Archiv

"Berenice" zur Eröffnung der Münchner Opernbiennale

"... in der Fremde" heißt das Motto der 9. Münchner Biennale für neues Musiktheater. Das Thema wird auf einem einschlägig besetzten Symposium im Rahmen der Biennale diskutiert, soll aber auch bei den fünf Uraufführungen eine Rolle spielen. Dass zeitgenössische Oper nicht unbedingt fremd klingen muss, hat bei der Eröffnung der junge österreichische Komponist Johannes Maria Staud bewiesen. Durs Grünbein hat das Libretto geschrieben und sich dabei eng an den Originaltext von Edgar Allan Poe angelehnt. Poe beschreibt darin die Liebesgeschichte der schönen, ebenso lebens- wie schwindsüchtigen Berenice und ihres in seine Bücherwelt versponnenen Cousins Egaeus. Die Geschichte endet, wie das bei Poe so üblich ist, schaurig: Berenice stirbt und wird bestattet; im Wahn gräbt Egaeus die blutende Leiche aus und bemächtigt sich ihrer Zähne, von deren weißer Farbe er besessen ist. Susanne Lettenbauer hat die Oper für uns gesehen und gehört und sie auf ihren Fremdheits-Gehalt abgeklopft.

Von Susanne Lettenbauer | 13.05.2004

Fremd klingt die Musik der ersten Biennale-Oper nicht. Diese Fremde, oftmals als Chiffre der avancierten Kunst gedeutet und als Sinnbild für radikales Denken ist uns fremd geworden im zeitgenössischen Musiktheater. Jede noch so verwegene Rhythmik, jeder Versuch von Crossover, von Bilder-Opern, handlungslos oder von Internetoper wirkt vertraut. Die Annäherung von der sogennanten ernsten an die Unterhaltungsmusik - ein Thema für Seminararbeiten. Der Wiener Johannes Maria Staud konnte also, als erster der diesjährigen Komponistenriege, gewiss sein, es mit seinem ersten Werk für Musiktheater keinem recht machen zu können. Entweder würde seine Berenice zu radikal daherkommen oder zu angepasst, ein Werk für die Dienstleistungsgesellschaft. Das Irritierende an seiner neuester Komposition und der Inszenierung durch Claus Guth ist aber, das Berenice beides auf die Bühne des Gärtnerplatztheaters bringt.

Nehmen wir den verstörenden, radikalen Monolog des Egaeus, ein Geschöpf des vor über 150 Jahren völlig verarmt gestorbenen Edgar Allan Poe, dem Meister der "wunderlichen Schatten", dem Wunschautor auch von Komponist Staud und seinem Librettisten Durs Grünbein.

Gleich seinem Erfinder Poe sucht Egaeus in der Zuneigung zu seiner lebensfrohen Cousine dem eigenen Fremdsein zu entkommen, der "wilden Domäne klösterlicher Beflissenheit". Wenn schon nicht den Büchern, aus deren "inneren Zirkel" er nicht mehr herausfindet.

Die Fresken im Esszimmer, die Gobelins im Schlafzimmer, die sorgsam geordnete wandhohe Bibliothek – die bürgerliche Normalität hat Egeaus längst aufgesplittet, zwei Männer treten gegeneinander an auf der Bühne, singend oder deklamierend, in den gleichen zu kurz gewordenen Hosen. Vor dem Rostschlitten, der mit Abblendlicht im Carport döst oder darüber, auf dem schmalen Balkon zwischen meterhohen Schalousien und geländerlosem Nichts. Zwischen der Erinnerung, die urplötzlich hinter den Jalousien auftaucht und verschwindet - eine Edelwohnung, in der geboren, gestorben, geliebt und gesungen wird - und dem Absturz, der Epilepsie. Sie beäugen sich argwöhnisch die zwei Spiegelgleichen, streichen sich zeitgleich übers Gesicht, rücken die Hornbrille zurecht. Dann beginnt der eine zu tanzen.

Die Realität wurde längst schon zur Vision, ein Blick auf den Unterarm genügt. Die versprochene Heirat mit Berenice ist zum Studienobjekt verkommen. Da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Videokamera den eigenen Blickwinkel ersetzt, Erinnerungsfetzen über die geschlossenen Schalousien flimmern und der Griff an die dunkle Hornbrille immer fahriger wird.

Die zwei auf dem unteren Level auf, im oder am Auto - der Gruselmeister Poe höchstpersönlich samt eigener Obsession in Form einer Edelnutte wahlweise Vampirfrau - schäkern sich derweil durch ihre Schüttelreime. Von Sprachgewalt ist im Libretto des sonst so sprachgewaltigen Durs Grünbein diesmal nicht viel zu hören. Vielleicht wusste auch er nicht so genau,warum den zwei Originalpersonen in Poes Erzählung noch ein halbes Dutzend weiterer Personen an die Seite gestellt werden mussten, die ab und an in Tanzschritte verfallen. Anleihen an Musicals herauszuhören verbietet sich der Komponist, auch wenn er verwegen abgründig, sicher auch eingängig, seine Berenice in Slow Fox und Tango komponiert. Ein Handkuss an die Dienstleistungsgesellschaft:

Johannes Maria Stauds Oper Berenice lebt von der kunstvollen Verschränkung von Schauspiel und Gesang, wobei der Gesang die Nebenrolle spielt, denn: Wie die Figur des Egaeus sich bei wachem Verstand in die tödliche Monomanie phantasiert, den homoerotischen Plänkeleien der Putzfrau und Berenice sprachlos zuschaut oder letztlich voll Staunen die Zähne der von ihm getöteten Berenice aus der Hand perlen lässt - der Schauspieler Matthias Bundschuh, engagiert an den Münchner Kammerspielen, steht im Mittelpunkt der gesamten Inszenierung. Seine - man könnte sagen - Rezitative, untermalt mit dumpfem Orchestergrollen vom Klangforum Wien unter Stefan Asbury, lassen erst die Faszination des Grauens lebendig werden, da kann der Komponist die Bässe noch so dröhnen lassen, der Regisseur die Megaphone noch so oft einsetzen - die tödliche Obsession läuft im Stillen ab. Der Weg führt "in die Fremde" des eigenen Gehirns.