Dienstag, 31. Januar 2023

Befreiung des KZ Bergen-Belsen
"70 Jahre später hören wir die gleichen antisemitischen Lügen"

70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen hat Bundespräsident Joachim Gauck zu mehr Zivilcourage aufgerufen. Zu viele hätten weggesehen, als mitten in Deutschland unmenschliche Verbrechen verübt wurden. Andere Redner warnten vor neuem Antisemitismus.

26.04.2015

    Eine Blume liegt auf einem Grab auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Bergen-Belsen (Niedersachsen)
    Eine Blume liegt auf einem Grab auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Bergen-Belsen (Niedersachsen) (dpa / Peter Steffen)
    Bei einer Gedenkveranstaltungen wurde an die Befreiung der Konzentrationslager Bergen-Belsen und Flossenbürg vor 70 Jahren erinnert. Bundespräsident Joachim Gauck rief dazu auf, die Erinnerung an die Verbrechen der Deutschen in der NS-Zeit nicht abreißen zu lassen. Zugleich gelte es, Lehren für die Gegenwart zu ziehen.
    Auf dem Gelände der niedersächsischen Gedenkstätte von Bergen-Belsen sagte Gauck: "Wir bekennen uns heute zu dem Auftrag, die Verbrechen nicht zu leugnen und zu relativieren und die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten." Die Verbrechen in Bergen-Belsen hätten sich mitten in Deutschland zugetragen. Aber zu wenige Menschen hätten wissen wollen, was vor ihrer eigenen Haustür geschah. Wer in einer solchen Situation wegsehe, verweigere den Opfern alles, sagte Gauck: "Mitleid und Hilfe, ja selbst die bloße Zeugenschaft für erlittenes Unrecht." Unter den mehr als 1.000 Gästen waren rund 90 Überlebende des Lagers.
    10.000 Leichen
    Als britische Truppen Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreiten, fanden sie rund 10.000 Leichen vor. In Bergen-Belsen wurden mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene ermordet oder starben an Hunger, Durst, Krankheiten und den Folgen der Haft. Unter ihnen war auch das jüdische Mädchen Anne Frank, dessen Tagebuch später weltberühmt wurde.
    Der Präsident des jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, spricht während der Gedenkveranstaltung auf dem Lagergelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Bergen-Belsen (Niedersachsen).
    Der Präsident des jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder (dpa / Peter Steffen)
    Auf dem Gelände mit den Massengräbern der Opfer warnten Redner vor einem neu erstarkenden Antisemitismus und Fremdenhass. "70 Jahre nachdem dieses Lager befreit wurde, hören wir die gleichen antisemitischen Lügen", sagte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder. Heute könne ein jüdischer Junge in den Straßen von London, Paris oder Kopenhagen keine Kippa tragen, ohne um sein Leben zu fürchten. In Ungarn und Griechenland säßen rechtsextreme Neonazi-Gruppen in den Parlamenten. Im Unterschied zu damals gebe es jedoch heute einen starken Staat Israel, der die Juden überall verteidige.
    Unwillige Nachkriegsgesellschaft in Deutschland
    Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, führte aus, viel zu viele Täter seine ungeschoren davongekommen: "Wir wissen, wie unwillig die deutsche Nachkriegsgesellschaft war, sich ihrer Schuld zu stellen." Heute werde mühsam versucht, doch noch Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sagte er unter anderem mit Blick auf einen laufenden NS-Kriegsverbrecherprozess in Lüneburg. "Diese schrecklichen Verbrechen zu ahnden, sind wir den Opfern schuldig."
    Bundespräsident Joachim Gauck und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil bei der Gedenkveranstaltung auf dem Lagergelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Bergen-Belsen (Niedersachsen).
    Bundespräsident Joachim Gauck und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (dpa / Peter Steffen)
    Im bayerischen Flossenbürg wurde ein neues Bildungszentrum im ehemaligen SS-Kasino eröffnet. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) betonte, Bund und Länder wollten die ehemaligen Konzentrationslager als Lernorte erhalten. Künftige Generationen sollten sich die Konzentrationslager nicht als Hölle vorstellen, die mit dem Leben, das sie kennen, nichts zu tun haben. "Wir wollen - was ja als Warnung noch viel eindringlicher ist -, dass man die Konzentrationslager kennenlernt als Orte menschlichen Alltags, als Orte, die zu unvorstellbarer Grausamkeit fähig waren", sagte Grütters.