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Beschluss der Frauenquote
"Das ist so eine Wischi-Waschi-Quote"

Einen Kulturwandel werde die Frauenquote nicht zwingend herbeiführen, sagte Julia Dettmer von den Jungen Unternehmern im DLF. Es sei falsch, Führungspositionen vom Geschlecht abhängig zu machen. Am Ende solle derjenige "es machen, der den Job am besten ausübt". Das eigentliche Problem sei jedoch die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Julia Dettmer im Gespräch mit Mario Dobovisek | 06.03.2015
    Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig und Bundesjustizminister Heiko Maas (beide SPD) freuen sich, dass die Frauenquote kommt.
    Dettmer: "Ich finde es bedauerlich, dass wir in Deutschland anscheinend diese Quote überhaupt benötigen." (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
    Mario Dobovisek: Ab 2016 soll in den Aufsichtsräten von börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent gelten. Gut 100 Großunternehmen sind betroffen, 3500 weitere Firmen müssen sich ab September selbst verbindliche Ziele setzen, um den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. So hat es der Bundestag entschieden.
    Am Telefon begrüße ich Julia Dettmer. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Jungen Unternehmer, einem Verband vor allem von Familienunternehmen. Guten Tag, Frau Dettmer.
    Julia Dettmer: Guten Tag! Ich grüße Sie.
    Dobovisek: Die beschlossene Frauenquote betrifft vor allem die großen Fische unter den Firmen. Ist das tatsächlich ein tief greifender Kulturwandel, wie Manuela Schwesig gerne sagt?
    Dettmer: Ich denke nicht, dass das einen Kulturwandel zwingend herbeiführt. Ich bin der Meinung, dass wir keine Quote brauchen, denn Frauen sollen wegen ihrer Qualifikation aufsteigen und nicht aufgrund ihres Geschlechts in eine Führungsposition aufsteigen.
    Ich sehe vielmehr die Gefahr, dass dadurch Frauen abgestempelt werden als Quotenfrauen. Das eigentliche Problem, was wir sehen, ist ja die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland und diese Quotenregelung geht eigentlich an dem Problem vorbei.
    Dobovisek: Ist das der Grund, warum so wenig Frauen in Führungspositionen sitzen, wie Sie sagen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
    Dettmer: Ja! Ich sehe, dass das eigentlich das größte Hemmnis ist. Ich habe mehr das Gefühl, dass das jetzt so eine Art Alibipolitik ist, wo die Familienministerin sicherlich irgendwas abliefern musste, aber dieser eigentliche Kraftakt, der uns noch bevorsteht, und das ist die Verbesserung der Betreuung in den Unternehmen für Frauen mit Kindern, daran ändert sich doch eigentlich jetzt gar nichts.
    "Wir hinken hinterher in Ganztagsschulen, in Kinderbetreuung"
    Dobovisek: Aber ist die Quote zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung, um zumindest mal anzustoßen, eine Veränderung anzugehen?
    Dettmer: Ich sehe das als sehr große Gefahr. Ich finde, so ein Amt, eine Führungsposition sollte man als Amtsträgerin dann besetzen und nicht, ob es eine Frau oder ein Mann ist.
    Wie gesagt, ich sehe vielmehr die Problematik der schlechten Kinderbetreuung. Wir hinken hinterher in Ganztagsschulen, in Kinderbetreuung, auch zum Beispiel Firmen zu motivieren, einen Firmenkindergarten zu errichten. Dieser ganze Ausbau, der wird ja nicht beschleunigt, sondern jetzt eigentlich eher gehemmt, weil man denkt, das Problem ist jetzt erst mal vom Tisch.
    Dobovisek: Wie sollte das gefördert werden?
    Dettmer: Meiner Meinung nach sollte man mehr investieren in eine Kinderbetreuung und Verbesserung der Möglichkeiten. Die zweite Position, die ich gerne aufgreifen möchte, ist aber auch, dass die Große Koalition aufhören sollte, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle zu attackieren. Ganz brandaktuell ist ja auch das Mindestlohngesetz, was per se sicherlich nicht schlecht ist.
    Bloß diese hohe Dokumentationspflicht, dieser Aufwand beim Mindestlohn macht eigentlich flexible Arbeitszeiten, die wir Frauen mit Familie wirklich brauchen, zum Beispiel Arbeitszeiten auf Vertrauensbasis, fast unmöglich. Arbeitszeiten lassen sich eben nicht minutengenau feststellen, gerade im Modell Home Office, was sicherlich dann, wenn die neue Arbeitsstättenverordnung kommt, auch hinfällig ist.
    Dobovisek: Sie sprechen da, Frau Dettmer, jetzt ein Thema an, das vielleicht auch nicht gerade die Chefs in den Aufsichtsräten, die Chefs in den Führungsetagen betrifft. Da gibt es ohnehin keine geregelten Arbeitszeiten. Was kann daran geändert werden?
    Dettmer: Na ja. Ich denke, dass einfach Arbeitszeiten für den Arbeitgeber flexibel weiterhin und auch für den Arbeitnehmer gestaltet werden sollten, was sicherlich ein Grund ist - das merke ich auch in unserem eigenen Unternehmen -, warum Frauen oft Chancen und Angebote für Führungspositionen ablehnen müssen, weil sie einfach keine Vereinbarung momentan finden können, die auch politikgestützt ist, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Und ich denke nicht, dass da eine Quote unbedingt bei hilft, weil das sieht zwar gut aus und die Unternehmen können darüber berichten, aber ich glaube, die Realität und die Handhabbarkeit, die sieht doch ganz anders aus.
    Dobovisek: Warum brauchen wir mehr Frauen in den Führungsetagen?
    Dettmer: Ich denke einfach, das fängt schon mit der Ethik an, die sich auch viele Unternehmen ja selbst auf die Fahne schreiben seit Jahren, und ich denke, dass wir heutzutage nicht mehr unterscheiden sollten, kann eine Frau oder ein Mann den Job besser machen. Ich bin der Meinung, am Ende soll es einfach derjenige machen, der wirklich den besten Job abliefert. Dabei sollte es auch unerheblich sein, ob das jetzt ein Mann oder eine Frau ist.
    Skandinavische Länder könnten als Vorbild fungieren
    Dobovisek: Ist denn ein Führungsjob überhaupt vereinbar mit einer Familie, wenn ich mir die Arbeitszeiten angucke, wenn ich mir die Belastung angucke? Müsste da noch mal direkt angesetzt werden?
    Dettmer: Na ja, wenn ich mir unsere Verteidigungsministerin angucke, die ja auch, ich glaube, sieben Kinder hat und trotzdem Karriere macht, scheint das ja an sich zu funktionieren, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Ich denke, dass das immer ein finanzieller Aufwand und eine Organisationsfrage ist und auch die Hilfestellung, die man von einem Unternehmen beziehungsweise von der Politik an die Hand bekommt, wenn ich zum Beispiel skandinavische Länder betrachte, wo wir uns bestimmt das eine oder andere angucken können und so was ja gut funktioniert. Ich weiß, dass bei uns im Verband von den Familienunternehmen die Frauenquote in Führungspositionen um die 25 Prozent liegt und es also machbar ist, aber es eben schöner wäre, wenn die Frauen entlastet werden und wissen, ihre Kinder sind in guten Händen, in einer guten Betreuung. Dann kann man sich auch voll und ganz auf eine Führungsposition konzentrieren.
    Dobovisek: Was machen Managerinnen anders als ihre männlichen Kollegen?
    Dettmer: Das ist die Frage. Das ist ja auch immer eine Typfrage. Ich würde auch das gar nicht unbedingt auf das Geschlecht reduzieren. Aber ich denke, dass Frauen sicherlich einen frischen Wind ins Unternehmen bringen können und gerade durch ihre Gabe von Kommunikation auch sicherlich einfach einen anderen Führungsstil beherzigen, der sicher für das eine oder andere Unternehmen auch zum Vorteil führen kann.
    "Das ist so eine Wischi-Waschi-Quote"
    Dobovisek: Und Sie sagen, Sie lehnen eine Frauenquote ab. Das haben Sie ja mehrfach jetzt erwähnt. Könnten Sie denn damit leben, dass bis es zu einer Lösung kommt wie zum Beispiel einer besseren Vereinbarung von Familie und Beruf, weniger Frauen in Führungspositionen sind?
    Dettmer: Gut, es ist tatsächlich ja sehr ärgerlich, dass wir anscheinend erst mal diesen Anstoß benötigen und vielleicht das zu einer annehmbaren Gestaltung führt, dass Frauen tatsächlich vermehrt in diesen Positionen tätig sind. Bloß ich denke, dass da jetzt auch in diesem jetzigen Entwurf einfach noch Verbesserung wichtig ist. Ich finde, das ist so eine Wischi-Waschi-Quote. Erst mal die Aufsichtsräte: Wie viel Führung hat man eigentlich in so einer Position? An sich ist das ja eher eine beratende Tätigkeit, in der gar nicht wirklich eine Führungsposition unbedingt verankert ist.
    Notwendigkeit von Frauenquote ist "bedauerlich"
    Dobovisek: Das bedeutet aber letztlich, dass Sie vielleicht auch eher eine Quote anstreben, die bis in die mittleren Führungsebenen reingeht, das mittlere Management, und nicht nur die Aufsichtsräte betrifft?
    Dettmer: Genau. Ich denke, das ist ja auch das Ziel, dass sich das durch diese Vorführposition in der höheren ersten Ebene vielleicht dann auch auswirkt auf alle Positionen rundweg in einem Unternehmen.
    Dobovisek: Also doch eine Quote, aber dann für alle?
    Dettmer: Na ja, an sich möchte ich nicht von meinem Standpunkt abrücken, dass ich gegen eine Quote bin. Aber sicherlich müssen wir jetzt mit dem Gesetzesentwurf leben. Ich finde es aber trotzdem bedauerlich, dass wir in Deutschland anscheinend diese Quote überhaupt benötigen.
    Dobovisek: Julia Dettmer vom Wirtschaftsverband Die Jungen Unternehmer über die vom Bundestag beschlossene Frauenquote. Ich danke Ihnen, Frau Dettmer.
    Dettmer: Ja, vielen Dank Ihnen auch.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.