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Bayreuth will Theaterprovokateur für Jubiläums-"Ring"

Der Leiter der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, soll das 100. Bayreuther Festpiele inszenieren. Der 60-Jährige ist bekannt für seine kontrovers diskutierten Inszenierungen. Dennoch haben die beiden Intendantinnen ihn für das Jubiläumsjahr 2013 auserwählt.

Von Uwe Friedrich | 25.07.2011
    Immerhin hätte Frank Castorf schon mal in einem Theater gearbeitet, bevor der Anruf aus Bayreuth kam, ob er den nächsten "Ring" inszenieren möchte. Das ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem greisen Schriftsteller Tankred Dorst, der auf dem Grünen Hügel rundum enttäuschte. Ein Fortschritt auch gegenüber dem Filmemacher Wim Wenders, der zuletzt im Gespräch war. Wer die vier langen bis extrem überlangen Opern des "Rings des Nibelungen" in wenigen Probenwochen zusammennageln muss, der darf einfach kein Anfänger sein, zumal wenn so wenig Vorbereitungszeit bleibt wie diesmal.

    Genau heute in zwei Jahren soll sich der Vorhang über dem geradezu sprichwörtlichen Es-Dur-Akkord des "Rheingolds" heben, und die Erwartungen werden riesig sein. Da sind am einen extremen Rand die Alt-Wagnerianer, die immer noch am liebsten Flügelhelm, Bärenfell und Pappmachée-Felsen sähen und seit dem Tod des legendären Heldentenors Max Lorenz unter Phantomschmerz leiden. Am anderen Rand stehen die Avantgardisten, die vollkommen vorhersehbar auch die heutige "Tannhäuser"-Premiere wieder wahlweise "mutig", "intellektuell herausfordernd" oder auch nur "aufregend" finden werden, und denen die Musik im Zweifelsfall eher egal ist. Und alle schwärmen dann vom Chéreau-"Ring" 1976, vergessen darüber aber gerne, dass wir vor allem die Fernsehproduktion aus den frühen achtziger Jahren in Erinnerung haben, dass die Premiere noch ganz anders aussah und der Regisseur noch jahrelang nachbessern musste, bis der so genannte "Jahrhundert-Ring" ein Meisterwerk war.

    Nun also wahrscheinlich Frank Castorf und das nach Opernmaßstäben quasi übermorgen. Denn eigentlich müssten die Werkstätten schon lange an den Bühnenbildern arbeiten, während die Festspielleiterinnen noch gar nicht wissen, wer überhaupt die Entwürfe liefern wird. Frank Castorf hat zwar nur selten Oper inszeniert, weiß aber ganz schon, wie der Betrieb funktioniert, kennt den Unterschied zwischen einer Sitzprobe und einer Klavierhauptprobe und weiß, wann der Regisseur und wann der Dirigent das Sagen hat. Zwar haben Castorfs Roman-Adaptionen zuletzt nicht mehr viele Fans gefunden, aber schon vor fünf Jahren hat er an seinem Haus, der Berliner Volksbühne, eine sehr kluge Bearbeitung von Richard Wagners "Meistersingern" inszeniert. Die war zwar in vielen Details verunglückt, zeugte aber doch von einer sehr gründlichen und ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Werk und seinen Tiefenschichten. Jedenfalls weiß Castorf jetzt genau, worauf er sich einlässt und wie es garantiert nicht geht. Mit dem Dirigenten Kirill Petrenko wird Castorf auch einen grandiosen musikalischen Partner haben. Er unterstützte in seiner Zeit an der Komischen Oper Berlin auch noch die wildesten Regieexperimente und machte vieles möglich, was konservativere Gemüter abgelehnt hätten. Auch die bislang durchgesickerten Sängernamen stehen für echtes Theater, für Drama und Leidenschaft, und nicht für kostümiertes Konzert am Souffleurkasten. Das könnte also etwas werden, denn wenn die Zeichen nicht trügen, besinnt man sich endlich auch in Bayreuth wieder darauf, dass Oper auch Handwerk ist, damit Kunst entstehen kann.