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Berlin
Konzerthausorchester wagt die "Turangalîla-Symphonie"

Als "Liebesgesang" und "Freudenhymne" bezeichnete der französische Komponist Olivier Messiaen seine "Turangalîla-Symphonie". Sie ist aufgrund des immensen orchestralen Aufwands nicht allzu oft zu hören. Nun hat der Dirigent Ivan Fischer mit seinem Konzerthausorchester Berlin das Wagnis unternommen.

Von Julia Spinola | 27.02.2016
    Vogelzwitschern und indische Liebesrhythmen, Hollywoodgesten und ein von der indonesischen Gamelan-Musik inspiriertes Klingeln und Glitzern allerorten: Um Messiaens strömenden Jubel- und Freiheitsgesang angemessen zu interpretieren, braucht es ohne Zweifel auch einen gewissen Mut zum Kitsch. Denn diese Musik vertraut in beinahe kindlicher Naivität auf die buchstäbliche ästhetische Verfügbarkeit noch der gewaltigsten Gehalte. Messiaen setzte in seiner abendfüllenden "Turangalîla-Symphonie" nichts Geringeres in Töne, als die überschäumenden sinnlichen Freuden der Liebe – einer Liebe, die er freilich zugleich als einen Widerschein der göttlichen Liebe verstanden wissen wollte.
    Musik vorübergehend in gespenstischen Abgründen
    Leidenschaftlich befeuert von ihrem Chefdirigenten Ivan Fischer stürzen sich die Musiker des Berliner Konzerthausorchesters in dieses spieltechnisch höchst anspruchsvolle Abenteuer. Bruckner und Gershwin hört man hier ebenso heraus, wie die stampfende Rhythmik von Strawinskys "Sacre du Printemps". Am Ende wird sich die Musik vorübergehend in gespenstische Abgründe begeben, ihren Abschied von allem Irdischen nehmen und sich schließlich in einen schier tobenden Finaljubel stürzen. An den Abglanz himmlischer Freuden, den der Schlusssatz gestaltet, kann man womöglich auch musikalisch nur als frommer Katholik glauben.
    Die überbordende, ganz und gar einzigartige Ausdruckswelt, die Messiaen in diesem Werk eröffnet, lässt alle Fragen nach stilistischer Reinheit oder einer Verhältnismäßigkeit der Mittel schlichtweg beckmesserhaft erscheinen. In diesem Sinne setzte Fischer auf den unmittelbaren Effekt, entfesselte furiose Klangmassen und schwelgte lustvoll in Maßlosigkeit. Das geriet bisweilen doch eine Spur zu laut und zu grob. Vor allem in Klangballungen blieb die Raffinesse des Orchesterklangs mit seinen mannigfach schillernden Farben ein wenig auf der Strecke. Dass die durch tiefen Glauben entflammten Ausdrucksextasen Messiaens ihren Gegenpol in einer höchst komplexen Konstruktivität haben, ging an diesem Abend etwas unter.
    Atmosphärisch und klangsinnlich gelangen vor allem die langsamen Sätze, in denen sich auch der eigentümliche Gesang der Ondes Martenot wunderbar entfalten konnte. Das in den Zwanziger Jahren entwickelte elektroakustische Instrument, dessen Klangfarbe irgendwo zwischen der menschlichen Stimme und einer singenden Geige angesiedelt ist, hat Messiaen besonders geliebt.
    Die musikalische Gestalt einer ekstatischen Liebesgöttin
    Mit Valérie Hartmann-Claverie, einer ehemaligen Schülerin der Ondes Martenot-Virtuosin Jeanne Loriod, hatte man sich in Berlin einer Solistin aus der unmittelbaren Messiaen-Genealogie versichert. Als juchzende, jubilierende oder auch sirenenhaft klagende Überstimme ließ sie den Klang der Ondes Martenot durch das Geschehen schweben: die musikalische Gestalt einer ekstatischen Liebesgöttin. Den virtuosen Klavierpart meisterte fabelhaft präzise und zugleich klangsinnlich der Pianist Roger Muraro, ein ehemaliger Schüler der Messiaen-Witwe Yvonne Loriod. Insgesamt bot der Abend eine spannende Wiederbegegnung mit einem faszinierenden Werk, die dem Konzerthausorchester trotz kleiner Schönheitsfehler im Klanglichen hoch anzurechnen ist.