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StartseiteCampus & Karriere"Weiter so" der Bayreuther Erklärung in der Kritik15.10.2019

Befristete Stellen an Universitäten"Weiter so" der Bayreuther Erklärung in der Kritik

Die Hochschulleitungen haben sich für eine Beibehaltung der bisherigen Befristungspraxis vieler Stellen ausgesprochen. Dies erzeugt Widerspruch. Im Dlf sagte Jule Specht, Professorin für Psychologie an der HU Berlin, Unis könnten mehr Stellen entfristen: "Eine kostenneutrale Änderung ist möglich."

Jule Specht im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Ein trauriger Smiley mit Augen aus tickenden Uhren. Daneben steht der Schriftzug "Frist ist Frust" (Stefanie Sonntag / GEW)
93 Prozent des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland sind nur befristet beschäftigt. (Stefanie Sonntag / GEW)
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Benedikt Schulz: Die Bayreuther Erklärung der Kanzlerinnen und Kanzler der deutschen Universitäten hat es offenbar in sich. Vor wenigen Tagen erst hatten wir den Bundessprecher der Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler im Interview und haben ihn gefragt, weshalb man dort der Meinung ist, die Befristungspraxis in der deutschen Hochschullandschaft im Kern zu erhalten.

Also: die Hochschulen sind in erster Linie ein Qualifizierungssystem, sagen die Kanzler. Das hat viel Kritik ausgelöst, vor allem bei Twitter hagelte es Reaktionen, vor allem von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Jule Specht, Professorin für Psychologie an der HU Berlin ist eine von ihnen – und auch sie hat sich auf Twitter gemeldet – auch mit dem Hinweis, man müsse auch die Gegenseite hören – tun wir jetzt – Hallo Frau Specht, schön dass Sie da sind!

Jule Specht: Hallo!

Benedikt Schulz: Die Hochschulen sind ein Qualifizierungssystem, sagen die Kanzlerinnen und  Kanzler – und stimmt doch auch, oder nicht?

Jule Specht: Im Prinzip stimmt das natürlich. Ich finde das Wort Qualifizierungssystem sonderbar. Natürlich sind Universitäten Einrichtungen für Lehre und Forschung und qualifizieren Personen für Gesellschaft, Wirtschaft und öffentlichen Dienst, so wie es die Kanzlerinnen und Kanzler ja auch gesagt haben, aber vor allem natürlich Studierende, die auf dem Weg zum Bachelor- und Masterabschluss begleitet werden und dann als Fachkräfte eben außerhalb der Wissenschaft tätig werden. Jetzt kann man darüber streiten, inwiefern die Promotion  ein idealer Abschluss ist, um außerhalb der Wissenschaft tätig zu sein. In einigen Fächern braucht man die Promotion sicherlich, um qualifiziert auf dem Arbeitsmarkt zu sein, in vielen anderen Bereichen kann man  sich aber wahrscheinlich deutlich besser innerhalb der Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes qualifizieren.

Aber was glaube ich noch viel wichtiger zu sagen ist, dass, was mich geärgert hat an der Bayreuther Erklärung, und so geht es auch vielen von meinen Kollegeninnen und Kollegen, ist, dass so getan wird, als würde die Phase nach der Promotion, wenn Personen also fertig promoviert sind und als Postdocs arbeiten, dass sie sich dann ja eben nicht mehr qualifizieren, um außerhalb der Wissenschaft tätig zu sein, sondern sich vor allem qualifizieren, um innerhalb der Wissenschaft Karriere zu machen. Und dennoch sitzen sie auch in dieser Phase auf befristeten Stellen. Insofern ist das die große Kritik, die sich die Bayreuther Erklärung eben anhören muss, dass sie nicht differenzieren zwischen Personen in der Promotionsphase, wo eine Befristung unstrittig ist, weil es um Qualifizierung geht, und der Phase nach der Promotion, wo man sich nicht qualifiziert, sondern vor allem ein großen Beitrag für Lehre und Forschung an den Universitäten leistet und insofern eigentlich nach der Promotion unbefristet beschäftigt werden sollte. 

Benedikt Schulz: Ist das so? Postdocs werden lediglich für die Weiterbildung in der Wissenschaft qualifiziert?

Jule Specht: Darüber kann man  anscheinend streiten. Ich würde sagen, wenn man als Postdoc an den Universitäten arbeitet, dann hat man sich ausgerichtet auf eine Tätigkeit innerhalb der Wissenschaft.  Es ist dann  nicht mehr so, dass, wenn man zum Beispiel die Habilitation erreicht oder viele ‚Papers‘ schreibt, sich damit besonders qualifiziert, um in der Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst tätig zu sein. Das heißt, nach der Promotion ist typischerweise der Punkt in der Karriere, wo man sich entscheidet, ob man außerhalb der Wissenschaft tätig sein möchte oder ob man in der Wissenschaft bleiben möchte.

Wir brauchen Kontinuität in Lehre und Forschung

Benedikt Schulz: Ein Argument ist ja: wenn auf breiter Front entfristet würde, dann gäbe es für die Qualifizierung von junger Akademikerinnen und Akademiker keinen oder zu wenig Platz, denn die Stellen sind dauerhaft besetzt.

Jule Specht: Dass kommt ein bisschen darauf an, über was für Qualifizierungsstellen wir sprechen. Natürlich kann man argumentieren, wenn wir Personen auf unbefristeten Stellen einstellen, dass diese Stellen dann wahrscheinlich länger durch diese Personen besetzt bleiben, als wenn wir alle paar Jahre wieder ein neue Person auf dieser Stelle einsetzen würden. Die Frage ist, inwiefern brauchen wir diesen schnellen Wechsel auf Postdoc-Stellen. Auf Promotionsstellen, wie gesagt, da ist das kein strittiges Thema, da braucht man immer wieder neue Stellen für die nächste Generation an Personen, die promovieren möchten, aber nach der Promotion brauchen wir vor allem auch Kontinuität in Lehre und Forschung, um eben auch das Beste aus dem Wissenschaftssystem herauszuholen.

Benedikt Schulz: Gerade in den vergangenen Jahren sind ja mehr und mehr neue Modelle geschaffen worden, die langfristige Perspektiven bieten, allen voran Tenure-Track-Stellen – warum reicht das nicht?

Jule Specht: Ich glaube, dass wir an einem Punkt  angekommen sind, wo immer mehr Impulse gesetzt werden, um zu einem Umdenken in der wissenschaftlichen Karriere zu kommen, zum Beispiel, in dem Tenure-Track-Stellen geschaffen werden, die Sie gerade angesprochen haben. Und das ist genau der richtige Weg, den wir gehen müssen. Gleichzeitig kommen wir da aber an eine Grenze, in dem Sinne, dass wir immer noch in dieser veralteten Personalstruktur denken, in der es Professuren  gibt, und diesen Professuren werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zugeteilt, damit die ihre Lehre und ihre Forschungsprojekte bearbeiten oder schaffen können. Das Problem dabei ist, dass wir jetzt nicht einfach sagen können, lass uns alle Postdoc-Stellen entfristen, weil wir dann das Problem bekommen, dass, wenn neue Personen berufen werden, sie nicht mehr wissenschaftliche Mitarbeiterin und Mitarbeiter, die von den neu berufenen Profs frei besetzt werden können, als Verhandlungsmasse anbieten können.

Umdenken in der Wissenschaft nötig

Das heißt zusätzlich zu der Forderung, das wir unbefristete Beschäftigungsmöglichkeiten  nach der Promotion ausbauen müssen, müssen wir auch zu einem generellen Umdenken in der Wissenschaft kommen. Da gibt es ja den Vorschlag einer Department-Struktur, dass man also sagt, wir haben einzelne unabhängig arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - ob man die nun Profs nennt oder nicht ist nachrangig – und die sind unbefristet in der Wissenschaft beschäftigt. Denen sind aber keine wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zugeordnet. Über diesen Strukturwandel wäre es dann leicht, solche Entfristungsoffensiven voranzutreiben. Solange wir in dem alten Strukturdenken drin bleiben, wird es schwierig bleiben mit der Entfristung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem früheren Stadium der Karriere.

Benedikt Schulz: Die Befristungspraxis in der deutschen Wissenschaftslandschaft  ist ein in der Masse verhältnismäßig junges Phänomen, und es hat damit zu tun, wie in den vergangenen 15 Jahren gefördert wurde in Deutschland. Es hat einen massiven Anstieg des wissenschaftlichen Nachwuchses gegeben, unter anderem durch die Exzellenzinitiative. Wird in Deutschland nicht vielleicht auch ein bisschen  zu viel wissenschaftlich qualifiziert?

Jule Specht: Ich glaube, dass es zwei Entwicklungen sind, die man da im Kopf haben muss. Das Eine ist tatsächlich wie Sie sagen, es gibt immer mehr Drittmittel, also immer mehr Geld, dass vor allem aus Bundesmitteln investiert wird, um bestimmte Forschungsprojekte zumindest zeitweise zu fördern. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen bis zu einem sehr hohen Bildungsniveau qualifiziert werden, was per se noch nicht was Schlechtes sein muss. Gleichzeitig ist es aber so, dass auch die Universitäten selbst, die ja relativ stabile Beträge haben, mit denen sie wirtschaften können, dass auch die immer befristete Stellen schaffen.

Also anstatt sich die Universitäten darauf einrichten, dass sich die Finanzierungssituation geändert hat,  es immer mehr Qualifikationsstellen durch Drittmittel gibt, sodass sie eigentlich als Gegenpol dazu sich vor allem auf die Finanzierung von unbefristeten Stellen fokussieren könnten, gehen die Universitäten mit diesem Trend mit und fördern ebenfalls befristete Stellen, und dass passt eben nicht gut zusammen. Gleichzeitig muss man auch sagen, so etwas wie Exzellenzinitiative, Exzellenzstrategie oder andere Forschungsförderungen führen natürlich dazu, das immer wieder befristet Geld  für Stellen in das Wissenschaftssystem gegeben wird, das heißt aber trotzdem eigentlich noch nicht , dass davon nur befristete Stellen finanziert werden müssen.

Es gibt durchaus auch Modelle, in  denen zwar immer wieder Gelder befristet für einzelne Projekte eingeworben werden, dass aber trotzdem gleichzeitig  unbefristet beschäftigte Personen an den Universitäten diese Projekte bearbeiten. Nur weil das Geld für Projekte befristet ist, heißt das nicht, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an diesen Projekten arbeiten, auch nur zeitweise beschäftigt werden müssen.

Für eine Umstellung ist genug Geld im System

Benedikt Schulz: Aber trotzdem tun doch die Kanzlerinnen und Kanzlern letztendlich  nur das, was sie tun müssen, nämlich auf ihren eigenen, nicht desto trotz ja finanziell beschränkten Spielraum hinzuweisen, auf den sie ja durch die Grundfinanzierung vor allem durch die Bundesländer angewiesen sind. Sie können sich das Geld ja nicht herzaubern.

Jule Specht: Meines Erachtens ist das ein Scheinargument mit dem fehlenden Geld. Wir haben meines Erachtens nicht ein Geldproblem in der Wissenschaft, sondern wir haben ein Verteilungsproblem. Das heißt, man könnte das Geld, was wir zur Zeit im Wissenschaftssystem haben an den Universitäten, ohne großer Probleme in unbefristet Stellen investieren und könnte trotzdem noch – einige Kolleginnen und Kollegen und ich haben das mal durchgerechnet und gezeigt – die gleiche Lehre anbieten und Personen ausschließlich unbefristete Stellen anbieten mit dem gleichen Geld. Eine kostenneutrale Änderung ist da möglich.

Insofern: Ich persönlich bin sehr enttäuscht von diesem Papier, weil es sehr einseitig argumentiert, sehr visionslos argumentiert. Wenn die Kanzlerinnen und Kanzler gesagt hätten, wir benötigen mehr Geld, um X, Y und Z zu machen, und ein Modell oder ein Vorschlag gemacht hätten, wie sich dieses Problem, dieser Konflikt zwischen Qualifizierung und Befristung auf der einen Seite und der Notwendigkeit, sehr guten Kolleginnen und Kollegen Perspektiven zu bieten,  wenn sie eine  Vorschlag gemacht hätten, wie man diesen Konflikt auflösen oder ausgleichen kann, dann wäre das etwas ganz anderes. Aber sie haben letztendlich sich einfach ein Papier geschrieben, in dem sie sehr konservativ argumentieren und an mehr oder weniger nachvollziehbaren Argumenten versuchen, an dem Status quo festzuhalten. Da wünsche ich mir von der Spitze unser Universitäten schon eigentlich, dass sie mit mehr Ideen aufwarten als einfach nur, dass alles so bleibt, wie es ist. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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