Donnerstag, 30. Juni 2022

Archiv


Bedrohtes Reinluftgebot

Umwelt. - Immer mehr Deutsche gehen in den Wald, um Brennholz zu schlagen. Das ist nicht nur billiger als Öl oder Gas, sondern gut für das Klima, denn es wird nur das Kohlendioxid beim Verbrennen frei, das beim Wachstum der Luft entnommen wurde. Aber Feinstaub aus dem Kamin bedroht die positive Bilanz.

Von Volker Mrasek | 20.09.2007

Die Debatte um gesundheitsschädlichen Feinstaub erreicht jetzt auch Deutschlands Kurorte. Wie sauber ihre Luft ist, wird zwar schon lange untersucht - seit über 50 Jahren erstellt der Deutsche Wetterdienst entsprechende Gutachten. Doch Feinstäube wurden bisher nicht mit erfasst. Das hat der Wetterdienst nun nachgeholt, im Auftrag des Deutschen Bäderverbandes. In 15 Luftkurorten und Seeheilbädern installierten Experten des DWD zusätzliche Messinstrumente ...

"Das geht also zum Beispiel von St. Peter-Ording an der Nordsee oder Graal-Müritz an der Ostsee bis in den Süden, zum Beispiel bis Garmisch-Partenkirchen oder Inzell. Man hatte keine Vorstellung: Wie hoch sind denn eigentlich die Konzentrationen in den Kurorten?"

Uwe Kaminski leitet das Referat "Lufthygiene" beim Deutschen Wetterdienst. Auch das Feinstaub-Projekt in den Kurorten läuft unter seiner Regie. Es ist zwar noch nicht abgeschlossen, die Messungen aber schon. Ihre Ergebnisse präsentierte Kaminski jetzt erstmals in Hamburg, auf der gemeinsamen Jahrestagung der meteorologischen Gesellschaften Deutschlands, Österreichs und der Schweiz:

"Der Hintergrund ist: Wir wollen Richtwerte aufstellen, entsprechend den Grenzwerten in den Städten, um von einer realistischen Belastungssituation auszugehen. Und was wir sehen: dass im Jahresmittelwert die Kurorte eigentlich die Richtwerte einhalten, die wir ableiten. Und zwar wird der Jahresmittelwert, der Richtwert für Kurorte, bei 20 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. Es sieht aber in der Praxis so aus, dass viele Orte wesentlich sauberer sind. Gerade die Hochlagen im Schwarzwald zum Beispiel haben Mittelwerte, die unter zehn Mikrogramm sogar liegen."

Doch es gibt nicht nur Jahressummen, sondern auch einen Tageshöchstwert, den Kurorte und Seeheilbäder nur ein paar Mal im Jahr überschreiten dürfen. Anderenfalls verlieren sie ihr Reinluft-Prädikat. Diesen Schwellenwert hat der Wetterdienst bei 30 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft angesetzt. Und hier ist die Situation in manchen Kurorten nicht mehr so entspannt:

"Was uns Probleme macht, und das können wir in den Messungen ganz deutlich sehen, das sind die Holzheizungen, so genannte Kleinfeuerungsanlagen. Das ist nicht nur der gemütliche Kamin, der abends entzündet wird, sondern das sind in zunehmendem Maße auch Pellet-Heizungen. Hier sehen wir ganz deutlich, dass die Emissionen von Kleinfeuerungsanlagen im Winter zunehmen."

Nicht nur ein Diesel-PKW ohne Partikelfilter produziert Feinstaub. Der entsteht auch bei der Verbrennung von Holz in Pellet-Heizungen oder im Kamin. Nach Angaben des Umweltbundesamtes stoßen selbst die modernsten Anlagen immer noch mehr Feinstaub aus als Öl-Heizungen - selbst bei automatischer Holzbestückung und optimierter Verbrennung. In welchen deutschen Kurorten Holzheizungen das Heilklima gefährden, will Wetterdienst-Experte Kaminski nicht verraten. Man habe den Gemeinden dazu geraten, Gas-Heizungen zu fördern, die als besonders emissionsarm gelten. Zumal aus Kaminen und Holzfeuerungen nicht nur Feinstaub quillt, sondern auch Benzol, wie Kaminski sagt. Diesen Umweltschadstoff bringt man zwar eigentlich mit dem Autoverkehr in Verbindung, ...

"... aber man weiß aus Untersuchungen, dass Benzol auch aus Holz emittiert wird. Wenn man den Trend weiter verfolgt, wie die Pellet-Heizungen zunehmen und die Holzheizungen, geht man in Studien davon aus, dass die Benzolbelastung in den nächsten Jahren um 20 Prozent zunehmen wird. Und das ist kritisch, weil Benzol auch eine kanzerogene Komponente ist, also eine Größe, die Krebs erzeugen kann."

Dass Holzpellet-Heizungen das Klima schonen, bezweifelt auch Kaminski nicht. Ihr Brennstoff ist Kohlendioxid-neutral, wie man sagt ...

"... aber man vergisst, dass hier auch Emissionen schädlichster Art herauskommen, die man im Augenblick noch gar nicht berücksichtigt."

Möglicherweise ändert sich das bald, zumindest beim Feinstaub. Die Bundesregierung will die Immissionsschutz-Verordnung novellieren. Geprüft wird zurzeit noch, ob man nicht auch Holz-Heizungen künftig mit Partikelfiltern ausrüsten kann.