Montag, 15. August 2022

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Bienen und Schadstoffe
Gemeinschaft puffert Wirkung von Pflanzenschutzmitteln auf Bienen

Die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln und anderen Schadstoffen auf Bienen zu untersuchen ist schwierig. In Staaten mit vielen Tausend Tieren sind Versuchsbienen kaum zu verfolgen, Experimente einzelner Insekten im Labor sind nicht unbedingt aussagekräftig für die Verhältnisse im Schwarm. Auf ihrer Jahrestagung in Marburg hat die Arbeitsgemeinschaft der Bieneninstitute einen Kompromiss aus Feld- und Experimentalforschung diskutiert.

Von Joachim Budde | 27.03.2014

    Wer schon einmal vor einem Bienenstock gestanden hat, wird nachvollziehen können, wie schwer es für Forscher ist, alle Bienen in einem Volk zu beobachten. Darum machen Wissenschaftler Tests, etwa mit Pflanzenschutzmitteln, häufig mit einzelnen Bienen im Labor. Das hat den Vorteil, dass sie die Bedingungen sehr gut kontrollieren können. Der Nachteil sei aber, dass sich die Ergebnisse aus solchen Tests nicht ohne weiteres auf das gesamte Volk hochrechnen ließen, sagt Dr. Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim bei Stuttgart.
    "Was wir jetzt versucht haben, ist ein Kompromiss, wir haben also Kleinstvölker genommen, die so in der Größenordnung von gut 1.000 Bienen sind, haben dorthinein markierte Bienen gegeben, wo wir genau wissen, zu welcher Gruppe die gehören, und diese Bienen unterschiedlich behandelt. Und dann eben über die komplette Lebenszeit die Bienen verfolgt, wir haben die Lebensdauer berechnet, wir haben die Flugaktivität erfasst, und können da dann durchaus unter Volksbedingungen, das ist also ein funktionierendes Volk mit Königin frei fliegend, können wir dann Aussagen machen, wie sich eben bestimmte Dinge auf der Volksebene auswirken."
    Mit drei Dingen haben Rosenkranz und seine Mitarbeiter die Mini-Völker traktiert. Erstens: mit dem Insektengift Clothianidin, einem Pflanzenschutzmittel aus der Gruppe der Neonicotinoide, das Bienen mit Pollen und Nektar etwa aus Rapsfeldern beim Sammeln aufnehmen können. Das zweite waren Krankheitserreger.
    "Nosema ceranae ist ein Darmparasit, der dazu führt, kann man mal pauschal sagen, dass die Bienen schlechter verdauen und wahrscheinlich ein bisschen mehr Hunger haben. Diese Bienen fliegen früher aus, fliegen häufiger aus, was dann vermutlich auch damit zusammenhängt, dass die früher sterben oder das Risiko zu sterben wird größer, vermutlich weil irgendwelche Veränderungen im Körper sind, aber auch einfach, weil sie mehr Hunger haben."
    Als drittes schauten sich die Bienenforscher an, ob sich die Effekte von Gift und Parasit gegenseitig verstärken. Bei Untersuchungen an einzelnen Bienen hatten Wissenschaftler das beobachtet.
    Rosenkranz: "Dieser Kombieffekt, den sehen wir im Grunde nicht. Wir sehen ganz leichte Effekte bei der Flugaktivität durch eine Clothianidin-Behandlung, aber eben nicht das, was man erwarten würde von den Versuchen, die wir an Einzelbienen gemacht haben. Wo wir wissen, dass in geringsten Konzentrationen die Bienen nicht mehr so gut lernen, sich nicht gut orientieren können. Das finden wir auf der Ebene von so einem kleinen Volk nicht. Und wir interpretieren das eben so, dass in dieser Volksumgebung sich die Bienen anders verhalten, dass die solche Schäden, die vermutlich doch auch da sind, abpuffern können, dass die eben zumindest jetzt für uns nicht sichtbar werden."
    Will man also Beobachtungen an einzelnen Bienen auf das gesamte Volk übertragen, sind weitere Effekte zu berücksichtigen.
    Rosenkranz: "Das ist, was unsere Studie zeigt. Die zeigt nicht, dass Clothianidin ungefährlich ist. Die Toxizität ist da, und ich glaube, die Kombination macht es aus. Wir wollen ja sowieso nicht, dass das Volk stirbt, wir wollen aber doch auch wie beim Menschen auch einen gewissen Sicherheitsabstand haben. Und wir wissen bei diesen bienengiftigen Neonicotinoiden, dass dieser Sicherheitsabstand nicht allzu groß ist."
    Offenbar können Bienenvölker aber grundsätzlich mit den Mengen an Neonicotinoiden klarkommen, wie sie in der Landschaft zu finden sind. Sonst gäbe es viel mehr Berichte über Bienensterben, sagt Peter Rosenkranz.
    "Aber ich würde durchaus sagen, es gibt Anlass dazu genau hinzuschauen und sich sehr genau zu überlegen, wann und wo man wirklich diese bienengiftigen Wirkstoffe dann einsetzt."