Archiv

Besichtigung eines Mythos

Mike Daisey erhob gegen Apple schwere Vorwürfe wegen den Arbeitsbedingungen eines chinesischen Zulieferers. Von Ausbeutung, einer Häufung von Suizid-Fällen und Umweltverschmutzung war die Rede. In Dortmund feierte sein Theaterstück über die Schattenseiten des Imperiums von Steve Jobs nun seine deutschsprachige Premiere.

Von Christiane Enkeler | 05.11.2012

Als im Herbst 2011 die New Yorker Aufführung von "The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs" wohl auch deswegen Aufmerksamkeit auf sich zog, weil Steve Jobs kurz vorher gestorben war, mailten sich der Dortmunder Schauspieldirektor und seine Dramaturgin nahezu zeitgleich. Da war der Monolog von Mike Daisey aber noch gar nicht transkribiert: ein Monolog, in dem jemand vom "Apple"-Fan zum Kritiker der Produktionsbedingungen wird. Der Mann will die Menschen kennenlernen, die sein Handy zusammenbasteln, und fährt nach China.

Inzwischen kann jeder, der will, den Text von Daiseys Homepage runterladen, und zwar in zwei Versionen. Mike Daisey war in die Kritik geraten, nachdem er im Januar in der Sendung "This American Life" einen Teil des Monologs vorgetragen hatte, erzählt die Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz:

"Das Problem war daran, finde ich, dass es ein journalistisches Format war, und dadurch bekam ein Theatermonolog eine Art Reportageanschein. Journalisten haben dann herausgefunden, dass Mike Daisey kein Journalist ist. Also er hat sich durchaus für sein Stück künstlerische Freiheiten genommen. Indem er zum Beispiel nicht alles persönlich erlebt hat, was er als Ich-Erzähler auf der Bühne erzählt."

Sie hat den Text mit der amerikanischen Regisseurin Jennifer Whigham übersetzt und bearbeitet.

"Ich rede heute Abend hier von einem Betriebssystem als einer Religion, in einer Welt, in der die Menschen fast alles durch Technologie erleben, wenn du da das Konstrukt kontrollierst, durch das die Menschen die Welt betrachten, dann kontrollierst du auch die Welt an sich."

Und obwohl die religiöse Metapher für die Apple-Welt ironisch gemeint ist, erzählt Daisey doch gleichzeitig seiner eigenen "Gemeinde" eine predigtähnliche, umgekehrte Bekehrungsgeschichte.

"Ich fing an nachzudenken. Und das ist das Problem, bei jeder Religion. Wenn man anfängt nachzudenken."

Also: aus dem umzäunten Apple-Paradies zur Vernunft durch die Erkenntnis.

"Wir sitzen in einem Taxi und fahren durch Zentral-Shenzhen. Es sieht aus, als hätte sich Blade Runner vollgekotzt. (lachen) All die Zukunft, die sie uns immer versprochen haben. "

Die plastische Reiseerzählung ist durch Anklänge an Science-Fiction und Fantasy einerseits der Realität enthoben, andererseits durch die Klarnamen auch fest darin verortet. Nun wird der Monolog auf einer Bühne gezeigt, ein bisschen wie ein Botenbericht.

"Ich bin nun mal groß und weiß und trage ein scheiß Hawaiihemd. Und ich fahre zu dem Fabriktor."

Mit einem möglicherweise typisierten Boten, der sich direkt an seine Zuhörer wendet. In Dortmund sitzen sie auf Stühlen mitten im Raum um Tische herum. Darsteller Andreas Beck geht (im karierten Hemd übrigens) durch den Raum.
Auch die anderen Figurenbeschreibungen scheinen einem Comic zu entstammen: der chinesische Pirat mit Goldzahn; die Übersetzerin, die die Brille immer wieder hoch schiebt; der Apple-User, der wie Gollum nach dem iPod nano greift.
Die auf kluge Weise sich fast unsichtbar machende Regie setzt auf Stand-up-Comedy und Publikumsnähe.

"85 Minuten bestehen aus Erzählpassagen, denen nie irgendjemand widersprochen hat. Und diese Erzählpassagen haben wir drin. Und die fünf Minuten, die Daisey selber geändert hat, die wir aber vorher schon wussten, weil wir wussten, welche fünf, sechs Details umstritten sind oder diesen ganzen Skandal ausgelöst haben - oder vielleicht auch der Grund dafür waren, dass Leute dann plötzlich gesagt haben: Ach, das stimmt ja alles nicht. Die hatten wir vorher eh schon rausgenommen."

Eine Firma, die viel Sorgfalt aufs Design verwendet, eignet sich gut für dramaturgische Zuspitzung.

"Und Steve Jobs – dieses Form- und Designgenie – der hat eines der wichtigsten Gesetze des Designs vergessen: Dass nämlich, wie etwas hergestellt wird, ein essenzieller Teil des Designs an sich ist. "

Apple soll durchaus auch ein Beispiel sein, steht aber in Ankündigung und auf der Bühne recht exponiert.

In Dortmund verweist der Monolog auf mehrere New-York-Times-Artikel zum Thema "Produktionsbedingungen" und thematisiert das Thema "Lüge" nach der Art: Du machst dir selbst was vor, wenn du denkst, dass die Herstellung deiner technischen Geräte eine saubere Sache ist.

"Was in den Sonderwirtschaftszonen in China die Realität ist, spricht für sich selbst. Und das war wichtig für uns."

Der Text will einen Virus in unser Weltbild setzen. Es bleibt eine Frage des Glaubens. Des Glaubens an Sorgfalt.