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StartseiteForschung aktuellDer Tod ist manchmal umweltschädlich23.10.2017

BeerdigungsritualeDer Tod ist manchmal umweltschädlich

Selbst der letzte Akt unseres Lebens ist ökologisch folgenreich: Denn nach der Bestattung werden die chemischen Bestandteile unseres Körpers wieder freigesetzt und gelangen teilweise bis ins Grundwasser. Forscher haben die unterschiedlichen Bestattungsformen untersucht. Besonders negative Auswirkungen auf die Natur kann das Einäschern haben.

Von Dagmar Röhrlich

Grabsteine auf dem Alten Friedhof von Schwerin, aufgenommen am Donnerstag (16.11.2006). Am Sonntag (19.11.2006) wird in Deutschland der Volkstrauertag begangen. Traditionell wird an diesem Tag zwei Wochen vor dem ersten Advent der Toten beider Weltkriege und der Nazi-Opfer gedacht. (picture-alliance/ dpa-ZB / Jens Büttner)
Die Art der Beerdigung kann Einfluss auf die Natur haben (picture-alliance/ dpa-ZB / Jens Büttner)
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Der Hamburger Friedhof im Stadtteil Ohlsdorf. 391 Hektar ist er groß, so viel wie 362 Fußballfelder. 1873 als Parkfriedhof vor den Toren der Stadt errichtet, ist er inzwischen von Häusern umschlossen. In vielen anderen Städten ist es ähnlich: Der Raumbedarf der Friedhöfe ist immens - und Platz ist nicht der einzige Faktor, der bei der Ökobilanz der letzten Riten ins Gewicht fällt:

"Die Frage ist, wie menschliche Überreste und Beerdigungsriten die Umwelt beeinflussen. Wir analysieren dazu die Auswirkungen auf Böden, Wasser oder Luft. Und wir fragen, ob neue Bestattungsformen Vorteile für Umwelt und Gesellschaft bringen könnten", so Ladislav Smejda vom Institut für Ökologie der Tschechischen Universität für Lebenswissenschaften in Prag.

Phosphor, Magnesium, Kalium...

"Als Erstes haben wir die wohl älteste Methode untersucht, die Dekarnation, bei der die Leichen im Freien den Elementen ausgesetzt werden. Diese Sitte ist nicht vollkommen vergessen, und wir haben bei dieser Methode mit Tierkadavern analysiert, welche Spuren in der Umwelt zurückbleiben. Außerdem haben wir Erdbestattungen und Feuerbestattungen untersucht. Letztere unterscheiden sich in dem, was von uns bleibt."

Anders als in der Natur, wo Tiere irgendwo sterben und ihre Kadaver meist weit verteilt liegen und gefressen werden, konzentrieren Menschen ihre Toten über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg in einem Areal. Der Körper besteht vor allem aus Kohlenstoff und Wasser, aber auch aus Phosphor, Magnesium, Kalium, Eisen und dazu diverse Spurenelemente. Und bei der Zersetzung werden alle chemischen Bestandteile wieder frei: Sie gelangen in die Atmosphäre, ins Grundwasser oder in die Böden.

"Pflanzen wachsen auf Gräber besser"

"Wenn Körper einfach im Freien vergehen, finden wir dort, wo Flüssigkeiten auf den Boden gelangen, erhöhte Gehalte von Phosphor, Schwefel oder Zink." Während der Schwefel schnell wieder aus der Umwelt verschwindet, wird der Phosphor an die Minerale im Boden gebunden und langsam als Nährstoff an die Pflanzen abgegeben. Ähnlich ist es auch bei den Erdbestattungen. Bei ihnen haben die Forscher noch bei 1.500 Jahre alten Grabstätten erhöhte Konzentrationen an Phosphor, Eisen und Zink messen: "Wir sehen das auch in der Vegetation. Pflanzen wachsen über einem Grab besser als in der Umgebung. Der Effekt ist so deutlich, dass wir ihn bei der Luftbildarchäologie und der archäologischen Fernerkundung nutzen, um Gräber zu finden."

Ganz anders verändert sich die Bodenchemie in den Beerdigungsstätten, auf die Asche Verstorbener verstreut wird. Was nach der Einäscherung bleibt, ist Knochenasche - und die besteht vor allem aus Phosphor und Calcium. Schon nach wenigen Jahrzehnten Nutzung lassen sich in diesen Feldern starke Phosphor- und Calcium-Anreicherungen messen. Auch die düngen, allerdings konnte bei einer langen und intensiven Nutzung die Bodenchemie durchaus negativ beeinträchtigt werden.

In Tschechien bereits eine Belastung

"Bei der Betrachtung der Umweltfolgen waren wir jedoch überrascht, wie groß der Einsatz an fossilen Energieträgern bei Einäscherungen ist. Das haben wir vollkommen unterschätzt. Außerdem können Kremierungen über das Amalgam in den Zahnfüllungen beträchtlich zu den Quecksilberemissionen in die Atmosphäre beitragen."

In Ländern wie der Tschechischen Republik, wo die Feuerbestattung weit verbreitet sei, stelle das Quecksilber aus den Krematorien ein ernste Belastung dar, so Smejda. Nach einer Untersuchung der britischen Regierung aus den 90er-Jahren steuerten die Krematorien des Landes elf Prozent zur Quecksilberbelastung bei und waren damit nach der Aufbereitung von Nichteisenmetallen und der Energieerzeugung der drittgrößte Faktor.

"Teil von etwas Schönem"

Weil die Weltbevölkerung ständig wachse und immer mehr Menschen ihren ökologischen Fußabdruck mindern wollten, steige derzeit das Interesse an neuen Ideen, bei denen der Energie- und Raumbedarf geringer seien:

"Ich weiß, dass Firmen Alternativen entwickeln. So arbeitet ein schwedisches Unternehmen an einem System, den Körper mit flüssigem Stickstoff bei sehr tiefen Temperaturen einzufrieren und durch leichte Vibrationen zu Staub zu zerlegen. Dem wird dann das Wasser entzogen und was übrig bleibt, ist vollkommen ungefährlich -  wird schnell in Boden umgewandelt, und man kann einen Baum auf das Grab pflanzen."

Es sei doch tröstlich zu wissen, dass man am Ende Teil von etwas Schönem werde - ein perfektes Ende nach einem langen Leben, urteilt Ladislaw Smejda.

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