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StartseiteHintergrundBedrohte Paradiese25.12.2006

Bedrohte Paradiese

Der Schutz der Artenvielfalt in den Entwicklungsländern

Exotische Vögel, dichter Dschungel, herabhängendes Lianen- und Blättergewirr, der Geruch nach feuchter Erde und Regenwald und mittendrin Wasserfälle oder eine unberührte Quelle - es gibt sie tatsächlich, die Naturparadiese aus unserer Phantasie, allerdings vorwiegend in Gegenden dieser Welt, die sonst weniger für paradiesische Zustände bekannt sind: die Entwicklungsländer.

Von Monika Hoegen

EIne Elefantenherde in Kenia (Stock.XCHNG / Matthew Hayward)
EIne Elefantenherde in Kenia (Stock.XCHNG / Matthew Hayward)
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Mag ihre Wirtschaftskraft auch noch so schwach sein, ihre Bevölkerung arm und ihre Infra- und Sozialstruktur schlecht ausgebildet, in einem sind die Länder Lateinamerikas, Asiens und teilweise auch Afrikas reich - in ihrer Vielfalt an natürlichen Schätzen, an Flora und Fauna. Kaum sonst irgendwo ist die so genannte Biodiversität so hoch, wie etwa in den Tropenländern. Dem Schutz dieser Artenvielfalt und dem Erhalt von naturbelassenen Gebieten kommt daher in den Entwicklungsländern besondere Bedeutung zu, das weiß auch Jens Brüggemann, Dezernent für Umweltschutz im Nationalparkamt Müritz. Er hat bei zahlreichen Austauschprojekten zwischen Schutzgebieten in Europa, Asien und Lateinamerika mitgewirkt und ist von ihrer Schönheit fasziniert.

" Die größten Chancen, kann man einfach sagen, dass in den letzten vier Dekaden sehr viele Schutzgebiete gegründet worden sind, wir haben mehr als 100.000 Schutzgebiete weltweit, die mehr als 18 Millionen Quadratkilometer schützen. Also das ist eine grundsolide Substanz. Und diese Schutzgebiete sind halt nicht nur strenge Naturschutzgebiete, sondern auch Gebiete, wo das Wirtschaften, das nachhaltige Wirtschaften möglich ist. "

Allerdings: Der so genannte Nutzungsdruck auf schützenswerte Naturgebiete in den Entwicklungsländern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich erhöht. Nicht mehr nur die angestammten, indigenen Gemeinschaften leben in Tropenwäldern und Biosphärenreservaten, auch zahlreiche andere Siedlergemeinschaften kommen auf der Suche nach fruchtbaren Böden und wertvollen Ressourcen, wie zum Beispiel Holz, in diese Gebiete - besonders dort, wo die Armut groß ist und es in den Randgebieten rund um die Naturreservate immer weniger Überlebenschancen gibt. Hier müssen Einkommensalternativen geschaffen werden, die zugleich die Natur schonen. Doch das ist nicht immer leicht und erfordert zunächst einmal vor allem eines: Aufklärung.

Beispiel Honduras. Das Land verfügt mit dem Biosphärenreservat Rio Platano über eines der größten Naturschutzgebiete Mittelamerikas. Es umfasst den zweitgrößten tropischen Regenwald der Region nach dem Amazonas und macht mit einer Fläche von 835.000 Hektar sieben Prozent der Gesamtfläche von Honduras aus. 1982 wurde das Biosphärenreservat Rio Platano von der UNESCO zum Naturerbe der Menschheit erklärt. Aber auch dieses Paradies ist nicht menschenleer: Hier leben rund 45.000 Menschen, vorwiegend vom Stamme der Miskitos.

Es ist später Abend auf dem Dorfplatz von Brus Laguna - einem kleinen Dörfchen mitten im Biosphärenreservat von Rio Platano. Eine Gruppe von Mädchen singt die honduranische Nationalhymne - in der lokalen Sprache Miskito. Hunderte von Menschen, die sich auf dem Platz versammelt haben, hören den Sängerinnen zu. Der Andrang ist ungewöhnlich für das sonst eher verschlafene und nur mühsam mit kleinen Dschungelflugzeugen zu erreichende Örtchen Brus Laguna - noch ungewöhnlicher ist, dass sich diesmal auch zahlreiche Besucher aus der weit entfernten Hauptstadt Tegucigalpa und sogar einige ausländische Gäste eingefunden haben. Und das hat einen Grund: Gemeinsam will man am nächsten Tag zu einer der größten Umwelterkundungen in der Geschichte von Honduras aufbrechen und die Anzahl und Arten der Schlangen, Fische, Bäume und Insekten in der Region bestimmen.

" Wir machen uns auf zum Rio Tauas und werden dort die Schmetterlinge anschauen. Deswegen gehen wir dahin. Bei uns (in der Schule) wird viel von Tieren gesprochen. Es ist interessant, etwas von den Tieren zu hören. Denn sie sind ja lebendig wie wir, und sie sind so schön. "

Maria Mercedes ist 13 Jahre alt und steht schon früh am nächsten Morgen am kleinen Hafen von Brus Laguna, von wo aus längliche, motorgetriebene Holzboote die Erkundungs-Gruppen über die große Lagune zu den Gebieten bringen werden, in denen sie einen Tag lang Flora und Fauna untersuchen wollen.

Die Aktion im Biosphärenreservat, unter anderem unterstützt von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und dem Magazin GEO, ist alles andere als selbstverständlich in einem Land wie Honduras. Denn so etwas wie Umwelterziehung gab es dort bislang nicht. Das beklagt auch Arturo Soza, Journalist und Fotograf bei der honduranischen Illustrierten "Hibueras", die sich ausschließlich Naturthemen widmet:

" Das Bildungswesen in Honduras kümmert sich kaum um eine kreative Entfaltung des Geistes. Es ist mehr eine Bildung, die auf Auswendiglernen und Einpauken und nicht auf eigenständiges Denken setzt. Das ist das Eine. Abgesehen von dieser einseitigen Ausrichtung, gibt es auch nur sehr wenige Untersuchungen, und sehr geringe Mittel für Forschung - und kaum Geld, um die Studien zu veröffentlichen. Wenn man aber so wenig studiert, und noch weniger publiziert, dann weiß niemand etwas. Und man kann nicht schützen, was man nicht kennt. "

Das soll sich nun ändern - zumindest im Biosphärenreservat von Rio Platano. Denn dort erscheint der Schutz der natürlichen Ressourcen dringend geboten. Zuviel ist bereits durch menschliche Einwirkung in den vergangenen Jahrzehnten zerstört worden - wie etwa in der Lagune von Brus.

Eguardo Eude, braust mit seinem motorgetriebenen länglichen Holzboot an diesem Morgen ebenfalls über die Lagune, um gemeinsam mit zwei weiteren Einheimischen und einer Gruppe von naturinteressierten Gästen aus der Hauptstadt den Fischbestand in Augenschein zu nehmen.

" Das ist unser System der Fischerei, so wie wir es hier in Brus Laguna machen. Wir Miskitos leben davon, es ist Teil unserer Wirtschaft. Was Sie hier sehen, ist die Art, wie die Leute bei uns arbeiten. Wir verwenden das hier, dieses Netz nennen wir Tramo. Und das hier ist ein Liza-Fisch, auf Miskito heißt er Concalí und die anderen da, die man da sieht sind auch Lizas und die kleinen Fische da, zu denen sagen wir Tunki. "

Noch können Eguardo und seine Leute eine Vielzahl von Fischnamen aufzählen - doch in ihren Netzen zeigt sich mit jedem Fang weniger Artenvielfalt.

" Es bereitet uns große Sorgen, dass die Anzahl der Fischarten sich hier so stark verändert hat. Heute fangen wir viel weniger als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Damals haben wir mit nur zwei Netzen ein Boot füllen können, und jetzt müssen wir zehn, zwölf Netze auslegen, um wenigstens halb soviel zu bekommen. "

Was Eguardo hier vorrechnet, hat für die Fischer ganz erhebliche Konsequenzen. Denn ihre Tramos sind rund 200 Meter lang - wenn nun mehr als zehn Netze ausgelegt werden müssen, so heißt das, dass die Fischer immer weiter von der Lagune weg und aufs offene Meer hinausfahren müssen, um überhaupt noch fündig zu werden. Doch die meisten ihrer Boote sind für die Hochseefischerei nicht geeignet. An dem Problem des sinkenden Fischbestandes in der Lagune hatte - wie an so vielen Orten in Honduras - auch Hurrikan Mitch seinen Anteil, der 1998 über das zentralamerikanische Land hinwegfegte. Mit ihm versandete in der Lagune der Kanal zum Süßwasserfluss Rio Patuca.

Die Folge: Das Wasser in der Lagune versalzt immer mehr - zahlreiche Fischarten vertragen das nicht und sterben aus. Jetzt hoffen die Fischer auf Hilfe aus dem Ausland, um sich größere Boote leisten, weiter draußen im offenen Meer fischen zu können und der Lagune regelmäßig eine mehrmonatige Schonzeit einzuräumen. Allerdings: Das Problem, so sagen die Naturschützer in Brus Laguna, würde damit nur verlagert. Denn auch im Meer vor der Lagune sinken bereits die Fischbestände durch die wachsende Zahl der Fangflotten. Deshalb denkt man nun auch über die Einrichtung von Teichen für Zuchtfische nach, um die Lagune zu entlasten.

Gelegentlich haben die Fischer noch andere Geschäftsideen, wie etwa die Vermarktung der kleinen Austernart, die an einer Stelle in der Lagune besonders häufig vorkommt. Allerdings: Was diese Spezialität betrifft, die in den reichen Ländern so beliebt ist, mangelt es den Leuten von Brus Laguna noch ganz erheblich an Erfahrung. Das räumt auch Geory Lopez ein, ein junger Lehrer, der an diesem Tag bei der Bootserkundung mit dabei ist.

" Um die Wahrheit zu sagen, ich habe Austern noch nicht probiert, aber ich weiß, sie sind sehr lecker. Das haben mir die gesagt, die sie gegessen haben. Doch für Austern gibt hier noch keinen Markt. Wir würden gerne einige Organisationen um Unterstützung bitten, damit sie uns helfen, die Austern zu vermarkten. In anderen Ländern kosten die ja sehr viel, aber bisher haben wir noch keine Hilfe von irgendeiner Organisation, und deshalb konnten wir sie noch nicht vermarkten. "

Hinzu kommt ein anderes Problem: die Abgelegenheit der Region um Brus Laguna, die auf dem Landweg kaum und über Wasser nur durch mehrstündige Bootsfahrten zu erreichen ist. Wie also sollten Austern und gezüchtete Tilapia, für die es überdies an Kühlhäusern fehlt, frisch in den lokalen Markt der weit entfernten Provinzstadt La Ceiba gelangen? Wie könnten Transportwege geschaffen werden, die ihrerseits nicht wieder das verletzliche natürliche Gleichgewicht der Lagune und ihrer ausgedehnten Strände zerstören? Auf derlei Fragen haben die Menschen von Brus Laguna noch keine Antwort gefunden.

In anderen Gebieten des Biosphärenreservates von Rio Platano, weiter südlich von Brus Laguna, ist man mit den Bemühungen um nachhaltige Einkommensalternativen für die örtliche Bevölkerung schon ein bisschen weiter. Mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, und der Kreditanstalt für Wiederaufbau, KfW, wurden Kooperativen gegründet, die organischen Kaffee- und Kakaoanbau betreiben. Helmut Dotzauer ist Leiter des GTZ-Büros in Honduras:

" Wir bauen das innerhalb eines Agroforstsystemes auf, das heißt, wir benutzen nur Kaffee, der im Schatten von Bäumen wächst, wir benutzen Kakao, der im Schatten von Bäumen wächst. Das heißt, da werden mehrstöckige Produktionssysteme aufgebaut, die im Prinzip dieselbe Funktion erfüllen, wie ein normaler und natürlicher Wald. Und von da her sind es sehr nachhaltige Produktionsweisen, die speziell im Rahmen einer Biosphäre besonders angepasst sind, besonders interessant sind und dem Schutz und Nutzungsgedanken am nahesten kommen. "

Außerdem soll die Honigproduktion wieder angekurbelt werden - schließlich war Honduras einmal Honigexporteur. Ein anderer wichtiger Zweig ist die nachhaltige Land- und Forstwirtschaft. Anstelle des illegalen Holzeinschlages setzt man in bereits zwölf Kooperativen auf die kontrollierte, schonende Nutzung der Bäume. Ein Teil des Holzes wird sogar an einen Gitarrenbauer in Nordamerika exportiert. Nur wer Nutzen von einer Sache hat, wird sie langfristig auch schützen, dieses Motto liegt den Umwelt- und Entwicklungsprojekten in Rio Platano zugrunde. Illegaler Landbau, Holzverbrennung, Wilderei - solche Probleme ließen sich in Honduras und auch anderswo auf der Welt nicht mit Verboten, sondern nur mit direkter Beteiligung der Bevölkerung lösen, betont Christoph Heinrich vom World Wildlife Fund, WWF.

" Dafür gibt es ganz hervorragende Beispiele an vielen Stellen der Erde, wo gerade Schutzgebiete die Leute dauerhaft in Lohn und Brot bringen. Wo man sozusagen aus Wilderern Nationalpark-Ranger macht, die nachher sehr viel sichere Berufe haben, höher angesehene Berufe haben, die wir aus der Illegalität rausgeholt haben und die sogar noch mehr verdienen. "

Allerdings ist auf diese Weise nur ein Teil der Probleme in den Griff zu bekommen, die die Naturschutzgebiete belasten. Denn vielfach ist es die Ausbeute im ganz großen Stil, die dem Naturschutz entgegensteht, wie etwa illegaler Holzeinschlag in den Tropenwäldern durch internationale Firmen. Auch im Biosphärenreservat von Rio Platano bilden illegaler Holzhandel sowie Drogenanbau weiterhin die beiden zentralen Probleme. Nun will die Regierung die Umwelt im Naturschutzgebiet mit Hilfe des Militärs schützen. Helmut Dotzauer von der GTZ in Honduras begrüßt diese Initiative.

" Es geht darum, dass durch die Sicherheitskräfte eine Rechtssicherheit für den gesamten Raum hergestellt wird, innerhalb dessen dann auch die Bevölkerung selbst agieren kann und Anzeigen machen kann gegen Umweltdelikte und das konnte bis jetzt nicht stattfinden, weil die Sicherheitskräfte in der Biosphäre gefehlt haben, deswegen keine Rechtssicherheit bestand und Anzeigen öfters dazu geführt haben, dass Leute, die illegalen Holzhandel angezeigt haben oder Drogenschmuggel angezeigt haben, dann die Woche drauf umgebracht wurden. "

Doch auch gegen das Militär hegt die Bevölkerung noch Misstrauen - unter anderem, weil es Gerüchten zufolge selbst in den Holzhandel verstrickt sein soll.
Dotzauer:

" Eines der Gegenmittel dazu ist, dass das Militär sehr häufig ausgewechselt wird, so dass das Personal keine persönlichen Kontakte und Beziehungen herstellen kann. Das Zweite ist: Ja, das Militär hat natürlich ein negatives Image, sie haben auch ein negatives Image wegen ihrer Verhaltensweisen gegenüber der Bevölkerung, gegenüber den Kooperativen, dem versuchen wir entgegenzusteuern, dass, das Militär, bevor es in die Gebiete geht, ausgebildet wird - also zumindest eine zwei- oder dreitägige Ausbildung bekommt, in der sie erfahren, was wollen sie da überhaupt? Was ist Umweltschutz? Was ist die Biosphäre? Wer ist berechtigt, Holz einzuschlagen, so dass möglichst geringe Belästigung der Bevölkerung stattfindet und sich die Aktionen auf die Illegalen konzentrieren. Und wir haben eben die Erfahrung gemacht, vor ein paar Jahren fand ja so eine Aktion schon mal statt, dass das Militär im Prinzip orientierungslos war und eben auch die im rechtlichen Rahmen ihre Waldwirtschaft betrieben haben, belästigt haben, verhaftet haben, ihnen die Motorsägen abgenommen haben und das hat natürlich zum recht schlechten Image des Militärs in der Biosphäre geführt. "

Ein anderes Problem auf globaler Ebene: Die eigentlichen Naturschutzgebiete machen nur etwa zehn Prozent der natürlichen Flächen weltweit aus. Umweltschutz muss deshalb auch und gerade in den verbleibenden 90 Prozent praktiziert werden. Da allerdings lässt er sich oft noch viel schlechter durchsetzen. Langfristig sei zudem der Schutz der Biodiversität in den Ländern des Südens nur möglich, wenn sich die Industrieländer ihrer Verantwortung für die Natur nicht nur in den betroffenen Regionen, sondern auch vor der eigenen Haustüre bewusst würden, unterstreicht Elsa Nickel vom deutschen Bundesministerium für Umweltschutz.

" Also, zum einen haben wir Lebensräume, die können wir nur hier schützen. Zum andern ist natürlich die Vorbildfunktion sehr wichtig. Wir können nicht andere Länder anhalten dazu und auch unterstützen, ihre artenreichen Biotope zu schützen, wenn wir bei uns intensiv wirtschaften. "

Zudem müssten die Menschen rund um den Globus erkennen, dass Naturparadiese wie das von Rio Platano in Honduras nicht nur lokale, sondern weltweite Bedeutung besäßen - und als wichtige natürliche Ressourcen der gesamten Menschheit zu schützen seien, wie Juan Pablo, Direktor für Biodiversität im staatlichen Umweltsekretariat SERNA in Honduras erklärt.

" Wir leben im Herzen des biologischen Korridors von Amerika. Aber ein Herz ohne Unterstützung, ohne Blut, das durch seine Adern fließt, das stirbt. Deshalb: Unser Herz muss leben. "

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