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StartseiteKultur heuteDer lange Weg zur modernen Kunststadt29.11.2015

BeirutDer lange Weg zur modernen Kunststadt

In der libanesischen Hauptstadt Beirut gibt es eine der vielfältigsten Kunstszenen der arabischen Welt. Eine neue Künstlergeneration hat ab dem Ende des Bürgerkriegs in den 90er-Jahren im Land eine zeitgenössische, arabische Kunst etabliert - vor allem mit dem Versuch, eine Kulturgeschichte zu schreiben.

Von Juliane Metzker

Man sieht ein Flugzeug und dahinter die Hochhäuser der Stadt Beirut. (picture-alliance / dpa / Matthias Tödt)
Libanesische Flagge in Beirut: Entwicklung einer neuen Kunstszene. (picture-alliance / dpa / Matthias Tödt)
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Beirut ist eine Stadt starker Kontraste. Kein Wunder also, dass in der libanesischen Hauptstadt eine der vielfältigsten Kunstszenen der arabischen Welt entsteht. Dazu gehört das Sursock Museum. Vor über acht Jahren aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen, öffnete es Anfang Oktober seine Pforten wieder. Die imposante Villa – ein Mix aus venezianischen und osmanischen Baustil – beherbergt Dank ihres Namensgebers eine große Sammlung moderner arabischer Kunst aus zwei Jahrhunderten:

"Das Kunstmuseum eröffnete das erste Mal 1961 auf die Initiative eines libanesischen Philanthropen hin, dem das Haus gehörte: Nicholas Sursock. Er war Teil der arabischen Renaissance, der Nahda-Bewegung und überzeugt, dass Kunst bildet und deshalb für die Öffentlichkeit zugänglich sein muss. Außerdem wollte er libanesische Künstler fördern."

Zeina Arida ist die Museumsdirektorin und entschied sich, nicht nur Beirut in den Fokus der ersten Ausstellung zu setzen, sondern auch den Bruch zwischen moderner und zeitgenössischer Kunst im Libanon. Die Ausstellung "Blick auf Beirut" zeigt die Evolution der Metropole von einer osmanischen Provinzstadt bis hin zur Nostalgie des "Paris des Nahen Ostens", in Ölgemälden und Fotografien. Nur eine Etage darüber stellen libanesische Gegenwartskünstler aus.

Andrée Sfeir-Semler: "Die Künstler der Moderne, sagen wir mal zwischen 1900 und 1975, der Anfang des Bürgerkrieges, haben westwärts geschielt. Und dann gibt es den Krieg und dann gibt es gar nichts. Es gibt ein Vakuum, weil man hat überhaupt keinen Abstand mehr, um etwas zu tun. Es gibt einen Wiederanfang Anfang der 90er-Jahre. Es gibt eine neue Generation von Künstlern, die dann das anfangen, was wir heute zeitgenössische, arabische Kunst nennen."

Andrée Sfeir-Semler eröffnete neben einer Galerie in Hamburg eine weitere 2004 in Beirut. Damit schuf sie eine der ersten Plattformen für zeitgenössische Kunst im Libanon der Nachkriegszeit. Dort stellen nicht nur Künstler aus dem Libanon aus, sondern aus der gesamten arabischen Welt. Was sie verbindet:

"Alle sind Konzeptkünstler, alle sind sehr politisch, alle benutzen Kunst als Kulturvehikel, um über Menschenrechte, geopolitische Themen in dieser Ecke der Erde zu sprechen. Sie versuchen, Geschichte zu schreiben, aber keine Faktengeschichte, sondern eine Kulturgeschichte."

Rückkehr der Künstler ab den 90ern

Viele Künstler, die heute in Beirut arbeiten, hielten sich während des libanesischen Bürgerkriegs außerhalb des Landes auf. Besuchten die Stadt nur in Zeiten des relativen Friedens. Als sie in den 90ern zurückkehrten, widmeten sie sich erst einmal der Dokumentation der vergangenen Jahrzehnte. Zeina Arida war Gründungsmitglied der Arab Image Foundation, dem heute größten Fotoarchiv der arabischen Welt:

"Die Initiative der Arab Image Foundation ist ein Entwurf für die Geschichtsschreibung. Aber für uns als Individuen war es auch ein Weg, zu verstehen, wo wir herkommen und mit unserer eigenen Geschichte in Beziehung zu treten."

Dass die Bezugnahme sehr komplex ist, zeigt die Installation des libanesischen Künstlers Marwan Rechmaoui. Auf dem Dach eines Häuserblocks im Industriegebiet wehen Duzende Flaggen im Wind. Sie symbolisieren die 60 Stadtteile von Beirut und ihre religiösen, politischen sowie geografischen Grenzen. Rechmaoui recherchierte die Trennungslinien seit 1800, die sich vor allem in lokalspezifischen Sprachgebrauch und Begrifflichkeiten widerspiegeln. Heute wie damals sieht er darin das Potenzial für Konflikt:

"Wir sind immer bereit, wie Soldaten. Also habe ich mich dazu entschlossen, mit den Flaggen Beirut wie ein Armeebataillon zu strukturieren. Die Mentalität, die Beirut in eine ständige Alarmbereitschaft versetzt – neben den politischen Umständen – ist die Struktur der Kultur. Allein unsere Sprache ist immer bereit für den Krieg."

Beirut beherbergt als nicht nur eine große Kunstszene, sondern steht auch im Fokus vieler Kunstprojekte. Doch noch ist sie keine Kunststadt im klassischen Sinne, sondern ein Labor für künstlerische Praktiken und die eigene Kulturgeschichte.

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