Freitag, 20. Mai 2022

Archiv


"BENJAMIN BRITTEN - STRING QUARTETS No. 2 & No. 3"

Die erste Scheibe, die ich Ihnen heute vorstellen möchte, ist in ihrer Qualität kaum hoch genug einzuschätzen. Da spielt das Philharmonia Quartett Berlin das zweite und dritte Streichquartett von Benjamin Britten mit außerordentlicher interpretatorischer Intelligenz und einem bezwingenden Klangreichtum. Das Philharmonia Quartett hat ja erst vor kurzem mit spätem Beethoven Ehre eingelegt. Nun erschienen also bei ihrem Label Thorofon die beiden Britten-Werke, die übrigens schon im Juni 2000 in der Andreas-Kirche in Berlin-Wannsee aufgenommen wurden. Das Ensemble besteht ausschließlich aus Berliner Philharmonikern. Primarius ist Daniel Stabrawa, einer der drei Ersten Konzertmeister des Orchesters, der seit Jahrzehnten einen bedeutenden Ruf als Kammermusiker genießt. Zweite Violine spielt Christian Stadelmann; der Part der Viola liegt in den Händen des Solobratschisten Neidhard Reza, und Jan Diesselhorst ist der Cellist. Folgt man den vieren nur kurze Zeit, versteht man den Seufzer, den der verstorbene Dirigent Günter Wand kurz vor seinem Tod über die Berliner Philharmoniker ausstieß: Die schauen ja gar nicht mehr her - die hören nur noch aufeinander.

Norbert Ely | 30.06.2002

Tatsächlich liegt der Reiz der Britten-Einspielung vor allem in dem hochdifferenzierten Klang, den das Philharmonia Quartett entwickelt. Beide Werke nehmen eine Schlüsselstellung in Brittens Leben und Schaffen ein. Das dritte Quartett vollendete er kurz vor seinem Tod in Venedig. Das zweite wurde zum 250. Todestag von Henry Purcell komponiert und zieht die Summe aus drei Jahrhunderten Musik. Es geht, wie man früher sagte, aus C-dur und stellt so etwas wie ein Forschungsprojekt über C dar. Da werden Harmonien neu ausgehört, und die Grenzen zwischen sogenannter Konsonanz und Dissonanz geraten ins Fließen. Tatsächlich sind und waren die Dinge ja nicht so einfach, wie sie irgendwann einmal in der funktionalen Harmonik des französischen Spätbarock definiert wurden. Das Philharmonia Quartett zeigt anhand von Britten unter anderem, dass harmonische Prozesse eng mit Artikulation und Tonfarbe zusammenhängen. Der Variantenreichtum der Tongebung lässt die Musik des zweiten Orpheus Brittanicus schillernd und changierend erscheinen, zugleich jedoch ungemein lebendig und keineswegs rückwärts gewandt, vielmehr fortschreitend in eine Zukunft, in der wir möglicherweise noch gar nicht angekommen sind. Das Vivace des zweiten Quartetts gewinnt so eine reflektierte Heftigkeit, die das Musikantische gewissermaßen durch die Hintertür auftreten lässt. * Musikbeispiel: Benjamin Britten - 2. Satz aus: Streichquartett Nr. 2 C-dur op. 36 Der zweite Satz, Vivace, aus dem zweiten Streichquartett von Benjamin Britten, gespielt vom Philharmonia Quartett Berlin. Ein großer Wurf auf dieser CD ist die auslandende Schluss-Chaconne des Werks. Mit ganz weitem Atem, aber auch großer Gelassenheit bauen die vier Philharmoniker diesen überdimensionierten Hommage an die alte barocke Form auf. Vielleicht zahlt sich hier auch aus, dass sie als Musiker eines Ausnahme-Orchesters gewohnt sind, in den komplexen sinfonischen Verläufen eines Mahler oder eines Schostakowitsch zu denken und zu empfinden. Nur dass sie hier ganz konzentriert sind auf die Intimität der Gedanken, auf verborgene Klänge und Klangentwicklungen, die sie mit äußerst raffinierter Bogenführung und Intonation transparent machen. * Musikbeispiel: Benjamin Britten - 3. Satz (Ausschnitt) aus: Streichquartett Nr. 2 C-dur op. 36