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StartseiteDie neue PlatteMit zwei Gesichtern07.06.2020

Beethovens fünfte SinfonieMit zwei Gesichtern

Zweimal Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 5. Doch die Klangergebnisse dieser beiden neuen CDs könnten unterschiedlicher kaum sein. Martin Haselböck setzt damit den Schlusspunkt seines "Resound Beethoven"-Projekts. Für Teodor Currentzis ist es der Start einer Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien.

Am Mikrofon: Johannes Jansen

Der Dirigent Teodor Currentzis (picture alliance / Sputnik / Evgenya Novozhenina)
Dirigent Teodor Currentzis wurde 1972 in Athen geboren (picture alliance / Sputnik / Evgenya Novozhenina)

Musik: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67, 1. Satz

Teodor Currentzis lässt nicht zu, dass das Schicksal an die Pforte pocht. Es tritt einfach ein und nimmt uns mit. Ohne Lärm, aber mit unwiderstehlichem Sog. Martin Haselböck legt mehr Gewicht hinein, doch auch er übertreibt es nicht mit der bleiernen Schicksalsschwere, die viel zu oft auf diesen ersten Takten liegt. Denn auch Haselböck weiß: Das vermeintliche Gepoche geht auf eine jener unüberprüfbaren Anekdoten zurück, die Beethovens wenig zuverlässiger Sekretär und erster Biograph in Umlauf setzte.

Musik: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67, 1. Satz

Ganz schön selbstbewusst: Auf dem Cover der "Resound Beethoven"-Reihe mit dem Orchester Wiener Akademie sind dem Titanenhaupt des Komponisten die Gesichtszüge des Dirigenten Haselböck aufgeprägt. Auch die Konkurrenz-CD mit Teodor Currentzis und MusicAeterna stilisiert sich mit erhabener römischer Kapitalschrift auf weißem Karton zu einem kleinen Denkmal ihrer selbst. Haselböck packt die Fünfte und Sechste Sinfonie zusammen und kratzt damit an der Grenze der CD-Kapazität. Bei Currentzis ist es allein die Fünfte, das heißt mehr als die Hälfte der möglichen Spieldauer bleibt ungenutzt. Das muss man sich leisten können. Aber was drinsteckt im exklusiv gestalteten Karton, ist tatsächlich nicht von Pappe.

Hart am Tempolimit

Es sind erregende dreißig Minuten, die wie zwanzig wirken. Zeit zum Atemholen hat man hinterher. Hart am Limit zwar, das heißt auf den Spuren des Tempomachers Hermann Scherchen und damit nah an Beethovens eigenen – wiewohl vielfach angezweifelten – Metronomangaben, aber nicht mit Bleifuß kurvt Currentzis durch die Partitur. Auch der Empfindung lässt er ihren Takt, wie es Beethoven ebenfalls empfohlen hat. Beispielhaft dafür ist die organische Verbindung des dritten und vierten Satzes ohne den sonst üblichen Wiederholungsteil. Die Quellenlage lässt dies zu. Mag sie auch die Gesamtdramaturgie eines retardierenden Moments berauben, steht die knappere Variante nach Ansicht des Beethovenforschers und Herausgebers Clive Brown dem mutmaßlichen Komponistenwillen keineswegs entgegen.

Musik: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67, 3./4. Satz

Anders als Teodor Currentzis spielt Martin Haselböck die Wiederholung aus, und auch ihm gelingt an der Scharnierstelle mit angezeigtem Tempo, Takt- und Tonartwechsel ein Attacca-Übergang ohne Knirschen, nur etwas mechanisch vielleicht und vergleichsweise spröde, doch mit dem Vorzug gegenüber MusicAeterna, dass sich das im Finale hinzutretende Kontrafagott nicht vorzugsweise durch Schnarrtöne bemerkbar macht.

Musik: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67, 3./4. Satz

Beethoven in historischen Räumen

Manchmal scheint es, als wolle sich Haselböcks Wiener Akademie gegenüber der sechzigköpfigen russischen Konkurrenz unter Currentzis größer machen, als sie tatsächlich ist, was in der halligen Akustik des Palais Niederösterreich ein leicht plärrendes Fortissimo zur Folge hat. Der Effekt ist freilich beabsichtigt als Teil des "Resound"-Konzepts, historische Räume abzubilden, in denen Beethovens Sinfonien tatsächlich aufgeführt wurden. Klangspektrum und Wahrnehmung verschieben sich in Richtung der Bläser. Fürs Ohr eine Gewöhnungssache und Auslöser von aparten Orientierungsstörungen besonders in der sogenannten Pastoral-Sinfonie mit ihren vertrauten Naturbildern, wenn sich in die Szene am Bach ein Hauch von Bahnhofshalle mischt.

Musik: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 6 F-Dur, op. 68, 2. Satz

Man möchte fast nicht dabei sein, wenn das Sturmgewitter im vierten Satz herniedergeht. Doch es fehlt die Magie des echten Naturschauspiels, weil Martin Haselböck im rechtschaffenen Bemühen um Entromantisierung auch das leise Nachgrollen und Aufklaren des Himmels seinem strengen Taktschlag unterwirft. Beinahe eisern hält er daran fest, und fast alle Hirtenseligkeit geht flöten.

Musik: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 6 F-Dur, op. 68, 4./5. Satz

Vollen Genuss an dieser Interpretation der Sechsten Sinfonie wird wohl nur empfinden, wer die Vorstellung liebt – auch wenn das Palais beziehungsweise Landhaus in der Wiener Herrengasse nicht die Uraufführungsstätte war –, zumindest mit den Ohren an einem authentischen Ort der Beethovenzeit zu sein. Wir hingegen kehren lieber zu Teodor Currentzis ins Wiener Konzerthaus zurück, das zwar erst im 20. Jahrhundert erbaut, aber immerhin mit Beethovens Neunter eingeweiht wurde. Nun soll es zur Wiegestätte eines "Beethoven des 21. Jahrhunderts" werden, und die Fünfte beweist, dass es nicht bloß leeres Marketinggerede ist, wenn Currentzis eine Katharsis auf allen Ebenen verspricht. So leidenschaftlich wie dieser nicht mehr gar so junge Wilde hat niemand seit den Tagen Toscaninis die postromantische Beethoven-Schlamperei bekämpft.

Musik: Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67, 4. Satz

Zärtliche Radikalität

Bei aller Schroffheit, die sie auch besitzt, ist Currentzis und seinem Orchester MusicaAeterna mit dieser Fünften eine Aufnahme von fast zärtlicher Radikalität gelungen, die auch für die bereits eingespielte, aber noch nicht veröffentlichte Siebte eine Liebeserklärung an Beethoven als Revolutionär erwarten lässt. Ein Auftakt nach Maß also für seine Gesamteinspielung der Sinfonien beim Label Sony Classical. Weniger spektakulär, aber doch beachtenswert in ihrer strengen Orientierung an historischen Klanggegebenheiten ist die hier ebenfalls vorgestellte Vergleichsaufnahme mit dem Orchester Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck, Abschluss eines achtteiligen Aufahmezyklus mit dem Titel "Resound Beethoven", der neben den Sinfonien auch die Klavierkonzerte und andere Werke Beethovens umfasst und beim Label Alpha Classics erschienen ist.

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67
MusicAeterna
Leitung: Teodor Currentzis
Sony (LC 0686), EAN: 190758849720

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 und
Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 (›Pastorale‹)
Orchester Wiener Akademie
Leitung: Martin Haselböck
Alpha (LC 00516), EAN: 3760014194795

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