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Beliebt und kaum gefördert

Kein Stuhl bleibt hier leer: Über 3000 Besucher pro Konzert, international bedeutende Orchester und Interpreten - das George Enescu Festival in Rumänien ist eines der größten Festivals für zeitgenössische Musik in Osteuropa. Und doch kämpft das Festival mit schmerzhaften Budgetkürzungen.

Von Kirsten Liese | 05.09.2013

George Enescu ist der bekannteste Komponist Rumäniens, und doch ist er - vielleicht gerade, weil seine Werke in den Konzertsälen so selten gespielt werden - immer noch verkannt. Das Enescu-Musikfestival nimmt deshalb die internationalen Spitzenorchester und Interpreten, die es einlädt, ein bisschen in die Pflicht, ein Stück seines Namenspatrons in sein Repertoire aufzunehmen.

Daniel Barenboim und seine Berliner Staatskapelle stürzten sich am Eröffnungsabend mit Verve in Enescus zweite folkloristische Rhapsodie. Und mit dem "Prélude à l'unisson", einer einzigen sehnsuchtsvollen Melodie, die junge rumänische Musiker mit Mitgliedern des Pittsburgh Symphony einstudierten, ließ sich in den ersten Festivaltagen ein weniger gehörtes, spröderes musikalisches Kleinod entdecken.

In der Kulturwüste Rumänien erfreut sich das Enescu-Festival, das auch der zeitgenössischen rumänischen Musik eine gute Plattform bietet, besonders bei dem einheimischen Publikum großer Beliebtheit. Endlich kann es berühmte Interpreten einmal aus der Nähe erleben. Der Sala Palatului, in dem zu Ceausescus Zeiten kommunistische Parteitage abgehalten wurden, bietet zwar keine ideale Akustik, dafür aber mehr als 3000 Plätze. Kein Stuhl bleibt hier leer, die Menschen sammeln für eine Karte ihr letztes Geld zusammen, sagt Mihai Constantinescu, der Manager des Festivals:

"Eine Karte auf den besten Plätzen kostet ungefähr 20 Euro. Für uns ist das ziemlich viel, aber die Leute kommen, weil Enescu viel bedeutet, weil die Rumänen nicht Gelegenheit haben, solche großen Solisten hören."

Trotz des großen Zuspruchs ist das Enescu-Festival, das sich zu 90 Prozent aus staatlichen Geldern finanziert, dramatisch gefährdet. Erste Einschnitte in einem Budget von nunmehr acht Millionen Euro machten es erforderlich, den traditionsreichen, an das Festival gekoppelten Enescu-Wettbewerb auf das kommende Jahr zu verschieben. Richtig schlimm aber wird es, wenn die Politik weiter den Geldhahn zudreht, klagt Constantinescu:

"Was mich in diesem Moment fürchtet, ist, dass wir 2015 nichts machen. Man hat uns gesagt, wir sollen jetzt alles absagen, bis wir genau wissen, wie viel Geld wir für 2015 bekommen.

Sie wissen vielleicht, dass große Orchester wie zum Beispiel Berliner Philharmoniker vier oder fünf Jahre vorher ein Programm haben. Und endlich haben wir von den Berliner Philharmonikern die Antwort bekommen, dass es sie interessiert, in 2015 nach Bukarest zu fahren. Jetzt müssen wir den Politikern zeigen, was das Festspiel in diesem Moment bedeutet für Rumänien."

Einfach wird das nicht, vielmehr ein Kampf gegen Ignoranz und Abwesenheit. Außer dem rumänischen Kulturminister ließ sich bislang kein Regierungsvertreter blicken. Es kommt folglich in der Politik auch gar nicht an, dass im Saal die Spannung steigt, wenn mit Radu Lupu einer der bedeutendsten rumänischen Musiker in seine Heimat zurückkehrt. Dem Grandseigneur kommt zwar in Beethovens viertem Klavierkonzert der eine oder andere Fehlgriff unter, aber das sieht man ihm gerne nach. Seine Qualitäten liegen im filigranen Spiel. Es kam vor allem in dem Mozart-Konzert für zwei Klaviere mit Daniel Barenboim als kongenialem Partner zum Tragen.

Ambitionierte rumänische Erstaufführungen in den kommenden Wochen unterstreichen, wie hervorragend das Enescu-Musikfestival aufgestellt ist: Zum allerersten Mal und mit erstklassigen Interpreten gelangen in Bukarest Richard Wagners "Ring"-Tetralogie und Schönbergs Gurrelieder zur Aufführung. Mit solchen historischen Ereignissen festigt das Festival seinen exzellenten Ruf. Ihn geht es auch in Zukunft zu wahren.