Die liegen in den Liegeboxen, wie auf der Weide."

Die Tiere haben nicht nur besonders viel Platz und viel frische Luft. Sie kommen auch in den Genuss eines komfortablen Melkroboters. Das heißt, sie werden nicht nur morgens und abends gemolken, sondern können so oft kommen, wie sie wollen.

"Die können praktisch 24 Stunden rund um den ganzen Tag und Nacht können die zum Melken gehen. Im Endeffekt wie es Kalb, des hört auch auf, wenn die Milch weniger wird. Genau so macht es der Roboter auch, der zieht nicht noch den letzen Tropfen raus, sondern der hört auf, die Kuh geht dann selbstständig wieder zum Melken, wenn das Euter wieder voll ist."

Rund 110.000 Euro kostet ein Melkroboter, Martin Sigl melkt täglich rund 100 Kühe und hat zwei solcher automatischen Melkmaschinen laufen. Ein neuer Stall mit hochmoderner Technik kostet natürlich auch viel. Bei Martin Sigl schlagen die Gebäude und die Maschinen mit etwa 7,5 Cent pro Liter Milch zu Buche. Von jedem Liter Milch müssen außerdem noch das Milchlieferrecht, der Tierarzt und natürlich auch die Versorgung der Kühe selbst bezahlt werden.

"Bis man eine Jungkuh in Milch hat, dann sind das Kosten von 1200 bis 1600 Euro, die man allein braucht, bis man das Stückl Vieh auf der Welt hat und aufgezogen hat."

Der größte Posten auf der Kostenseite aber ist das Futter: Im Stall von Martin Sigl kommt nur das Beste in den Futtertrog. Das meiste davon ist selbst angebaut.

"Da ist also in erster Linie mal Gras-Silage drinne, dann ist Mais-Silage drinne, a halbes Kilo Luzerne halt drin. Dann 300 Gramm Mineralfutter, Getreidemischung, geschrotete von uns selber, kleiner Anteil Sojaschrot. Ist natürlich alles gentechnikfrei, weil uns das auch ganz wichtig ist und das Entscheidende ist, dass man das Grundfutter mit möglichst hoher Qualität erntet, damit kann man die meisten Kosten sparen."

Das Grundfutter besteht vor allem aus Heu und Silage. Dazu füttert Martin Sigl noch eigenes Getreide und zugekauftes Sojaschrot. Doch auch die Futtermittel vom Hof kosten natürlich Geld:

"Des Grundfutterproduktion auf unserem Betrieb kostet uns 14 Cent pro Liter Milch, das Kraftfutter kostet 7 Cent pro Liter Milch."

Und dann ist da noch der Stundenlohn. Schließlich wollen Martin Sigl und seine Frau nicht zum Nulltarif arbeiten.

"Man kann eine Arbeitsentlohnung rein tun, die wird sich irgendwo zwischen 15 und 20 Cent pro Liter Milch bewegen, dann wären wir bei 50 Cent, was wir zur Zeit brauchen täten."

Was Martin Sigl so aber derzeit nicht bekommt:

"Für die Milli kriegen wir derzeit aktuell 37 Cent. Zur besten Zeit haben wir 41 Cent gekriegt."

Plus eine Reihe von Zuschlägen. Das heißt, um gut über die Runden zu kommen, muss Martin Sigl vor allem am eigenen Arbeitseinkommen sparen. Das aber wollen sich die Landwirte nicht mehr länger bieten lassen.

"Dieses Minus in einer Zeit, wo gleichzeitig die Produktionskosten um 20 bis 25% angestiegen sind. Wir haben also heute aktuelle Produktionskosten zu verkraften, die 7 Cent bis 8 Cent höher liegen, als sie noch vor einem Jahr, vor zwölf Monaten waren. Heißt also, wir stehen mit dem Rücken zur Wand."

Das sagt Romuald Schaber, der Vorsitzende vom Bund Deutscher Milchviehhalter, kurz BDM, einer Vereinigung, die sich in den letzten Jahren vor allem für einen Preis von mindestens 40 Cent pro Liter stark gemacht hat. Jetzt geht Romuald Schaber noch einen Schritt weiter. Er fordert mindestens 43 Cent. Und um das zu erreichen, hat er die Bauern zum Milchboykott aufgerufen.

"Die 43 Cent ist ein absolutes Muss. Wenn man jetzt mal von einem durchschnittlichen Milchpreisniveau in Deutschland von 30 bis 32 Cent ausgeht, dann bedeutet dies, dass der Preis um 10 bis 12 Cent auf jeden Fall steigen muss, damit wir eine Situation der Kostendeckung kommen und auch Gewinne dann erwirtschaften können. Wir lassen uns sicher nicht länger an der Nase herumführen. Wir hatten x Gespräche, Strategie-Tagungen, Verhandlungen mit der Molkereiwirtschaft und Industrie- und Genossenschaftsverbänden, die alle ergebnislos geblieben sind. Deshalb sehen wir uns gezwungen, dieses schon recht harte Mittel eines Milchlieferstopps umzusetzen."

Bei den Bauern findet Romuald Schaber mit seiner Forderung viel Gehör. Wir halten durch, heißt jetzt die Parole, auch wenn es noch so schwer fällt.

"Natürlich bleibt die Arbeit die Gleiche, man muss die Kühe melken, du musst sie füttern, wir haben Kosten und verdienen aber nichts. Also so weitergehen kann es net. Des kann's doch net sein, dass mer um gar nix mehr arbeitet."

Der Einsatz lohnt sich, verspricht Romuald Schaber den Milchbauern. Denn eine Woche Milchstreik hätte schon gewirkt.

Und tatsächlich muss Bernhard Schwab mit dem Milchtankwagen viele Kilometer fahren, bis er auf einen Hof kommt, der seine Milch auch abliefern will. Der Tanklaster fasst 16.000 Liter. Doch durch den Milchboykott werden rund 70 Prozent der Milch weggeschüttet.

Romuald Schaber freut sich darüber und sieht sich bestätigt:

"Wenn 50 oder 60 oder 65 Prozent der Milch fehlt, dann kann man auf so eine Situation sich ein bissel vorbereiten, aber nicht über Tage hin, deshalb gehen wir davon aus, dass die nächsten Tage in den Regalen sich etwas ändern wird."

Zunächst allerdings schien die Rechung nicht auf zu gehen. Noch vor dem Wochenende verkündet Hubertus Pellengahr, der Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels:

"Nein, es gibt keine Engpässe im Einzelhandel, es gibt keine leeren Kühlregale. Das Angebot ist völlig komplett und die Verbraucher können sich auch drauf verlassen, dass sich das auch am Wochenende nicht ändern wird. Die Molkereien beliefern den Einzelhandel ganz vertragsgemäß mit Milch."

Denn die Molkereien haben schnell auf den Boykott reagiert und vorgesorgt. So wird jetzt zum Beispiel weniger Käse produziert und die Milch zu Frischmilch verarbeitet. Oder es wird zugekauft, wie bei den Jäger-Milchwerken im oberbayerischen Haag. Bei Geschäftsführer Hermann Jäger stehen die Telefone in diesen Tagen nicht mehr still. Die Molkereien müssen im Handumdrehen zusätzliche Milch organisieren. Schwer ist das nicht, aber teuer. Schon sind die Preise auf dem so genannten Spot-Markt - dem Markt für freie Milch, die nicht an die Molkereiverträge gebunden ist - drastisch gestiegen.

"Wir kaufen die Milch aus Norddeutschland, aus Österreich und von Molkereien, die nicht bestreikt werden."

In Norddeutschland streiken viel weniger Bauern als in Bayern, sagen die Molkereivertreter. Sicher ist, es rollen täglich viele Lastzüge voll Milch von Nord nach Süd. Die Milchbauern aus dem Norden verdienen also gut am Lieferboykott ihrer bayerischen Kollegen. Aber auch im Einzugsgebiet der Jäger-Milchwerke bröckelt die Streikfront: Schließlich kostet der Milchlieferboykott die Bauern viel Geld. In der Region rund um Haag bedeutet jeder Streiktag für den Milchbauern im Durchschnitt 200 Euro Verlust. Das können sich viele Bauern gar nicht leisten.

"Sicher schadet man sich selbst, aber a so geht's halt auch net weiter, des is des. Aber des is hart, wenn Du die Mengen in den Kanal abi lasst, des machst amal a paar Tage, dann sagst halt schon wieder, gut, wennst Du es mal wieder weiter hast."

Deshalb hat dieser Landwirt aus dem Landkreis Erding seine ganz eigene Streik-Philosophie entwickelt.

"Wir machen es also. Ein paar Tage streiken wir, dann liefern wir wieder einen Tag."

Und schon melden sich die ersten Boykottbauern wieder zurück bei der Molkerei:

"Also, heute sind zwei Lieferanten dazugekommen, ja, die wo den Streik aufgehört haben und jetzt wieder liefern."

Wer wieder liefern will, sagt Hermann Jäger von den Milchwerken in Haag, der muss nur anrufen oder ein Fax schicken.

"Wir haben schon Fax kriegt, die uns bitten, wir sollen die Milch wieder abholen."

Weil der Boykott so nicht funktionieren kann, greifen andere Bauern neuerdings zu noch drastischeren Mitteln. Sie kaufen selbst die Milchprodukte in den Supermärkten auf, um die Misere noch deutlicher aufzuzeigen. Doch auch diese Aktionen wirken nicht richtig. Die Stimmung unter den Bauern ist aufgeheizt. Am Montagfrüh blockieren sie die Zufahrt zu den Molkereien. Ganz legal sind solche Aktionen offensichtlich nicht, sie können unter Umständen den Tatbestand der Nötigung erfüllen. Betroffen davon ist zum Beispiel die Domspitz-Molkerei in Regensburg. Die Wut der Bauern richtet sich dabei vor allem gegen die Kollegen, die weiter liefern.

"Es san immer wieder ein paar Streikbrecher dabei, die Milch geliefert haben und des hat halt immer wieder getröpfelt und des wollen wir unterbinden. Vielleicht überlegt sich der Ein oder Andere dann doch und bekennt Farbe: ich bin dabei! Ich mach mit! Des geht nit so weiter. Die Streikbrecher, die müssen sich auch an dem Lieferboykott beteiligen. Ich rufe jeden dazu auf, mitzumachen. Es ist für unsere Zukunft. Die Trittbrettfahrer, das ist das, was uns am meisten ärgert. Wir schütten jetzt schon acht Tage die Milch weg und die anderen liefern nach wie vor weiter, Schmarotzer, sagen wir. Genau diese Aktion da heute ist sicherlich auch eine Aktion gegen die Streikbrecher, weil auf diese Art und Weise erreicht man dann auch, dass denen ihre Milch im Tank sauer wird."

Die Stimmung auf den Dörfern schlägt um. Weil die Bauern gegen die Macht des Handels und der Molkereien nicht so recht voran kommen, greifen etliche die Nachbarn an, die vielleicht aus Not liefern müssen. Hermann Jäger, Geschäftsführer der Milchwerke in Haag:

"Man hört ja, dass die von den Nachbarn bedroht werden. Einige haben gebeten, sie sollen es doch in der Nacht abholen, dass es der Nachbar net siecht, für einige ist das eine ganz harte Situation."

Die Landwirte stehen vor einer Zerreißprobe. Sie wollen solidarisch sein, bringen es aber kaum übers Herz, ihre Milch einfach wegzuschütten und auch noch auf die geringen Einnahmen zu verzichten. Die Verunsicherung ist riesengroß. Milchfahrer Bernhard Schwab wird ständig danach gefragt:

"Es kommt auch drauf an, wie stark die Präsenz der Landwirte untereinander is. Man ruft den Nachbarn an und fragt, was machst du? Wie schauts aus, man checkt das gegenseitig so ein bissel aus und da gibt es tatsächlich Gegenden, da, wo mehr geliefert wird und andre Gegenden, wo fasst gar nichts geliefert wird.

Jeder hat seine eigene Meinung, der Eine streikt, der Andere net, des muss der Nachbar net wissen."

Damit der Streit nicht eskaliert, haben einige Molkereien inzwischen eingelenkt und ein Positionspapier der Milchbauern mitunterzeichnet. Gestern Abend hatten sich dann noch der Einzelhandelsverband und der Bund Deutscher Milchviehhalter erstmals zu Gesprächen in Köln getroffen. Herausgekommen ist bei diesem Treffen nicht viel, jedenfalls ist davon nichts an die Öffentlichkeit gelangt. So scheinen sich die Fronten heute wieder zu verhärten. Der Milchindustrieverband hat seine Mitgliedsunternehmen aufgefordert, die Bauern zu verklagen. Und auch das Bundeskartellamt prüft die Bauern-Blockaden. Bußgelder in Millionenhöhe drohen. Eberhard Hetzner, der Geschäftsführer des Milchindustrieverbandes:

"Wenn ein Bauer entscheidet für sich, keine Milch liefern zu wollen, dann ist das seine eigene Entscheidung und die müssen wir respektieren, ob wir das wollen oder nicht. Wenn aber die Molkereien gezwungen werden oder dazu genötigt werden, nicht ihre Tätigkeiten durchzuführen, nämlich bei den anderen Bauern, die liefern wollen ihre Milch nicht einzusammeln, dann ist das ungesetzlich. Das ist der Punkt, bei dem wir sagen, jetzt müssen rechtliche Maßnahmen getroffen werden."

Jetzt müsse sich der BDM bewegen, fordert Eberhard Hetzner, dann seien die Molkereien auch wieder zu Gesprächen bereit. Zunächst aber wollen die Molkereien die Politiker mit ins Boot holen, allen voran Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer. Er hat für den Protest der Milcherzeuger schon zu Beginn der Streikaktionen vergangene Woche größtes Verständnis gezeigt. Laut Seehofer müsse in Deutschland unbedingt eine leistungsfähige Landwirtschaft erhalten bleiben.

"Ich möchte, dass wir gerade vor dem Hintergrund dessen, was wir gerade bei der Energie erleben in Folge unserer totalen Abhängigkeit, dass wir das mittel- und langfristig in der Nahrungsmittelproduktion vermeiden in Europa."

Über dieses grundsätzliche Verständnis hinaus können die Milchbauern von Minister Seehofer allerdings nicht allzu viel erwarten.

"Ich habe seit dreißig Jahren Leute, die eigenverantwortlich zu handeln haben, in der Tariflandschaft, jetzt in diesem Falle nie bewertet, ihre Maßnahmen, die sie ergreifen. Da habe ich immer die Eigenverantwortung sehr hoch gehalten, das galt auch für Tarifverhandlungen für Arbeitgeber und Gewerkschaften, da habe ich Kampfmassnahmen nie bewertet."

Vielleicht werden sich in diesen Stunden wirklich die Regale in den Supermärkten leeren.

Eines werde dabei gerne übersehen, so Hermann Jäger von den Milchwerken in Haag.

Die Bauern seien selbst mit Schuld daran, dass der Milchpreis gesunken ist.

"Es war letztes Jahr ein großer Preisaufschwung, letztes Jahr war bis zu 42 Cent seit Oktober für die Milch bezahlt bis März - und durch den hohen Preis haben die Bauern begonnen, so viel Milch wie möglich zu liefern.

Die haben alle kräftig überliefert, jeder hat noch eine Kuh gekauft, wenn er Platz im Stall gehabt hat - und die haben soviel geliefert wie es geht. Es war eine Übermenge da, seit Jahren nicht mehr so groß."

Die großen Lebensmittelketten treffen sich zweimal im Jahr mit den Molkereien, um die Milchpreise gemeinsam auszuhandeln.

Die Molkereien müssen von diesem ausgehandelten Preis dann noch ihre Kosten abziehen, für ihre Anlagen, die Löhne und natürlich das Milchgeld für die Bauern.

Auch die Landwirte treffen sich regelmäßig mit ihrer Molkerei, um Einfluss auf ihren Anteil zu nehmen. Wenn nun die Molkerei weniger für ihre Produkte bekommt, kann sie natürlich auch nicht mehr so viel Geld an die Bauern abgeben.

Während die Bauern also viel zu viel Milch produziert haben, viel mehr als sie überhaupt hätten abliefern sollen, haben die Verbraucher weniger Milchprodukte gekauft. Nicht zuletzt, weil Milch und Yoghurt zu teuer geworden waren.

"Meine Kinder wollen gern Käse, Milchprodukte. Ist natürlich nicht schön, dass es nauf geht, aber wenn es nauf geht, soll auch der Bauer was abkriegen. Sauerei, jeden Tag machst Zeitung auf und es ist alles teuerer, jeden Tag, wo soll man es herbringen? Wenn natürlich der Bauer wieder gar nix hat, sondern immer nur zwischen drin alles hängen bleibt, ist das auch net richtig. Ist schon heftig, ich denke dann kauft mer nicht mehr so viele Milchprodukte. "

Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels kann das nur bestätigen.

" "Die Konsumenten, die Endverbraucher sind sehr, sehr sensibel. Die leiden unter den hohen Spritkosten, zum Beispiel, viele haben gar nicht mehr Geld, um es für die Milch auszugeben, die sind heilfroh, dass die Milch wieder billiger geworden ist."

Der Milchmarkt ist längst globalisiert. Auch dadurch können die meisten Molkereien wieder liefern. Aber selbst wenn Sie es nicht können: Die Lebensmittelkonzerne agieren nicht mehr nur in Deutschland oder Europa, sondern weltweit. Sie beschaffen sich die Milch dann eben aus Tschechien und Ungarn - oder aus Polen und Italien und all den Ländern, die vom Streik der Bauern hierzulande kräftig profitieren.

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