Montag, 20. Mai 2024

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Berliner Salons im 19. Jahrhundert
Jüdisch-christliche Liebesbeziehungen

Die Berliner Salons vor 200 Jahren waren Zentren kulturellen Lebens, private Treffpunkte, bei denen neben intellektuellen Gesprächen auch Freundschaften geschlossen wurden - sogar Liebesbeziehungen. Die dort entstandenen Freundschaften zwischen Juden und Christen sind nun Thema einer internationalen Konferenz.

Von Tobias Kühn | 07.04.2016
    Zeitgenössische Darstellung der Rahel Varnhagen von Ense. Ihr Salon bildete lange Jahre den Mittelpunkt des literarischen Berlins, vor allem die Romantiker und Anhänger des "Jungen Deutschland" gehörten zu ihren Freunden. Als "klug und energisch" beschrieben, wurde die Ehefrau des Schriftstellers und Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense von den bedeutensten Persönlichkeiten ihrer Zeit verehrt. Rahel Varnhagen von Ense wurde am 19. Mai 1771 in Berlin geboren und verstarb ebenda am 7. März 1833.
    Die jüdische Schriftstellerin Rahel Varnhagen. Gemeinsam mit der Schriftstellerin Henriette Herz führte sie im 19. Jahrhundert einen der zahlreichen jüdischen Salons in Berlin. (picture-alliance / dpa)
    Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts entstehen in bildungsbürgerlichen Kreisen in einigen Großstädten in Deutschland - vor allem in Berlin - Salons, in denen man sich trifft, um zu musizieren und über Literatur und Kunst zu sprechen. Dort sind Begegnungen zwischen Juden und Christen möglich; und bald kommt es auch zu Liebesbeziehungen. Wenig später tauchen dann erotische Verhältnisse zwischen Christen und Juden auch als Thema in der Literatur auf. Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Eva Lezzi hat sowohl christliche als auch jüdische Autoren aus dieser Zeit untersucht.
    "Der Roman ist traditionellerweise das Genre der Liebesliteratur und somit auch der Liebe zwischen Christen und Juden. Das ist für mich das Faszinierende, dass diese literarischen Texte einerseits eingehen auf Realitäten, also auf real vorhandene Konflikte, Anziehungen, Debatten, und andererseits natürlich Literatur ein Imaginationsraum ist und bleibt."
    Debatten über interreligiöse Liebesbeziehungen
    Etliche dieser Berliner Salons im 19. Jahrhundert wurden von Jüdinnen wie Henriette Herz und Rahel Varnhagen geführt. Weil diese Frauen sehr bekannt waren, zogen interreligiöse Liebesbeziehungen, die in ihren Salons entstanden waren, die öffentliche Debatte um die Zivilehe auf sich. Denn Ehen zwischen Juden und Christen waren in dieser Zeit noch nicht möglich. Voraussetzung für eine Eheschließung war, dass beide Partner derselben Religion angehörten. Ein jüdisch-christliches Paar konnte also nur dann heiraten, wenn einer der beiden Partner zuvor konvertierte.
    "Das ist das Spannungsverhältnis in den Texten, die ich untersuche: dass wir es einerseits mit dem Anspruch romantischer Liebe zu tun haben und andererseits mit dem Anspruch, eine legitime Ehe führen zu dürfen. Und das ist das, woran dann viele Beziehungen scheitern, weil das nicht möglich ist."
    Die von Lezzi untersuchten Texte spiegeln die gesellschaftliche Realität jener Zeit wider. Weil es noch keine Zivilehe gibt, beschließt mancher Verliebte, zur anderen Religion überzutreten. Im 19. Jahrhundert ist es in der Regel der jüdische Partner, der konvertiert. Neoorthodoxe Rabbiner erkennen die Gefahr für das Judentum und greifen zu den Waffen der Belletristik. Man weiß, dass die Jugend Romane, Novellen und Erzählungen liest, die von christlichen oder reformjüdischen Autoren verfasst wurden. Also beschließen orthodoxe Rabbiner, dieses Genre auch zu besetzen: Und so erscheinen in neoorthodoxen Zeitschriften plötzlich Fortsetzungsromane, die von Liebe erzählen – und vor interreligiösen Beziehungen warnen. Eine der bekanntesten neoorthodoxen Autorinnen jener Zeit ist Sara Guggenheim. Sie schrieb 1863 die Novelle "Aus der Gegenwart".
    "Da geht es darum, dass eine Tochter aus jüdisch-bürgerlichem Hause sich in eine adelige, verführerische, männliche Figur verliebt und dieser junge Mann ihr Heiratsavancen macht, der Vater das verbietet, die Tochter bereit ist, die Taufe auf sich zu nehmen und das Vaterhaus zu verlassen. Der Vater warnt seine Tochter, und er wird Recht behalten: Obwohl die Tochter diese Ehe eingeht und ihrem Mann sogar einen Sohn gebiert, ist dieser Ehemann ein Libertin, er wird andere Geliebte haben, er ist überhaupt nicht mehr an seiner Frau interessiert. Sie flüchtet gemeinsam mit dem Kind zum Elternhaus, sprich zum Vater. Er nimmt die beiden verzeihend wieder bei sich auf."
    Warnung vor religiöser Abtrünnigkeit?
    Nicht nur jüdische, sondern auch christliche Autoren äußerten sich negativ über interreligiöse Liebesbeziehungen. Allerdings ist es bei christlichen Autoren weniger die Warnung vor religiöser Abtrünnigkeit als der antisemitische Topos, der ins Auge sticht. Es ist die Angst, Juden würden sich in christliche Gemeinden hineinschleichen, um dort Unheil anzurichten. Doch nicht überall, wo christliche Autoren im 19. Jahrhundert über Juden schrieben, war Antisemitismus im Spiel.
    Liebesbeziehungen haben in der Literatur eine lange Tradition, denn sie sind spannend und eingängig. Und gerade die Liebe zwischen Juden und Christen kann sehr leicht als romantische Liebe aufgeladen werden, weil es das Moment der Unerreichbarkeit und des Widerstands gibt. All das prädestiniert im 19. Jahrhundert Liebesromane zu einem Ort, an dem Fragen wie Konversion und interreligiöse Ehe ausgehandelt werden. In Preußen wurde die Zivilehe schließlich 1875 eingeführt. Erst dann, mit dem Entstehen von Standesämtern, durften Juden und Christen einander heiraten, ohne dass einer von beiden konvertieren musste. Doch diese Zeit währte nicht lange. Nur 60 Jahre später, 1935, trat in Nazi-Deutschland das "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" in Kraft. Von da an wurden Liebesbeziehungen zwischen Juden und "Ariern" als Rassenschande geahndet.