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Belletristik
Die Spiegel-Bestsellerliste im Juni

Zeit für den literarischen Menschenversuch im Deutschlandfunk: Was geschieht mit einem Gehirn, das Monat für Monat abwechselnd die zehn in Deutschland meistverkauften Romane und Sachbücher von der ersten bis zur letzten Seite tatsächlich liest?

Von Denis Scheck | 12.06.2015

    Es ist zu heiß zum Denken. Manchen sind aber auch Denker einfach zu heiß. In Köln etwa lud ein Philosophiefestival unlängst den Philosophen Peter Singer zu einem Gespräch über dessen strittige Thesen ein – und lud ihn flugs wieder aus, als Druck von Sponsoren, Hierarchen und Lobbyisten aufkam. Die Spielräume für Dissidenz, so erscheint es diesem Gehirn, werden enger: Unsere Gesellschaft hält von der Mehrheitsmeinung Abweichendes immer schlechter aus. Andererseits war Köln schon immer ein anderer Name für Abdera.
    Die aktuelle Spiegel-Bestseller-Liste Belletristik - diesmal mit Romanen über Bücherdiebe, Dichterfreunde und Proselytenmacher, Dschihadisten, Großwildjäger und Videojournalisten sowie zwei kleinen Exkursen über die Funktion von Literatur und zum Gebrauch von "derselbe" und "der gleiche".
    In diesem Monat bringen die zehn meistgelesenen Romane der Deutschen frühlingshaft leichte 3243 Gramm auf die Waage: zusammen 3359 Seiten.
    Platz 10) Michel Houellebecq: "Unterwerfung"
    (Deutsch von Norma Cassau u. Bernd Wilczek, DuMont, 280 S., 22,99 Euro)
    Was wäre, wenn in naher Zukunft ein Moslem Präsident wird und Frankreich mithilfe arabischer Ölmilliarden islamisiert? Wo lägen Ressourcen des Widerstands? Unter Intellektuellen jedenfalls eher nicht, lehrt dieser Roman, der brillant in Erinnerung ruft, wozu Literatur eigentlich gut ist. In den Worten Michel Houllebecqs:
    "Allein die Literatur vermittelt uns das Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist, mit allem, was diesen Geist ausmacht, mit seinen Schwächen und seiner Größe, seinen Grenzen, seinen Engstirnigkeiten, seinen fixen Ideen, seinen Überzeugungen; mit allem, was ihn berührt, interessiert, erregt oder abstößt."
    Dieses Buch verhandelt auf anregende Weise einige der zentralen Konflikte unserer Gegenwart.
    Platz 9) Haruki Murakami: "Wenn der Wind singt/Pinball 1973"
    (Deutsch von Ursula Gräfe, DuMont, 263 S. 19,99 Euro)
    Aus diesem Band mit zwei Frühwerklein Murakamis erschließt sich nicht die Bedeutung dieses Autors, wohl aber seine Arbeitsweise. Ich bin immer wieder fasziniert, wie aus der Kernfusion von nur zwei Ingredienzien - japanische Alltagskultur und US-amerikanische Science Fiction - in Murakamis Werk Weltliteratur entstanden ist. Besonders einleuchtend zu studieren in diesem Band, in dessen Vorwort Murakami schreibt:
    "Es ist nicht nötig, komplizierte Sätze aneinanderzureihen. Und es bedarf erst recht keiner blumigen Ausdrucksweise, um andere Menschen zu beeindrucken."
    Platz 8) Andrea Camilleri: "Das Spiel des Poeten"
    (Deutsch von Rita Seuss und Walter Kögler, Lübbe; 272 S., 19,99 Euro)
    Der neue Vigata-Krimi mit Commissario Salvo Montalbano kreist um zwei Sexpuppen, einen Schafskopf sowie einen Harry-Potter-Klon und liefert genau das richtige Quentchen Sizilien-Flair zur Urlaubseinstimmung. Auch wenn diesmal ungewöhnlich drastisch geschilderte Verbrechen im Mittelpunkt stehen, zielt Montalbanos Empörung außer auf die stupide Gewalt mindestens genau so sehr auf Phrasendrescher, die von "Zeitfenster", "Implementierung" und "proaktiv" daherfaseln.
    Platz 7: Klaus Modick: "Konzert ohne Dichter"
    (Kiepenheuer & Witsch, 240 S., 17,99 Euro)
    Klaus Modick erzählt in "Konzert ohne Dichter" die Geschichte einer Künstlerfreundschaft, die aus dem Leim geht: "Mein Weggefährte, Seelenverwandter, Bruder im Geiste"lässt er Rainer Maria Rilke den Maler und Designer Heinrich Vogeler preisen, am Ende aber steht Sprachlosigkeit, moralisches Versagen und die Frage, ob ein künstlerisches Werk wirklich andere Defizite zu kompensieren vermag. Für mich der überraschendste und befriedigendste Bestseller des Jahres.
    Platz 6) Tess Gerritsen: "Der Schneeleopard"
    (Deutsch von Andreas Jäger, Limes. 416 S., 19,99 Euro)
    Diesmal kreuzt die amerikanische Ärztin Tess Gerritsen ihren Leichenporno um das Ermittlerpaar Dr. Maura Isles und Jane Rizzoli mit der afrikanischen Safari-Welt Ernest Hemingways. Zwischen Boston und Botswana changiert die Handlung um eine Fünf-Millionen-Dollar-Spende, das Fell eines eingeschläferten Schneeleoparden aus dem Zoo und einen Serienkiller. Das vorhersehbare Ergebnis: ein Krimi, so aufregend wie Katzenporno.
    Platz 5) Martin Suter: "Montecristo"
    (Diogenes, 320 S., 23,90 Euro)
    Ein Journalist kommt in den Besitz zweier echter 100-Franken-Scheine mit der gleichen Seriennummer und entdeckt einen bis in die höchsten Kreise von Wirtschaft und Politik reichenden Finanzskandal.
    "Was glauben Sie, würde mit dem Finanzplatz passieren, wenn bekannt wird, dass die Schweizerische Nationalbank in die Sache verwickelt ist?"
    … wird der Journalist am Ende belehrt.
    "Es wäre sein Ende. Wir würden in den Augen der Welt zur Bananenrepublik."
    Literarisch ist die Schweiz mit klischeestrotzenden Romanen wie diesem noch nicht mal das: Da reicht's gerade noch zur Gurkenrepublik.
    Platz 4) Martin Walker: "Provokateure"
    (Deutsch von Micheal Wandgassen, Diogenes 384 S., 23,90 Euro)
    Diese zum Haare-Ausreißen blödsinnige Story um Dschihadisten im Perigord taugt nur zu einem: den Unterschied zwischen "derselbe" und "der gleiche" zu erläutern. Der Schotte Martin Walker ist nicht derselbe wie der Schweizer Martin Suter, aber Walkers ebenfalls bei Diogenes erschienener Roman "Provokateure" ist der gleiche mediokre Murks wie Suters "Montecristo" aus demselben Verlag.
    Platz 3) Jussi Adler-Olsen:"Verheißung"
    (Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 608 S., 19,90 Euro)
    Ein vermeintlicher Fahrradunfall vor 17 Jahren, ein Sektenguru als Verdächtiger, dessen Sekretärin eine Serienkillerin ist: von dem allen erfahren wir, weil sich ein Polizist eine Kugel durch den Kopf jagt, dessen Sohn sich daraufhin die Pulsadern öffnet, worauf sich seine Frau von einem Felsen stürzt. Auch das Leben des Lesers hängt nach 596 Seiten dieses durch nichts als die Sprachpampe von Adler-Olsen zusammengehaltenen Schwachsinns bestenfalls noch an einem seidenen Faden.
    Platz 2) Dörte Hansen: "Altes Land"
    (Knaus, 288 S., 19,99 Euro)
    Dieses dank psychologischer Raffinesse und satirischem Biss beachtliche Debüt einer deutschen Autorin erzählt vom Trauma der Vertreibung, von der Verstocktheit der Alteingesessenen, der Not der Flüchtlinge und von Öko-Missionaren, die "Boskoop nicht von Jonagold unterscheiden" können. Die Mischung aus Familienroman und Landlust-Parodie funktioniert: erstaunlich!
    Platz 1 der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste Belletristik:
    Donna Leon: "Tod zwischen den Zeilen"
    (Deutsch von Werner Schmitz, Diogenes, 288 S. 23,90 Euro)
    Es ist Sommer. Die Sonne scheint. Und Donna Leon steht auf Platz eins der Bestsellerliste. Gut, dass man sich auf manches noch verlassen kann. Manche halten die tranquilen Commissario-Brunetti-Krimis ja für das literarische Pendant zu "Miracoli", also für pseudo-italienischen Faden-Papp. Damit tut man Donna Leons durchaus unrecht, denn ihr neuer Roman, der 23. Brunetti, entfaltet rund um einen Bücherdiebstahl in der fiktiven Biblioteca Merula und den Mord an einem Ex-Priester den vollmundigen Slow-Fow-Geschmack von Gnocci con ragù, wie sie Paola Brunetti im Roman zubereitet. Ein Leckerbissen: un pranzo coi fiocchi!