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StartseiteDie neue PlatteSchroff und sensibel03.10.2020

"Beethovens Welt" mit dem casalQuartettSchroff und sensibel

Beethoven war ein musikalischer Revolutionär. Vor allem den Gattungen der Instrumentalmusik drückte er seinen Stempel auf. Doch welche Neuerungen führte Beethoven ein, was übernahm er von seinen Vorgängern? Diesen Fragen geht das casalQuartett in einem schlauen CD-Projekt nach.

Am Mikrofon: Klaus Gehrke

Drei Männer und eine Frau sitzen, auf blauen Sesseln, mit Streichinstrumenten in einem Salon. (Pilvax)
Hommage an Beethoven mit dem casalQuartett (Pilvax)
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Unter dem Titel "Beethovens Welt - Der Revolutionär und seine Rivalen" hat das casalQuartett Werke von zehn Komponisten eingespielt, die in einem Zeitraum von 1799 bis 1851 entstanden.

Musik: Ludwig van Beethoven, Quartett für 2 Violinen, Viola und Violoncello F-Dur, op. 18, Nr. 1 - 1. Satz "Allegro con brio"

1799: Der zweite Koalitionskrieg zwischen Frankreich und den anderen europäischen Mächten England, Österreich und Preußen beginnt, Napoleon Bonaparte übernimmt die Macht und errichtet in Frankreich eine Militärdiktatur, Joseph Haydn komponiert seine letzten Streichquartette op. 77 - und Ludwig van Beethoven stellt sich mit dem Opus 18 dem Wiener Publikum erstmals als Streichquartett-Komponist vor. Zu diesem Zeitpunkt hat diese Gattung bereits eine bemerkenswerte Entwicklung vom eher anspruchslosen Divertimento zu einer in intellektuellen Kreisen hoch geschätzten musikalischen Disziplin hinter sich. Und trotz der sich in Europa zunehmend anbahnenden kriegerischen Auseinandersetzungen gewinnt das Streichquartett gerade unter dem Einfluss Beethovens immer mehr an Popularität.

Musik: Ludwig van Beethoven, Quartett für 2 Violinen, Viola und Violoncello F-Dur, op. 18, Nr. 1 - 1. Satz "Allegro con brio"

Doch Beethoven ist durchaus nicht allein auf dem Gebiet des Quartetts unterwegs: Er hat viele Konkurrenten, die gleichfalls von musikbegeisterten Adligen protegiert werden. Zu ihnen zählt der heute fast völlig vergessene Böhme Adalbert Gyrowetz, sieben Jahre älter als Beethoven und mit diesem zeitweilig befreundet. Er gehörte neben Franz Schubert zu den Fackelträgern bei Beethovens Begräbnis.

Drei Weltersteinspielungen sind Teil der CD-Box

1790 lernte Gyrowetz in London Haydn kennen und dessen Werke sollten seine eigenen Kompositionen stark prägen. In Wien erhielt er ab 1804 eine feste Anstellung als Kapellmeister und Komponist am Hoftheater. In dieser Position entstanden 26 Opern und 40 Ballette. Sie sind ebenso in Vergessenheit geraten wie die vielen Sinfonien und die insgesamt 43 Streichquartette, die Gyrowetz davor komponiert hat. Das letzte von ihnen, das Quartett D-Dur op. 47, Nr. 3, entstand 1799. Es gehört zu den drei Weltersteinspielungen, die das casalQuartett in seinem CD-Projekt vorgelegt hat. Der erste Satz des Werkes ist voller musikalischer Überraschungen mit knappen Themen, unüblichen Wendungen und Abbrüchen - beinahe so, wie auch Beethoven sie in seinen Kompositionen verwendete.

Musik: Adalbert Gyrowetz, Quartett für 2 Violinen, Viola und Violoncello D-Dur, op. 47, Nr. 3 - 1. Satz "Allegro"

Gyrowetz' letztes Streichquartett, aus dem gerade ein Ausschnitt erklang, bildet zusammen mit Joseph Haydns op. 77, Nr. 1 und dem ersten Quartett aus Beethovens op. 18 die erste Station der höchst spannenden musikalischen Zeitreise, die das casalQuartett auf seiner neuen CD unternimmt. Als zweite Station wählt das Ensemble das Jahr 1806. Beethoven genoss als Komponist in Wien die Protektion von musikbegeisterten Angehörigen des Hochadels, er war ihr Protegé - trotz zunehmend verstörender musikalischer Experimente. Ein solches ist die Einleitung zu seinem Quartett op. 59, Nr. 3, in der Beethoven bis zum Einsatz des Hauptthemas seine Zuhörer bezüglich der Tonalität völlig im Unklaren lässt.

Musik: Ludwig van Beethoven, Quartett für 2 Violinen, Viola und Violoncello C-Dur, op. 59, Nr. 3 - 1. Satz "Introduzione. Andante con moto - Allegro vivace"

Verglichen mit seinem Opus 18 zeigen Beethovens "Rasumowsky-Quartette" op. 59 - benannt nach ihrem Auftraggeber, dem russischen Fürsten Andreas Rasumowsky -, wie stark ihr Schöpfer sich weiter entwickelt hat. Konventionen sind persönlicher Ausdruckskraft und emotionaler Tiefe gewichen und die Ausführenden haben insbesondere in den Ecksätzen technisch hohe Anforderungen zu bewältigen. Beispielsweise besteht das Finale des dritten "Rasumowsky-Quartetts" aus einem rasanten Fugenthema. Wie schnell die Musiker um den Geiger Ignaz Schuppanzigh es bei der Uraufführung in Beethovens Beisein gespielt haben, ist unbekannt. Das casalQuartett macht daraus ein schier atemberaubendes musikalisches Feuerwerk.

Musik: Ludwig van Beethoven, Quartett für 2 Violinen, Viola und Violoncello C-Dur, op. 59, Nr. 3 - 4. Satz "Allegro molto"

Während Beethoven für eine progressive Entwicklung des Streichquartetts steht, versuchten andere Kollegen auf diesem Gebiet im Sinne von Mozart und Haydn fortzufahren. Als Vertreter dieser Richtung haben die vier casals ein Werk des kaum bekannten Komponisten Peter Hänsel ausgewählt. Hänsel, gerade zwei Wochen älter als Beethoven, erhielt seine musikalische Ausbildung zunächst in Warschau. Als er 1791 Konzertmeister bei der polnischen Fürstin Izabela Lubomirska in Wien wurde, bot sich ihm die Gelegenheit, bei Joseph Haydn noch weiteren Kompositionsunterricht zu bekommen. In seinen Werken kombinierte Hänsel Einflüsse von Haydn mit französischer Musik, die er in Paris bei dem Komponisten und Klavierfabrikanten Ignaz Pleyel kennen gelernt hatte. Auch einige Neuerungen von Beethoven flossen darin ein. Hänsels 53 Streichquartette galten seinen Zeitgenossen als die "wahren" Nachfolgewerke im Geiste von Haydn und Mozart. Bisher ist kein einziges auf Tonträger erschienen. Das ändert das casalQuartett nun mit der Einspielung von Hänsels Streichquartett op. 20, Nr. 4 - und zeigt damit, dass der Komponist in punkto Ausdruckskraft und Tiefe, aber auch Unterhaltungswert zu Unrecht vergessen wurde.

Musik: Peter Hänsel, Quartett für 2 Violinen, Viola und Violoncello C-Dur, op. 20, Nr. 3 - 2. Satz "Adagio ma non troppo"

Ein Ausschnitt aus dem langsamen Satz des Quartetts op. 20, Nr. 4 von Peter Hänsel mit dem casalQuartett. Seit seiner Gründung vor über 20 Jahren hat sich das Schweizer Ensemble ein weltweites Renommee erarbeitet. Darüber hinaus warten die vier Mitglieder regelmäßig mit spannenden Konzert- und CD-Projekten auf. Dazu gehört unter anderem die Beleuchtung der Entwicklung der Gattung Streichquartett. Dem entsprechend hat das casalQuartett zum diesjährigen Beethoven-Jubiläum anders als andere Formationen keine Gesamteinspielung seiner Streichquartette in Angriff genommen. Stattdessen versuchen Felix Froschhammer, Rachel Späth, Markus und Andreas Fleck, Beethovens Quartettschaffen im Hinblick auf sein musikalisches Umfeld zu verdeutlichen. Und das gelingt ihnen in beeindruckender Weise.

Beethoven-Konkurrent Donizetti

Für das Jahr 1826 haben die Musiker drei Werke ausgewählt, die kaum konträrer sein könnten: Beethovens letztes Streichquartett in F-Dur op. 135, das von den Zeitgenossen nicht verstanden wurde, Franz Schuberts heute berühmtes, aber damals wenig beachtetes Quartett Nr. 14 "Der Tod und das Mädchen" und das Quartett Nr. 17 in D-Dur von Gaetano Donizetti. Dass der berühmte italienische Opernkomponist sehr viel Kammermusik geschrieben hat, ist nur Wenigen bekannt. Diese wieder zu entdecken, lohnt sich allemal. Dass Donizettis Quartett im Gegensatz zu Beethovens sperrigem Opus 135 damals mehr Publikum anzog, liegt unter anderem an vielen opernhaften Elementen - wie etwa im Beginn des Finales.

Musik: Gaetano Donizetti, Quartett Nr. 17 für 2 Violinen, Viola und Violoncello D-Dur - 4. Satz "Allegro"

So vielfältig wie die ausgewählten Werke ist die Interpretationskunst des casalQuartetts. Insgesamt wird wenig Vibrato eingesetzt und stellenweise sogar ganz weggelassen. Dafür spüren die Mitglieder sensibel jedem Melodiebogen nach und kosten ihn aus. Gleiches gilt für die Reibungen und Brüche in den Quartetten beispielsweise von Beethoven oder Schubert: Hier wird nichts geglättet oder geschönt, sondern die von den Komponisten so gewollte musikalische Schärfe und Dramatik mit der entsprechenden Schroffheit wiedergegeben. Gerade in solchen Sätzen wie etwa dem rasanten Presto-Finale von Schuberts "Tod und das Mädchen"-Quartett scheinen die vier Casals beim Musizieren nicht nur auf der Stuhlkante zu sitzen, sondern auch bis zu den Grenzen des technisch Machbaren zu gehen.

Musik: Franz Schubert, Quartett für 2 Violinen, Viola und Violoncello d-Moll D810 - 4. Satz "Presto"

Neben den ausdrucksstarken Interpretationen des casalQuartetts besticht die CD-Box "Beethovens Welt 1799 – 1851" durch ein sehr ausführliches und informatives Booklet. Hier werden sowohl die historischen zeitgeschichtlichen Hintergründe als auch die musikalischen Entwicklungen fundiert beleuchtet. Das gilt selbstverständlich auch für die Jahre nach Beethovens Tod: So blicken die Musiker in den letzten beiden der fünf CDs auf das zweite Streichquartett op. 13 von Felix Mendelssohn Bartholdy, welches in Beethovens Sterbejahr 1827 entstand sowie auf Robert Schumanns drittes seiner Quartette op. 41 aus dem Jahr 1842. Dazu kommt noch das Streichquartett Nr. 28 von Carl Czerny - auch wieder eine Weltersteinspielung. Vor allem die Mischung aus bekannten Streichquartett-Klassikern von Haydn, Beethoven, Schubert oder Mendelssohn und den Ersteinspielungen der Werke von Gyrowetz, Hänsel und Czerny verleiht dem Beethoven-Projekt des casalQuartetts einen ganz besonderen Reiz - eine wirklich bemerkenswerte Einspielung.

Musik: Carl Czerny, Quartett Nr. 28 für 2 Violinen, Viola und Violoncello As-Dur, 4. Satz "Allegro con anima"

Auf dem Gebiet des Streichquartetts völlig unbekannt: Das war ein Ausschnitt aus dem 1851 entstandenen Quartett Nr. 28 in As-Dur von Carl Czerny, der als Jugendlicher Klavier- und Kompositionsunterricht bei Beethoven erhalten hat. Es spielte das casalQuartett. Die in Koproduktion mit dem SWR entstandene CD-Box "Beethovens Welt" ist beim Label Solo Musica erschienen.

Beethovens Welt 1799-1851
Der Revolutionär und seine Rivalen
casalQuartett
Label: Solo Musica

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