Nehmen wir eine Situation aus dem Alltag: Jemand geht bei Rot über die Straße – wie reagieren die Umstehenden? Was tut ein Polizist, wenn er dazukommt? Und wie unterscheiden sich die Reaktionen in Berlin-Kreuzberg von denen in Singapur?
"Wenn jetzt dieses Beispiel ein repräsentatives wäre, dann würde man dafür in Singapur bestraft, und zwar hart bestraft, in Deutschland würde man gerügt und in einem Land wie Estland oder Australien würde das einfach ignoriert."
Manfred Schmitt, Psychologe an der Universität Koblenz-Landau, hat in einem internationalen Team empirisch untersucht, welche Nationen toleranter, welche strenger sind und woher diese kollektive Einstellung kommt. Die Forscher haben Menschen aus 33 Ländern einen Katalog mit über 300 Fragen vorgelegt. Zum Beispiel mussten sie bewerten, ob in ihrer Heimat strikt verboten ist oder eher toleriert wird:
- Im Fahrstuhl zu essen,
- sich in der Öffentlichkeit zu küsse,
- beim Vorstellungsgespräch Musik zu hören oder
- bei einer Beerdigung zu flirten.
Befragt wurden Menschen unter anderem in Budapest und Melbourne, im pakistanischen Haiderabad und in Caracas in Venezuela, insgesamt knapp 7000 Männer und Frauen. Überraschend war, welche Länder sich als die tolerantesten erwiesen:
Ukraine, Estland, Ungarn, Israel und die Niederlande.
Am strengsten ist man in:
Pakistan, Malaysia, Indien, Singapur.
Man könnte vermuten, dass diese Länder restriktiv sind, weil sie von strengen Religionsgemeinschaften oder autoritären Regierungen geprägt sind. Doch solche Einflüsse lassen sich nicht präzise messen, erklärt Schmitt. Die Ursachen liegen tiefer:
"Die allgemeine Idee dieser Untersuchung war, dass eine Gemeinschaft, die unter einem sehr starken Druck steht im Sinne von knappen Ressourcen, Bedrohungen durch Krankheiten, wirtschaftliche Krisen, Hungersnöte, dass die in einem stärkeren Maße drauf angewiesen sind, dass ihre Mitglieder die Normen der Gesellschaft einhalten. Es muss klar sein, dass jedes einzelne Mitglied die Gruppennorm befolgt, weil nur dann gewährleistet ist, dass die Gesellschaft insgesamt gute Überlebenschancen hat."
Mithilfe von Datenbanken und Aufzeichnungen konnten die Forscher nachweisen, wie tief historische Ereignisse in der nationalen Mentalität verankert sind: Die Häufigkeit von Umweltkatastrophen, Epidemien, Kriegen oder Hungersnöten entscheidet darüber, ob die kollektive Mentalität eines Landes von Strenge oder Toleranz geprägt ist.
Manfred Schmitt warnt jedoch davor, die Ergebnisse im Detail überzubewerten, denn langfristige Einflüsse können von aktuellen Trends überlagert werden. Das haben Einzeluntersuchungen in den USA gezeigt, wo sich nach den Terroranschläge vom 11. September 2001 kurzfristig eine relativ restriktive Einstellung verbreitet hat. Dass sich die Ukraine, Estland und Ungarn als besonders tolerant erwiesen, könnte eine kurzfristige Reaktion auf den revolutionären Umschwung in Osteuropa sein und muss nicht die historisch gewachsene Grundhaltung widerspiegeln.
"Was man generell sagen kann, ist, dass es in jeder Gesellschaft gleichzeitig kurzfristige und langfristige Veränderungen gibt. Diese kurzfristigen Veränderungen haben häufig Wellencharakter, das heißt, es gibt so was wie Pendelbewegungen ähnlich wie man das aus der Mode kennt, und diese kurzfristigen Trends überlagern langfristige Trends. Nun gibt es eine schöne Analogie aus dem Bereich der Psychologie: Wir alle haben ja Stimmungsschwankungen, die sehr kurzfristig sein können, nichtsdestotrotz gibt es gleichzeitig langfristige Trends, dass unser Wohlbefinden über Zeiträume von Jahren oder Jahrzehnten langsam zunimmt oder abnimmt und es gibt große stabile Unterschiede zwischen Menschen in ihren durchschnittlichen Stimmungen. Und das gilt in gleicher Weise auf der Ebene sozialer Gemeinschaften."
Kurz- und langfristige Entwicklungen lassen sich nur durch regelmäßige detaillierte Befragungen von einander unterscheiden, die in den USA, aber nicht in allen beteiligten Ländern durchgeführt werden.
Deutschland liegt im hinteren Mittelfeld der untersuchten Nationen: Die Ostdeutschen auf Platz 23, die Westdeutschen auf Platz 18, nahe bei Frankreich und Großbritannien, aber deutlich hinter den freizügigen Niederländern – obwohl bei uns längst ein liberalerer Geist eingezogen ist als noch in den 50er- und 60-Jahren. Diesen Wandel führt Manfred Schmitt darauf zurück, dass die hohen Belastungen der Kriegs- und Nachkriegszeit große soziale Disziplin verlangten. Erst durch die Erfahrung des wachsenden Wohlstands und größerer Sicherheit lockerte sich dann die Einstellung gegenüber Regelverletzungen. Das könnte sich jetzt bald wieder ändern:
"Meine Prognose ist, dass wir es in den nächsten Jahren eher mit einer Zunahme an Restriktivität zu tun haben werden als mit einer weiteren Steigerung der Toleranz. Bedingt durch die Finanzkrise, die Eurokrise, den sehr schnellen technologischen Wandel, der von vielen Menschen als bedrohlich empfunden wird."
Die kollektive Mentalität wirkt sich nicht nur auf die Gesetzgebung oder die Strenge der Polizei aus, sondern schlägt bis auf die individuelle Psyche der Bürger durch: Die Grundeinstellung, mit der jemand auf neue Situationen reagiert –ängstlich oder optimistisch? - lässt sich ebenfalls auf das historisch gewachsene gesellschaftliche Klima zurückführen. Für den Psychologen Schmitt war das eines der wichtigsten Ergebnisse.
"Was wir zeigen können, ist, dass in diesen restriktiven Gesellschaften auch dieser Prevention-Focus stärker ausgeprägt ist, das heißt, die Individuen dort empfinden jede gesellschaftliche Veränderung zunächst eher als eine Gefahr denn eine Chance zur Weiterentwicklung und als Herausforderung. Und in Gesellschaften, die toleranter sind, wird eine Veränderung eher als Chance genutzt als in restriktiveren Ländern."
"Wenn jetzt dieses Beispiel ein repräsentatives wäre, dann würde man dafür in Singapur bestraft, und zwar hart bestraft, in Deutschland würde man gerügt und in einem Land wie Estland oder Australien würde das einfach ignoriert."
Manfred Schmitt, Psychologe an der Universität Koblenz-Landau, hat in einem internationalen Team empirisch untersucht, welche Nationen toleranter, welche strenger sind und woher diese kollektive Einstellung kommt. Die Forscher haben Menschen aus 33 Ländern einen Katalog mit über 300 Fragen vorgelegt. Zum Beispiel mussten sie bewerten, ob in ihrer Heimat strikt verboten ist oder eher toleriert wird:
- Im Fahrstuhl zu essen,
- sich in der Öffentlichkeit zu küsse,
- beim Vorstellungsgespräch Musik zu hören oder
- bei einer Beerdigung zu flirten.
Befragt wurden Menschen unter anderem in Budapest und Melbourne, im pakistanischen Haiderabad und in Caracas in Venezuela, insgesamt knapp 7000 Männer und Frauen. Überraschend war, welche Länder sich als die tolerantesten erwiesen:
Ukraine, Estland, Ungarn, Israel und die Niederlande.
Am strengsten ist man in:
Pakistan, Malaysia, Indien, Singapur.
Man könnte vermuten, dass diese Länder restriktiv sind, weil sie von strengen Religionsgemeinschaften oder autoritären Regierungen geprägt sind. Doch solche Einflüsse lassen sich nicht präzise messen, erklärt Schmitt. Die Ursachen liegen tiefer:
"Die allgemeine Idee dieser Untersuchung war, dass eine Gemeinschaft, die unter einem sehr starken Druck steht im Sinne von knappen Ressourcen, Bedrohungen durch Krankheiten, wirtschaftliche Krisen, Hungersnöte, dass die in einem stärkeren Maße drauf angewiesen sind, dass ihre Mitglieder die Normen der Gesellschaft einhalten. Es muss klar sein, dass jedes einzelne Mitglied die Gruppennorm befolgt, weil nur dann gewährleistet ist, dass die Gesellschaft insgesamt gute Überlebenschancen hat."
Mithilfe von Datenbanken und Aufzeichnungen konnten die Forscher nachweisen, wie tief historische Ereignisse in der nationalen Mentalität verankert sind: Die Häufigkeit von Umweltkatastrophen, Epidemien, Kriegen oder Hungersnöten entscheidet darüber, ob die kollektive Mentalität eines Landes von Strenge oder Toleranz geprägt ist.
Manfred Schmitt warnt jedoch davor, die Ergebnisse im Detail überzubewerten, denn langfristige Einflüsse können von aktuellen Trends überlagert werden. Das haben Einzeluntersuchungen in den USA gezeigt, wo sich nach den Terroranschläge vom 11. September 2001 kurzfristig eine relativ restriktive Einstellung verbreitet hat. Dass sich die Ukraine, Estland und Ungarn als besonders tolerant erwiesen, könnte eine kurzfristige Reaktion auf den revolutionären Umschwung in Osteuropa sein und muss nicht die historisch gewachsene Grundhaltung widerspiegeln.
"Was man generell sagen kann, ist, dass es in jeder Gesellschaft gleichzeitig kurzfristige und langfristige Veränderungen gibt. Diese kurzfristigen Veränderungen haben häufig Wellencharakter, das heißt, es gibt so was wie Pendelbewegungen ähnlich wie man das aus der Mode kennt, und diese kurzfristigen Trends überlagern langfristige Trends. Nun gibt es eine schöne Analogie aus dem Bereich der Psychologie: Wir alle haben ja Stimmungsschwankungen, die sehr kurzfristig sein können, nichtsdestotrotz gibt es gleichzeitig langfristige Trends, dass unser Wohlbefinden über Zeiträume von Jahren oder Jahrzehnten langsam zunimmt oder abnimmt und es gibt große stabile Unterschiede zwischen Menschen in ihren durchschnittlichen Stimmungen. Und das gilt in gleicher Weise auf der Ebene sozialer Gemeinschaften."
Kurz- und langfristige Entwicklungen lassen sich nur durch regelmäßige detaillierte Befragungen von einander unterscheiden, die in den USA, aber nicht in allen beteiligten Ländern durchgeführt werden.
Deutschland liegt im hinteren Mittelfeld der untersuchten Nationen: Die Ostdeutschen auf Platz 23, die Westdeutschen auf Platz 18, nahe bei Frankreich und Großbritannien, aber deutlich hinter den freizügigen Niederländern – obwohl bei uns längst ein liberalerer Geist eingezogen ist als noch in den 50er- und 60-Jahren. Diesen Wandel führt Manfred Schmitt darauf zurück, dass die hohen Belastungen der Kriegs- und Nachkriegszeit große soziale Disziplin verlangten. Erst durch die Erfahrung des wachsenden Wohlstands und größerer Sicherheit lockerte sich dann die Einstellung gegenüber Regelverletzungen. Das könnte sich jetzt bald wieder ändern:
"Meine Prognose ist, dass wir es in den nächsten Jahren eher mit einer Zunahme an Restriktivität zu tun haben werden als mit einer weiteren Steigerung der Toleranz. Bedingt durch die Finanzkrise, die Eurokrise, den sehr schnellen technologischen Wandel, der von vielen Menschen als bedrohlich empfunden wird."
Die kollektive Mentalität wirkt sich nicht nur auf die Gesetzgebung oder die Strenge der Polizei aus, sondern schlägt bis auf die individuelle Psyche der Bürger durch: Die Grundeinstellung, mit der jemand auf neue Situationen reagiert –ängstlich oder optimistisch? - lässt sich ebenfalls auf das historisch gewachsene gesellschaftliche Klima zurückführen. Für den Psychologen Schmitt war das eines der wichtigsten Ergebnisse.
"Was wir zeigen können, ist, dass in diesen restriktiven Gesellschaften auch dieser Prevention-Focus stärker ausgeprägt ist, das heißt, die Individuen dort empfinden jede gesellschaftliche Veränderung zunächst eher als eine Gefahr denn eine Chance zur Weiterentwicklung und als Herausforderung. Und in Gesellschaften, die toleranter sind, wird eine Veränderung eher als Chance genutzt als in restriktiveren Ländern."