Mittwoch, 08. Dezember 2021

Berlin Fashion Week DigitalVirtuelle Modenschauen als Statement gegen die Krise

Nach einem Jahr Pause meldet sich die Berliner Fashion Week zurück. Unter strengen Hygieneauflagen finden Modenschauen ohne Publikum statt. Mit unterschiedlichen digitalen Formaten soll über Auswege aus der Krise diskutiert werden.

Von Julia Vissmann | 18.01.2021

Models laufen bei der Show von Odeeh bei der Mercedes-Benz Fashion Week im Kraftwerk Berlin
Früher gab es mehr Zuschauer - Fashion Week Berlin 2020 (picture alliance | Jörg Carstensen | dpa)
Das Jahr 2020 war auch für die "Berlin Fashion Week" eine Belastungsprobe: Nicht nur, dass die Sommerausgabe virusbedingt abgesagt wurde. Außerdem wurde entschieden: Die Modemessen "Premium" und "Neonyt" ziehen um nach Frankfurt am Main. Und jetzt im "Lockdown Teil Zwei" droht vielen kleinen und mittelgroßen Modelabels das Aus.
Um das Ruder herumzureißen, schießt Berlin seiner "Fashion Week" allein in diesem Jahr 3,5 Millionen Euro zu – so viel wie nie. Und die Modewoche selbst will sich – zwar ohne Publikum und Messen –, aber doch virtuell neu präsentieren.

Digitale Modeformate

Unter strengen Hygieneauflagen finden Modenschauen von Designern wie Michael Sontag oder Kilian Kerner im alten Kraftwerk in Berlin statt und werden teilweise live gestreamt. Der Ort lässt sich gut inszenieren. Auch eine Ausstellung mit Kollektionsteilen Berliner Designer wird gefilmt und im Rahmen des Berliner Salons gezeigt.
Marcus Kurz, Veranstalter der Fashionweek im Kraftwerk Berlin: "Der Branche geht es nicht gut, das kann man sich ja vorstellen, dass Geschäfte über einen langen Zeitraum geschlossen sein müssen, und Absatzquellen nicht mehr vorhanden sind, dass es da Schwierigkeiten gibt. Das allerwichtigste ist eine Stimme nach draußen und ein Kommunikationstool nach draußen."
Dafür sind neue Präsentationsformen gefunden worden. Spannend ist zum Beispiel das "Fashion Open Studio" mit virtuellen Studiobesuchen bei Designerinnen und Designern. In Gesprächsformaten soll über die Zukunft der Mode oder über notwendige Kollaborationen zwischen Designerinnen/Designern und Online-Plattformen diskutiert werden.

Getanzte Statemens für Mode, Kunst, Kultur

Wie bereits im Sommer nutzt die Designerin Anja Gockel die Strahlkraft des Hotel Adlon. Sie hat für ihre Show 12 internationale Tänzerinnen engagiert, unter anderem aus dem Friedrichsstadt Palast. Die zeigen tanzend die neue Kollektion für Herbst und Winter von Anja Gockel. Ihre drei Geschäfte in Mainz, Köln und Berlin sind geschlossen.
Doch gerade in der Krise findet die Designerin es wichtig mit ihrer Show ein Statement für Mode, Kunst und Kultur zu setzen: "Wir werden alle gerade nicht mehr gesehen, es ist wahnsinnig wichtig, dass dieser Teil unseres Lebens am Leben bleibt. Weil: Was haben wir davon, wenn wir unseren Körper schützen und unsere Seele verkümmert? Da müssen wir jetzt ein Statement setzen, dass wir nicht zu lange warten, bis wirklich jeder Künstler an der Aldikasse sitzt."
Seit 25 Jahren macht die Designerin nachhaltiges Modedesign, hergestellt in Deutschland. In ihrer neuen Kollektion "Embraceland" sind es die Gegensätze, die sich anziehen: Petrolfarbene, laszive Lackstoffe kombiniert mit Kaschmir des Labels Edelziege - Karomuster und Nadelstreifen machen ihren britischen Look aus. Bequem, cool, und lässig, aber mit Haltung sagt Anja Gockel.

Fashionweek Visionen

Nachdem die großen Modemessen "Premium" und "Neonyt" nach Frankfurt abgewandert sind, muss sich Berlin als Modestandort behaupten. Dafür gibt es neue Visionen: Berlin sei die europäische Hauptstadt der Kreativindustrie, aas müsse nun genutzt werden um das Profil als Modehauptstadt in Deutschland zu schärfen, denkt Marcus Kurz.
Neben der Digitalisierung ist das Thema Nachhaltigkeit ein Schwerpunkt für die Neuausrichtung der Berliner Fashionweek. Bei der Konferenz "202030 The Berlin Fashion Summit" soll über neue Wege für nachhaltige Modekonzepte diskutiert werden. Mitveranstalterin Magdalena Schaffrin vom Studio MM04, die auch für die grüne Modemesse "Neonyt" in Frankfurt zuständig ist, hofft, dass in Berlin die Modewoche experimentierfreudiger wird.
Die Kunst und Clubkultur müsse mehr mit einbezogen werden in eine Fashionweek. Bereits bei dieser Ausgabe der Fashionweek gibt es mit "Berlin, Berlin" und dem "Reference Festival" zwei digitale Formate bei denen das versucht werden soll.

Auswirkungen des Lockdown auf die Modebranche

Die Lieferketten sind eingebrochen, es wird ein Ladensterben in den Fußgängerzonen geben, ganze Städte verändern sich. Darüber hinaus steht die Modeindustrie gerade unter hohem Druck, sich nachhaltiger aufzustellen. Denn sie arbeitet höchst ineffizient mit hohem CO2-Fußabdruck und verursacht Wasser- und Luftverschmutzung.
Mode werde zu billig produziert, sagt Max Gilgenmann, Mitveranstalter des 202030-Summits. Das wird auch im Statusbericht Deutsche Mode bestätigt, der zu Beginn der Fashionweek vom Bundeswirtschaftsministerium und der Interessenvertretung Fashion Council Germany vorgestellt wird.