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StartseiteKultur heuteDer Problem-Mensch11.05.2019

Biennale in VenedigDer Problem-Mensch

Die Musik-Performance "Sun & Sea (Marina)" wurde als bestes Kunstwerk bei der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die drei litauischen Künstlerinnen beschäftigen sich darin mit dem westlichen Freizeitverhalten. Der Deutsche Pavillon ging leer aus.

Von Carsten Probst

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Blick von oben auf den künstlichen Strand, der die Kulisse für die Opern-Performance "Sun & Sea (Marina)" bildet.  (Andrej Vasilenko,  sunandsea.lt)
Die Opern-Performance «Sun & Sea (Marina)» auf einem künstlichen Strand im litauischen Pavillion. (Andrej Vasilenko, sunandsea.lt)
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Eine "Kritik an der Freizeit und an unserer Zeit" will die Oper "Sun & Sea (Marina)" von Rugile Barzdziukaite, Vaiva Grainyte und Lina Lapelyte sein. Das Künsterlinnen-Trio repräsentiert bei der Kunst-Biennale in Venedig Litauen und wurde zur Eröffnung der Kunstschau mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Sie zeigen ein Strand-Setting mit mehr als zwanzig Akteuren in bunten Badeklamotten auf Handtüchern, das von Performance-Sequenzen begleitet wird, bei denen die Darsteller miteinander reden oder vor allem zu summen und zu singen beginnen. Alltagsgespräche über Sonnenbrände, Zukunftspläne und das Leben zuhause wechseln mit Themen aus den Nachrichten, die weltweit kursieren - von Terrorismus bis zu Umweltschäden.

Das Opernhafte der Aufführung distanziert den Betrachter, es macht die Szenerie surreal, in der der Strand eindeutig Metapher für die europäische Wohlstandsgesellschaft ist, deren "Freizeit" in einer absurden Form von Weltflucht besteht. Alle großen Fragen der Gegenwart liegen sozusagen auf dem Tisch, aber sie rangieren eher unterhalb der kleinen Alltagssorgen und berühren eigentlich niemanden wirklich, wäre ja auch furchtbar, sich dadurch den Urlaub verderben zu lassen. Ein Bild für die europäische Mentalität der Gegenwart und auch ein wenig natürlich für die ritualisierte Art der Kunstrezeption auf dieser Biennale.

Neue statt der etablierten Namen bestätigen

Die Jury schaute vermutlich bei Ihrer Wahl auf eine gewisse Durchlässigkeit der Genres, so wie auch schon vor zwei Jahren mit der Wahl des deutschen Pavillons, wo auch ein performativ-installatives Setting mit Musik und Tanz das Rennen gemacht hat. Es geht nebenbei sicher auch darum, nicht die schon etablierten Namen auf dem Kunstmarkt zu bestätigen. Laure Prouvost im Französischen Pavillon wurde auch als Favoritin gehandelt, aber sie ist als Turner Prize-Gewinnerin natürlich längst etabliert. Ebenso Ghana, mit einer grandiosen Ausstellung, aber eben auch mit einigen bereits bestens eingeführten Künstlerinnen und Künstlern.

Es hat stärkere Positionen als die von Rugile Barzdziukaite, Vaiva Grainyte und Lina Lapelyte in den Nationenpavillons gegeben, aber der litauische Pavillon ist in jedem Fall einer der auffälligsten auf dieser Biennale, und jede Jury möchte mit ihrer Entscheidung erkennbar auch ein eigenes Statement zur Weltlage abgeben und nicht nur die möglichen Erwartungen der Kritikerinnen und Kritiker bestätigen.

Stereotype über Schwarze in amerikanischen Medien

Ausgezeichnet wurde außerdem der afroamerikanische Filmemacher Arthur Jafa für "The White Album". Auch hier gilt: Es gibt stärkere Arbeiten in der Hauptausstellung, auch unter den jüngeren Künstlerinnen und Künstlern, aber Jafas Video hat eine Klarheit und Wucht in der Formensprache und in der Botschaft, die die Jury offenkundig unterstützen wollte. Jafa arbeitet wie ein DJ mit Medienbildern zu Rap und anderer Musik, mit sorgfältig orchestrierter Emotionalisierung von vorgefundenem Bildmaterial. So hat er 2016 ein vielbeachtetes siebenminütiges Video über Stereotype über die Schwarzen in amerikanischen Medien veröffentlicht. "The White Album" fokussiert sich nun im Gegenzug in 40 Minuten direkt auf die mediale Inszenierung von "Whiteness". Das reicht von Situationen zum Fremdschämen, wenn eine weiße Frau zum Beispiel darüber schwadroniert, dass es ja niemanden gibt, der weiter entfernt von Rassismus wäre als sie, aber...", bis zu realem Horror, wenn eine Überwachungskamera indirekt den Amoklauf eines weißen Attentäters dokumentiert.

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