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Bedrohte Tierarten

Der weiße Hai gilt als Bedrohung für den Menschen, doch in Wirklichkeit ist es meist umgekehrt: Der Räuber der Weltmeere wurde selbst zum Gejagten, der Jäger ist der Mensch. Artenschützer betrachten den Rückgang des Bestands des weißen Hais mit Sorge, und dieser Fall ist nur ein Beispiel von vielen. Wie Tierarten besser geschützt werden können, das ist das Thema der 13. Konferenz zum Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen, die Anfang Oktober in Bangkok beginnt. In diesen Minuten, symbolträchtig um fünf vor zwölf, stellt der Naturschutzbund Deutschland, der NABU, seine Positionen zu der Konferenz vor.

Von Dieter Nürnberger | 23.09.2004
    Die Befürchtungen der Tierschützer im Vorfeld der Konferenz in Bangkok sind eigentlich immer die gleichen – dass nämlich die Belange des Artenschutzes mal wieder wirtschaftlichen Interessen geopfert werden könnten. Und gerade am Beispiel des weißen Hais lässt sich dies ganz gut verdeutlichen. Denn Warnungen gibt es schon lange, nur konsequent gehandelt wurde von den über 160 Vertragsstaaten des Washingtoner Artenschutzabkommens bislang eben nicht. Deshalb also diese Aktion des Naturschutzbundes heute Mittag in Berlin, Heike Finke ist die Artenschutzexpertin des Nabu:

    Wissenschaftler sprechen davon, dass er heute bereits biologisch als ausgestorben gilt. Man bedenke, er existiert auf diesem Planeten seit 400 Millionen Jahren. Hinzu kommt, dass der Hai eine sehr geringe Reproduktionsrate hat. Beim weißen Hai heißt dies, dass die Weibchen ein Alter zwischen 12 und 18 Jahren erreichen müssen, um zur Geschlechtsreife zu gelangen. Sie bringen dann auch etwa nur alle zwei bis drei Jahre Junge zur Welt – und auch nur zwischen 2 und 10 Jungen.

    Die Gründe für das befürchtete Aussterben sind die Überfischung und auch eine Art von Trophäenmentalität beim Menschen. So war ein kürzlich in Südafrika gestohlenes Gebiss eines weißen Hais immerhin 50.000 Euro wert. Einzelne Zähne haben einen Marktwert von bis 600 Euro. Die Zeit drängt also, hier etwas zu unternehmen, sagt auch Heiner Klös, er ist der stellvertretende Direktor des Berliner Zoos:

    Es ist also schon eine der Arten in den Meeren, von denen wir biologisch immer noch sehr wenig wissen. Es sind Tiere, die recht alt und auch recht groß werden können. Deshalb ist es wichtig, aufzupassen, dass es nicht zu einer Überfischung kommt. Viele dieser Tiere werden ja auch direkt gejagt, weil man die Flossen haben will, die als Speise unter anderem in Japan genutzt werden. Das sind biologische Opfer, die man eigentlich nicht braucht. Und wenn man dann eine Tierart wie den weißen Hai hat, der so langlebig ist, sich aber auch nur so langsam fortpflanzt, dann ist das schon dramatisch, was da stattfindet.

    In Bangkok wird also über neue Resolutionen zu debattieren sein. Ständige Konflikte auf dieser Konferenz gibt es ja beispielsweise über den Schutz der Elefanten und die Aufrechterhaltung des Handelsverbots für Elfenbein. Auch der Schutz der Wale ist stets ein Streitpunkt. Beim Hai will man nun eine deutliche Verschärfung der Handelskriterien erreichen, konkret: Der weiße Hai soll in den so genannten Anhang 2 kommen, mit einer Nullquote für den Export. Doch auch hier geht es jetzt schon hin und her bei den Vertragsstaaten, sagt Nabu-Expertin Heike Finke:

    Vor drei Tagen wurde jedoch dieser Antrag von Australien modifiziert. Und der Antrag auf die Nullquote zurückgezogen. Wir bedauern dies sehr, weil die Nullquote bedeutet hätte, dass es vorerst keinen Export für dieses Tier und auch keinen Handel mit den Erzeugnissen des Hais geben würde. Wir wissen auch, dass die EU in der vergangenen Woche ihre Endkoordination für die Cites-Konferenz vorgenommen hat. Auch hier soll die Nullquote für den weißen Hai nicht unterstützt werden. Schuld daran ist die starke Fischereilobby der Länder Portugal, Spanien und Frankreich.

    Den Artenschützern geht es beim Hai auch darum, Ängste zu nehmen. Wir kennen ja alle diese Hollywood-Filme, in denen der Hai als Feind des Menschen dargestellt wird. Das sei zu einseitig, sagt Heiner Klös vom Berliner Zoo:

    Haie an sich können den Menschen auch gefährlich werden, das ist völlig klar. Aber dies ist ja kein Grund, ein solches Tier aussterben zu lassen. Wir schützen ja auch den Tiger und andere Tiere, die uns vielleicht sympathischer sind, weil sie ein schönes Fell haben. Die Haie wirken ja immer etwas kalt lächelnd und sie sind durch diese Hollywood-Schinken ja auch etwas in Verruf geraten. Sie haben das gleiche Recht wie andere Lebewesen. Wir wissen auch noch nicht hundertprozentig, wie die Lebenskette im Meer läuft. Was passiert etwa, wenn dieser Regulator – der weiße Hai – nicht mehr da ist? Was passiert dann im Meer?

    Man darf also gespannt sein, wie diesmal auf der Konferenz in Bangkok die verschiedenen Interessen ausgefochten werden. Für den Hai aber sei es , so der Naturschutzbund, symbolisch gesehen fünf vor zwölf oder sogar später.