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StartseiteInterview"Beamtenmäßige Untersuchungen helfen da nicht weiter"27.11.2012

"Beamtenmäßige Untersuchungen helfen da nicht weiter"

Norbert Blüm (CDU) fordert unangekündigte Kontrollen von Fabriken in Entwicklungs- und Schwellenländern

In Entwicklungs- und Schwellenländern sind schlechte Arbeitsbedingungen in Fabriken, in denen auch europäische Marken produzieren lassen, kein Einzelfall. Staaten, die sich nicht an die Standards halten, müssten von der Internationalen Arbeitsorganisation sanktioniert werden, fordert deshalb Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU).

Norbert Blüm im Gespräch mit Christiane Kaess

Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) setzt sich ein gegen Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern. (picture alliance / dpa - Becker & Bredel)
Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) setzt sich ein gegen Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern. (picture alliance / dpa - Becker & Bredel)

Christiane Kaess: Der Brand war verheerend. Bei einem Feuer in einer Fabrik in Bangladesch sind am Wochenende über 100 Arbeiter umgekommen, und 200 Menschen mussten mit Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht werden. Der Grund war offenbar, dass es zu wenig Notausgänge gab. Um Raum zu sparen, wurden die Arbeiter so eng wie möglich zusammengepfercht. Tausende wütende Arbeiter gingen nach dem Unglück auf die Straßen und protestierten.

Kein Einzelfall ist dieses Feuer gewesen, immer wieder kommt es zu ähnlichen Vorfällen in Fabriken in Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen auch europäische Marken für sich produzieren lassen. In diesem Fall war es unter anderen C&A. Unser Reporter André Zantow hat auf den Straßen Berlins nachgefragt bei Einkaufenden: Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie Kleidung aus Niedriglohn-Ländern kaufen, und beeinflussen die Arbeitsbedingungen wie die der Arbeiter in Bangladesch Ihre Kaufentscheidung?

O-Ton Umfrage:

"Ich habe, wenn ich ehrlich bin, gerade darüber nachgedacht, weil wir das in den Nachrichten gehört haben, aber mehr auch nicht. Ich hatte zwar ein mulmiges Gefühl, aber ich habe jetzt keine Etiketten nachgeguckt, ob es jetzt wirklich von dort aus diesen Lagern da kommt oder so."

"Ne, ehrlich gesagt. Ich achte eher auf die Qualität, und wenn die Qualität gut ist und der Preis ist in Ordnung, dann ist das in Ordnung. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich bereit wäre, mehr zu zahlen, nur weil es dann aus einem anderen Land kommt."

"Wir machen uns Gedanken, aber man kann es letztendlich nicht selber beeinflussen. Es gibt keine fairen beziehungsweise nach Kriterien, die wir uns vorstellen würden, hergestellten Kleidungsstücke in Deutschland zu kaufen."

"Es gibt ja mittlerweile so Labels, wo dann draufsteht, das ist irgendwie ökologisch mit den Bedingungen da. Da guckt man dann manchmal schon drauf auf diese Zeichen. Aber man weiß ja immer nicht, ob das stimmt, weil die Hersteller oder jetzt die Firmen, Karstadt, C&A oder H&M, das ja in Eigenregie machen."

"Also da muss man ganz gezielt online wahrscheinlich einkaufen und hundert Prozent darauf verlassen kann man sich natürlich auch nicht."

"Wir wünschten, wir könnten, aber wir sind Studenten, und am Schluss ist es immer noch das Geld, leider."

"Wenn ich da lese, Bangladesch oder China oder Vietnam, dann freue ich mich, dass wir denen da unten auch Arbeitsplätze schaffen. Dass da Brände entstehen, das ist wieder eine ganz andere Sache. Und jetzt um Hongkong herum, da sind ja auch in den letzten Jahren die Löhne schon wesentlich gestiegen. Die haben sich, glaube ich, verfünffacht. Das wird sich dann halt auch überall in der Welt durchsetzen, schrittweise."

Kaess: Die Straßenumfrage aus Berlin. – Und am Telefon ist jetzt Norbert Blüm, CDU-Mitglied und ehemaliger Arbeitsminister. Er setzt sich ein gegen Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern und hat darüber auch für die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen berichtet. Guten Morgen, Herr Blüm!

Norbert Blüm: Guten Morgen, ich grüße Sie.

Kaess: Herr Blüm, Sie sind selbst in Bangladesch gewesen. Was war denn Ihr Eindruck von den Arbeitsbedingungen in den Fabriken vor Ort?

Blüm: Ja ich habe die Fabriken besucht und die Arbeitsbedingungen sind so, wie sie sind, eine Ameisenfabrik, und die Lohnverhältnisse benenne ich Ausbeutung: ein Euro pro Tag. Und was mein besonderes Erlebnis war: Als ich abends einen deutschen Handelsvertreter mehr zufällig in der Botschaft traf, hat der mir stolz erklärt, sie gehen jetzt nach China, weil da ist es noch billiger. Das ist die Olympiade der Globalisierung: Der Billigste gewinnt. Und wenn das das Motto der Globalisierung ist, ist das eine Abwärtsspirale ins Elend.

Kaess: Herr Blüm, was haben Sie in puncto Sicherheitsstandards mitbekommen?

Blüm: Ja die sind nicht hoch entwickelt. Ich will nicht sagen, dass es sie nicht gibt, aber dass solche Katastrophen entstehen, wie sie jetzt wieder gemeldet werden, ist ja keine Seltenheit. Immer wieder, weil alles unter Kostengesichtspunkten. Die ganze Globalisierung läuft, jedenfalls ein Großteil, ab: Der Billigste gewinnt. Und wenn der Billigste gewinnt, dann müssen sie halt Standards senken, dann landet es bei der Kinderarbeit, weil die ist noch billiger. Es führt zu guter Letzt in den Ruin der Weltwirtschaft, denn die Sachen müssen ja auch irgendwann gekauft werden, und mehr wie drei Shirts kann ich auch nicht am Tag anziehen.

Da war der alte Ford klüger, der Urkapitalist. Der hat gesagt, ich kann nur reich werden, wenn meine Arbeiter die Autos kaufen, die sie produzieren. Auf diesem Stand der Klugheit ist die internationale Wirtschaft noch nicht angekommen. Im Gegenteil: Es gibt mit den Löhnen in den Entwicklungsländern eine weitere Spaltung, nämlich die unteren versinken nach unten, weiter abwärts, und die Oberen nach oben, in der Mitte ist nichts.

Kaess: Herr Blüm, lassen Sie uns eben noch mal auf die Standards gucken. Die Fabrik, um die es jetzt geht, soll angeblich sogar den Richtlinien der Europäischen Union entsprochen haben. Wie ist das denn zu erklären?

Blüm: Das kann ich mir nicht vorstellen, auf dem Papier vielleicht. Das Papier ist ungeheuer geduldig. Deshalb ist die Internationale Arbeitsorganisation, die ja für Arbeitsbeziehungen zuständig ist, das ist ein Papiertiger. Die bedruckt Papier, veranstaltet Konferenzen, um die Wirklichkeit kümmert sie sich wenig. Was nützen denn Vorschriften auf dem Papier, wenn sie nicht umgesetzt werden? Und da müssten mal ein paar von den Staaten, die sich nicht an die Konventionen halten, die sie unterschrieben haben, die müssten mal hochgenommen werden.

Da gibt es das Instrument der Mahnungsverfahren; das hat die ILO, soweit ich kenne, noch nie durchgeführt. Sie hat noch nie einen Staat an den Pranger gestellt und wenn, dann scheint das streng vertraulich. Und meine Frage, damit wir etwas konkreter werden: Diese ILO, dieser Papiertiger, diese Superbürokratie, die sich selbst beschäftigt, die wird beaufsichtigt …

Kaess: ILO, muss man ganz kurz dazu sagen, ist die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen. Das ist nicht so geläufig.

Blüm: Ja richtig. Die hat als Aufsicht Arbeitgeber, Gewerkschaften und Staaten. Ich frage mal die Gewerkschaften, wann sie den Schlafwagen da verlassen und mal Rabatz machen. Da sind immer große Tagungen, es passiert nichts. Ich weiß, von was ich spreche. Ich bin für die ILO in der Welt herumgereist, und nach vier Reisen haben die gesagt, ich soll aufhören, weil meine Berichte nicht mit ihren übereinstimmen. Das kann schon sein, denn ich habe festgestellt eine Superstruktur, die wie ein Fettauge auf der Suppe schwimmt und nichts macht.

Ich will mal ein paar Beispiele nennen. In Kolumbien bin ich auf einen Vertreter gekommen, auf eine Vertreterin, die hat gesagt, die Kinderarbeit wäre von 32,3 auf 29,7 gesunken. Da können sie aufhören, ich habe auch aufgehört. Es weiß in Kolumbien, in Bogota kein Mensch, wie viele Kinder im Großmarkt beschäftigt sind. Aber die Behörde in Genf, die weiß es bis aufs Komma.

In Marokko haben sie an Kinderarbeiter in Schmieden Handschuhe verteilt. Was soll denn das? – Ich kann weitermachen, ich rege mich auf. Ich rege mich auf, weil das eine Selbstbeschäftigung ist, ein immer in sich greifen, große Konferenzen, Meetings, das sind Meeting-Spezialisten. Jetzt haben sie eine Broschüre rausgelassen, da steht drauf: das Ende der Kinderarbeit zum Greifen nah. Leben die auf dem Mond?

Kaess: Herr Blüm, warum passiert nichts Konkretes? Welchem Druck weicht man da aus?

Blüm: Ja das weiß ich. Aber wahrscheinlich auch die Staaten, die man dann mal hochnehmen müsste, denen man mal sagen müsste, ihr habt doch hier unterschrieben, die hören das wahrscheinlich nicht gerne. Und wenn natürlich eine internationale Organisation wie die ILO sich nach Zweckmäßigkeiten richtet, beziehungsweise niemand auf den Fuß treten will, dann brauchen wir sie auch nicht.

Ich frage mich nur, was die Gewerkschaften tun. Immer wieder die Gewerkschaften! Ich gehöre noch zu dieser Truppe. Wann fahrt ihr dahin? Ich bin ja auch hingefahren und habe dafür gesorgt, dass Konventionen beispielsweise gegen Kinderarbeit durchgesetzt werden, diese gegen besonders schlimme Kinderarbeit. Aber jetzt geht es in der zweiten Abteilung darum, nicht nur Konventionen zu unterzeichnen. Jetzt gilt es, sie umzusetzen!

Kaess: Herr Blüm, wir müssen auch auf die Unternehmen schauen. Wir haben gestern mal bei C&A nachgefragt und dort sagt man uns, man habe ökologisch und ethisch verantwortungsvolle Standards, die von einer unabhängigen Organisation geprüft werden. Eine Nachhaltigkeitsuntersuchung stand aber für die betroffene Firma noch aus. Sind das jetzt schlampige Kontrollen, oder sind die festgelegten Standards überhaupt zu lax?

Blüm: Ich würde mal sagen, die Kontrollen will ich überhaupt mal sehen. Wie oft ist das eine reine Papiersache?

Kaess: Also Sie glauben gar nicht, dass die stattfinden?

Blüm: Ach das kann schon sein. Solche Alibiveranstaltungen finden schon statt. Ich war auch mal in einer Firma für die ILO, die hat gesagt, keine Kinderarbeit, und die ILO hat auch einen Bericht, dass da keine Kinder arbeiten. Nur als die Mittagspause begann, waren da plötzlich Schulkinder auf dem Hof, weil die sind versteckt worden. Ich meine, man muss nicht so naiv sein, so beamtenmäßige Untersuchungen helfen da nicht weiter. Sie haben es mit krimineller Energie zu tun.

Und vor allen Dingen, das wichtige ist noch, dass die Kunden hier, wir nachfragen in den Geschäften: Wo kommt das her. Es gibt ja auch schon Logos für fairen Handel. Die müssen auch auf Kleidung ausgedehnt werden. Wenn die Ausbeuter keine Profite mehr machen können, ist das Geschäft ganz schnell am Ende. Und der Kunde ist König! Wir können nicht auf einen Schlag die Welt verändern, aber tausend Mückenstiche bringen diesen Elefanten ans Laufen. Wir sind die Käufer, wir sind die Kunden, der Kunde ist König. Sie müssen nicht allen Dreck kaufen.

Kaess: Aber da haben wir jetzt gerade in der Umfrage gehört, manche wären nicht bereit, mehr zu zahlen, und manche Leute können auch kaum mehr zahlen.

Blüm: Ja was heißt da, manche wollen nicht? Dann muss man halt auch ein öffentliches Bewusstsein verändern. Im Tierschutz beispielsweise ist es uns gelungen. Es läuft niemand mehr, jedenfalls nicht gerne, mit Elfenbeinschmuck herum oder mit einem Tigermantel. Das haben wir sozusagen stigmatisiert, der Verachtung anheimgegeben. Wir brauchen so eine Welle, dass es für die Schnäppchenjäger Grenzen der Menschlichkeit gibt.

Blutige Hände – ich habe sie in den Bergwerken Indiens gesehen, die Kinder. Nicht Bergwerke, in Steinbrüchen. Da gibt es ein Logo, XertifiX. Wo das drauf ist, kann der Steinmetz getrost verkaufen. Wo nicht, muss ein Käufer mit dem schlechten Gewissen leben, dass sein Grabstein, den er gekauft hat, mit blutigen Kinderhänden hergestellt wurde.

Kaess: Wäre denn den Arbeitern zum Beispiel in Bangladesch mit einem Boykott tatsächlich geholfen, wenn sie dann Gefahr laufen, dass sie ihre Jobs ganz verlieren?

Blüm: Ja also, wenn sie das in Bangladesch machen und sonst nirgendwo, dann gibt es tausend Ausweichmöglichkeiten. Wenn, dann muss das eine weltweite Kampagne sein, und die muss beginnen. Ich sage noch mal: Das Wichtigste sind die Käufer und nicht irgendwelche Behörden, die bestochen werden, die unterlaufen werden, und irgendwelche Vier-Farben-Drucks von irgendwelchen großen Firmen, die da kluge Texte schreiben.

Beweise, dass untersucht wird, und von der ILO nicht vorher angekündigte Kontrollen. Und wer sich danach nicht hält, also Staaten – dann muss man die Staaten hochnehmen -, die müssen weltweit gebrandmarkt werden. Anders geht das nicht! Das ist auch eine Form von Macht, die wir ausüben müssen, und die ist im Zeitalter der Kommunikation, der Information sehr mächtig, sieht man bei politischen Veränderungen. Also die Ausbeuter ächten!

Kaess: Die Meinung von Norbert Blüm, CDU-Mitglied und ehemaliger Arbeitsminister. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Blüm!

Blüm: Ich danke auch.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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