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Benediktinerkloster
Mönch mit Mini-Steuerkanzlei

Das Kloster St. Benedikt Damme in Oldenburg. Ein nüchternes, vierstöckiges ehemaliges Internatsgebäude aus den 60er-Jahren. Hier lebt Bruder Stephan. Er ist kein gewöhnlicher Mönch, sondern der einzige, der auch als Steuerberater in der Ordenswelt unterwegs ist.

Von Beate Hinkel | 12.03.2014
    Zu sehen ist Bruder Stephan, der mit einer Kutte bekleidet an seinem Schreibtisch sitzt und am Computer arbeitet. Er lächelt in die Kamera.
    Steuererklärung mit Mönchsgeduld gefertigt (Kloster St. Benedikt Damme)
    Vogelgezwitscher empfängt die Besucher am Parkplatz. Die Vögel fühlen sich wohl, hüpfen von Zweig zu Zweig, in der kleinen Gartenanlage vor dem Kloster, aus deren Mitte eine kleine Glocke emporragt. Ein paar Stufen geht es hinauf zum gläsernen Vorbau der Klosterpforte.
    Hier wartet Bruder Stephan. Grau meliertes Haar, buschige Augenbrauen, Knollnase, Brille. Sein schwarzes Habit, eine Kombination aus Tunika und Arbeitsschürze, raschelt bei jeder Bewegung. Seit 15 Monaten leitet Bruder Stephan als Prior das Kloster in Damme, sorgt für seine 6 Mitbrüder, das Gästehaus mit 100 Betten und 16 Mitarbeiter. Wichtig ist ihm aber auch seine Arbeit als Steuerberater und Bilanzbuchhalter.
    "Sie hätten eigentlich das Zeug, auch die Steuerberaterprüfung zu machen"
    "Bevor ich eingetreten bin, war ich sechs Jahre in einer Steuerkanzlei. Es hat mir auch schon eine weinende Träne mitgebracht. Ich hab das sehr gerne gemacht, aber ich habe mich dann entschieden für den klösterlichen Weg. Und für mich war eigentlich klar, als ich eintrat: All das, was Du gelernt hast im steuerlichen Beruf, das ist alles jetzt vorbei. Im Kloster braucht man das alles nicht. Aber ich bin dann - nach der Ausbildung, das nennt man Offiziat - bin ich dann in die Klosterverwaltung eingesetzt worden. Und nach einem Jahr kam schon der Wunsch, dass ich gerne meinen Bilanzbuchhalter machen würde. Und der Lehrer in diesem Kurs sagte damals zu mir, Sie hätten eigentlich das Zeug, auch die Steuerberaterprüfung zu machen. Und dann hab' ich die Prüfung gemacht am 21. Februar vor 25 Jahren."
    Schnell meldeten sich damals Klöster aus ganz Deutschland und wollten beraten werden. Mal waren sie prunkvoll, alt und voller Geschichte, mal ähnelten sie dem 60er-Jahre-Bau in Damme. Hin und wieder machte der Mönch auch die Steuererklärung einzelner Mitarbeiter des Klosters. Doch das gehört längst der Vergangenheit an, erzählt Bruder Stephan mit warmer Stimme und reibt sich konzentriert die gefalteten Hände.
    Heute, 25 Jahre später, berät er nur noch einzelne Ordensgemeinschaften in steuerlichen, rechtlichen oder organisatorischen Fragen. Denn überwiegend kümmert sich der 54-Jährige um die Leitung des Klosters in Niedersachsen. Der steuerliche Teil füllt nur noch rund zehn Prozent seiner wöchentlichen Arbeitszeit aus.
    "Wenn ich in die Klöster gehe, die haben schon alle ziemlich die Bilanz erstellt, teilweise auch schon die Erklärung. Ich guck dann noch drüber. Also ich muss da jetzt nicht Hand anlegen, um eine Erklärung auszufüllen."
    Vieles erledigt der Mönch auch per Mail oder Telefon aus der Minikanzlei im Kloster. Im Schrank stehen nur wenige Aktenordner, Gesetzes- und Steuerbücher.
    "Es ist ein normaler Schreibtisch mit einem Computer, kleinen Taschenrechner. Das reicht aber vollkommen aus, denn über den Computer kann man heute alle Informationen bekommen, auch fürs Steuerrecht."
    Gewissenskonflikte kennt der Mönch nicht. Er weiß, was das komplizierte Steuer- und Vereinsrecht, unter das die Klöster fallen, zulassen. Und ist etwas unrentabel, rät Bruder Stephan auch zur Umstrukturierung oder Aufgabe.
    Konzentriert, warmherzig und zugewandt, erzählt Bruder Stephan aus seinem Leben; lächelt, verschränkt die Arme, gestikuliert. Bei der Frage, ob in seinem Leben noch ein Wunsch offengeblieben ist, kneift er nachdenklich die Augen zusammen.
    "Wenn die Menschen zu uns kommen, sagen sie immer: Wo ist denn hier das Kloster? Der Bau ist ja wirklich ein Ausdruck der 60er, 70er-Jahre. Wir leben wohl als klösterliche Gemeinschaft, aber sichtbar nach außen fehlt uns, was man sich unter Kloster vorstellt. Es ist ein Unterschied, ob ich in Räumen lebe, die einfach auch mit klösterlicher Atmosphäre zu tun haben: ein Kreuzgang, Kapitelsaal. Das prägt den Menschen."
    Doch das ist ein anderes Thema, zu dem es viele Ideen, aber noch kein Geld gibt.