Samstag, 25. Juni 2022

Berichterstattung aus Kasachstan
"Soziale Medien gehören zur Grundausstattung"

Ausnahmesituation in Kasachstan – doch eine genaue Beurteilung der Lage ist schwierig. Denn unabhängige Medien gibt es nicht mehr im Land und immer wieder wird das Internet blockiert. "Am besten kann man sich auf persönliche Kontakte verlassen", sagte die Journalistin Edda Schlager im Deutschlandfunk. Sie lebt seit Jahren in Kasachstan.

Edda Schlager im Gespräch mit Mirjam Kid / Text: Sören Brinkmann | 06.01.2022

Ein junger Mann macht in der kasachischen Stadt Almaty mit seinem Smartphone ein Foto, im Hintergrund brennt das Amtsgebäude des Bürgermeisters
Ein Mann vor dem brennenden Amtsgebäude des Bürgermeisters in der kasachischen Stadt Almaty (imago/ITAR-TASS/Yerlan Dzhumayev)
Seit Tagen gibt es Unruhen in Kasachstan. Bei den Protesten sind nach Behördenangaben Dutzende Menschen getötet worden, mehr als 1000 seien verletzt worden, hieß es. Die Ereignisse bestimmen auch in Deutschland die Schlagzeilen, allerdings ist es schwierig, ein genaues Bild von der Lage im Land zu bekommen.
Auch die Journalistin Edda Schlager sieht eine große Unsicherheit in der Berichterstattung: "Es geistert jetzt sehr, sehr viel durchs Internet", sagte sie im Deutschlandfunk. Zwar kämen Informationen nach draußen, auch Film- und Bildmaterial. Man müsse aber immer hinterfragen, wo und in welchem Zusammenhang die Aufnahmen tatsächlich entstanden sind.

Medien staatlich kontrolliert

"Im Prinzip kann man sich am besten nur wirklich auf Augenzeugenberichte und auf persönliche Kontakte verlassen", so Schlager, die seit 2005 in der kasachischen Metropole Almaty lebt, sich derzeit aber wegen eines Familienbesuchs in Deutschland aufhält.
Edda Schlager berichtet als freie Korrespondentin aus Zentralasien unter anderem für den Deutschlandfunk, den SRF und ORF sowie für Magazine und Zeitungen (Cicero, Neue Zürcher Zeitung). Mit Blick auf die Medienlandschaft in Kasachstan erklärt sie, dass vor allem professionell geführte Facebook-Seiten von Aktivisten, Menschenrechtlern oder Juristen als wichtige Informationsquelle dienten. Auch Twitter spiele hier eine wesentliche Rolle.

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Die großen Medien Kasachstans, so Schlager, würden von der Staatsführung kontrolliert - auch die staatlichen Fernsehkanäle: "Dort werden Informationen gesendet, die staatlich zugelassen sind und erwünscht sind. Es ist auch ein wichtiger Kommunikationskanal für die Regierung. Darüber gibt man also Regierungserklärungen und Entscheidungen bekannt."
In Kasachstan erscheint auch die "Deutsche Allgemeine Zeitung", deren Berichterstattung sich vor allem an die deutschsprachige Minderheit im Land richtet. Die Wochenzeitung ging in den 90er Jahren aus dem kommunistischen Parteiblatt "Freundschaft" hervor.

Schauprozesse wegen Facebook-Posts

In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Kasachstan auf Platz 155 von 180 Ländern. Die Organisation kritisiert seit Langem, dass die Medien fast ausschließlich staatlich gelenkt sind: „Die Regierung Kasachstans hat in den vergangenen Jahren fast alle Oppositionsmedien mit Schadensersatzklagen und gezielten Angriffen auf Journalisten zum Schweigen gebracht.“
Journalistin Edda Schlager erklärte im Deutschlandfunk, dass immer wieder Schauprozesse veranstaltet worden seien: "Es sind Leute für einzelne Facebook-Post mehrere Jahre in Haft gekommen."
Entsprechend schwierig ist auch in der aktuellen Situation der Blick auf Kasachstan, da es keine unabhängige Berichterstattung von freien Medien vor Ort gibt. Erschwert wird die Informationslage zusätzlich durch Blockaden des Internets.

Internetverbindungen eingeschränkt

Nachdem die Proteste vor allem über die Sozialen Medien organisiert worden waren, hat die Staatsführung die Internetverbindungen eingeschränkt oder ganz abgeschaltet. In Almaty herrschte laut russischer Nachrichtenagentur Tass zwischenzeitlich ein kompletter Internet- und Mobilfunkausfall. Aus Sicht von Beobachtern sollten neue Versammlungen dadurch erschwert werden.
Etliche Webseiten von Behörden, aber auch von Medien in Kasachstan sind derzeit nicht zu erreichen, auch die Seite der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ ist nicht abrufbar.
Kasachstan
Das zentralasiatische Land mit knapp 19 Millionen Einwohnern gehört mit einer Fläche von 2,7 Mio. km2 zur den zehn größten Ländern der Erde (entspricht etwa der Größe von Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Spanien, Italien, Schweden und Finnland zusammen). Es grenzt an Russland und China. Die frühere Sowjetrepublik wurde im Dezember 1991 unabhängig. Über Jahrzehnte wurde Kasachstan von Machthaber Nursultan Nasarbajew regiert. Es ist reich an Öl, Gas und Uran.
Nachdem bereits Polizei und Militärtruppen gewaltsam gegen die Demonstrierenden vorgegangen waren, sind nun auch ausländische Soldaten unter der Führung Russlands in das Land geschickt worden. Die frühere Sowjetrepublik Kasachstan ist eng mit Russland verbunden.

Aufrufe zur Mäßigung

Die USA und die EU riefen alle Seiten zur Mäßigung auf und forderten eine friedliche Beilegung des Konflikts. „Wir bitten alle Kasachen, die verfassungsmäßigen Institutionen, die Menschenrechte und die Pressefreiheit inklusive einer Wiederherstellung des Internetzugangs zu respektieren und zu verteidigen“, sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums.
Edda Schlager sieht vorerst keine Möglichkeit, nach Kasachstan zurückzukommen. Allerdings sagte sie im Deutschlandfunk: "Ich habe es glücklicherweise heute geschafft, mit Freunden zu telefonieren. Das funktioniert also, obwohl die auch sagen, selbst innerhalb der Stadt - wir sprechen über Almaty, wo wirklich der Schwerpunkt dieser schweren Krawalle und Ausschreitungen ist – innerhalb der Stadt sind teilweise die Telefonverbindungen blockiert, aber so ein bisschen Kontakt hat man schon."