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StartseiteDie neue PlatteBeethoven, Napoleon und die Befreiungskriege12.08.2012

Beethoven, Napoleon und die Befreiungskriege

Das San Francisco Symphony Orchestra spielt Beethovens 7. Sinfonie

Ludwig van Beethovens wechselvolle Einstellung zu seinem Zeitgenossen Napoleon ist bekannt, zeigt sich am deutlichsten an der Widmung seiner Helden verehrenden Eroica-Sinfonie. Zunächst begeisterte der Komponist sich für den französischen Feldherrn, da er annahm, dieser würde die aristokratische Tyrannei Europas durch eine humanitäre Sozialstruktur ersetzen.

Von Ludwig Rink

In seiner 7. Sinfonie A-Dur op. 92 verarbeitet der Komponist Ludwig van Beethoven (undatierte Zeichnung) die Eindrücke aus den preußischen Befreiungskriegen.  (AP)
In seiner 7. Sinfonie A-Dur op. 92 verarbeitet der Komponist Ludwig van Beethoven (undatierte Zeichnung) die Eindrücke aus den preußischen Befreiungskriegen. (AP)

Doch als Napoleon, der Fahnenträger der republikanischen Ideen, im Frühjahr 1804 die Macht als absolutistischer Diktator an sich riss, kühlte sich Beethovens Bewunderung für ihn deutlich ab.

Aber nicht nur die 3., auch die 7. Sinfonie Beethovens hat eine indirekte Beziehung zu Napoleon, erlebte sie doch ihre Uraufführung 1813 in einem Konzert, dessen Erlös für lebenslang durch erlittene Verletzungen behinderte Kriegsveteranen verwendet werden sollte.

Von dieser 7. Sinfonie soll heute die Rede sein, denn das San Francisco Symphony Orchestra brachte sie jetzt auf eigenem Label heraus. Und Chefdirigent Michael Tilson Thomas zeigt sich gleich zu Beginn entschlossen, jede Wendung, jede Note, jede Pause wichtig zu nehmen: Die minutiöse Gestaltung des ersten Satzes beansprucht dabei deutlich mehr Zeit als bei vielen seiner Kapellmeister-Kollegen.

"Ludwig van Beethoven
1. Satz Poco sostenuto – Vivace (Ausschnitt) aus der Sinfonie Nr. 7 A-Dur
Dauer: 3’17
San Francisco Symphony
Leitung: Michael Tilson Thomas
LC (ohne) – SFS Media 0054
EAN: 821936005422"

Der bekannteste Satz von Beethovens 7. Sinfonie dürfte der zweite sein. Häufig als zu wiederholende Zugabe verlangt, kam er vor zwei Jahren auch zu Kinoehren, als er mit großem dramatischen Effekt in einer äußerst eindrucksvollen Szene des oskar-preisgekrönten Films "The King’s Speech” verwendet wurde, um dem von Lampenfieber und Stottern gequälten König Georg 1939 bei seiner äußerst wichtigen Rundfunkansprache zum Kriegseintritt Großbritanniens durch solcherart musiktherapeutische Unterstützung Stärke, Würde und Entschlossenheit zu verleihen.

"Ludwig van Beethoven
2. Satz Allegretto (Ausschnitt) aus der Sinfonie Nr. 7 A-Dur
Dauer: 3’01
San Francisco Symphony
Leitung: Michael Tilson Thomas
LC (ohne) – SFS Media 0054
EAN: 821936005422"

Erstaunlich, was alles an Prominenz mit im Orchester spielte, als diese Beethoven-Sinfonie unter Leitung des Komponisten in Wien uraufgeführt wurde, Musiker, deren Namen uns auch heute noch als Komponisten durchaus geläufig sind: Antonio Salieri, Johann Nepomuk Hummel, Ignaz Schuppanzigh, Louis Spohr, Ignaz Moscheles oder Giacomo Meyerbeer. Ganz so vertraut sind uns die Namen der bei dieser amerikanischen Neueinspielung Mitwirkenden zwar nicht, aber in Sachen Tradition und Geschichte kann es das San Francisco Symphony Orchestra durchaus mit vielen führenden europäischen Orchestern aufnehmen.

Bereits 1911 gegründet, wurde es von weltweit bedeutenden Chedirigenten geformt, z.B. von Alfred Hertz, Pierre Monteux, Josef Krips, Seiji Ozawa, Edo de Waart oder Herbert Blomstedt. Unter der Leitung von Michael Tilson Thomas, der hier jetzt seit 17 Jahren Chefdirigent ist, hat es einen weiteren beachtlichen künstlerischen Aufschwung erlebt, was sich auch diesseits des Atlantiks anhand ganz besonders klangschöner Super Audio-CDs nachvollziehen lässt. Einspielungen mit Werken von Brahms, Mahler, Strawinsky, Orff oder Prokofjew wurden mit französischen, deutschen, britischen oder amerikanischen Schallplattenpreisen ausgezeichnet; den Schallplattenkatalog bereichert hat das Orchester unter Tilson Thomas aber auch mit Werken amerikanischer Komponisten wie Copland, Charles Ives, John Adams, Gershwin und Bernstein.

Dass die Musiker von der Westküste auch mit dem Leichten, Eingängigen, Humorvollen kein Problem haben, zeigen sie uns im Scherzo von Beethovens 7. Sinfonie – wobei das Leichte vor dem Hintergrund des demonstrativ ruhig und ernst dargebotenen Trios eine ganz besondere Wirkung entfaltet.

"Ludwig van Beethoven
3. Satz Presto (Schluss) aus der Sinfonie Nr. 7 A-Dur
Dauer: 2’09
San Francisco Symphony
Leitung: Michael Tilson Thomas
LC (ohne) – SFS Media 0054
EAN: 821936005422"

Diese 7. Sinfonie von Beethoven durchzieht eine unbändige Bewegungsenergie. Man ertappt sich dabei, unwillkürlich den Takt mit schlagen zu wollen. Die Musik aller Sätze, auch der langsamen, hat oftmals etwas von rhythmischen Studien. Und in der Tat scheinen Skizzen zu belegen, dass Beethoven zunächst rhythmische Motive komponierte, die er dann erst später nach und nach mit Tönen versah. Der Gefahr, bei solch gefährlich schnell dahingaloppierendem Ritt in den Graben zu geraten, begegnet die vorliegende Interpretation von Michael Tilson Thomas klug mit der ganz besonderen Intensität, die sie den ruhigeren Haltepunkten zuteil werden lässt.

Spieltechnische Probleme scheinen die amerikanischen Musiker überdies auch in aberwitzigem Tempo nicht zu kennen, was umso bemerkenswerter ist, als es sich hier um einen Konzertmitschnitt handelt. So kann man beruhigt auch dem letzten, ganz besonders wilden Satz entgegensehen und ihn – je nach Konzertführer – deuten als "riesenhafte Temperamentsaufwallung", ein "Hohelied des Humors" oder als "Gipfel der absoluten Gestaltlosigkeit". Richard Wagner sah in Beethovens Siebter die "Apotheose des Tanzes selbst…bis zum letzten Wirbel der Lust ein jubelnder Kuss die letzte Umarmung beschließt."

"Ludwig van Beethoven
4. Satz Allegro con brio (Schluss) aus der Sinfonie Nr. 7 A-Dur
Dauer: 3’22
San Francisco Symphony
Leitung: Michael Tilson Thomas
LC (ohne) – SFS Media 0054
EAN: 821936005422"

Die Neue Platte – heute mit einer Neueinspielung der 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven durch das San Francisco Symphony Orchestra unter Leitung von Michael Tilson Thomas. Ende dieses Monats, am 30. August, kommt dieses Orchester übrigens einmal wieder nach Deutschland. Im Rahmen des Rheingau Musik Festivals spielt es in Wiesbaden Werke von Brahms und Charles Ives. Mit Wünschen für einen schönen Sonntag verabschiedet sich im Studio Ludwig Rink.

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