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Biete Berlin - suche Istanbul

Das Internet hat die Reisegewohnheiten vieler Menschen verändert. Wer will, kann heute bei wildfremden Leuten auf der Couch übernachten oder seine Wohnung mit anderen Reiselustigen tauschen. Erfahrungen aus Deutschland und der Türkei.

Von Susanne Arlt und Claudia van Laak |
    Flug Nummer PC 840 von Berlin-Schönefeld nach Istanbul, in einer halben Stunde soll es losgehen. Die Boeing 737 aus der türkischen Metropole ist gerade gelandet. Wir wissen: unsere Wohnungstauschpartner Ayse, Zekin und Yagmur Coskun müssten jetzt gleich die Gangway hinunterkommen.

    "Da, der mit dem Schal."

    Coskuns machen sich jetzt auf den Weg in eine für sie fremde Wohnung nach Berlin-Friedenau. In unsere. Wir machen uns auch auf den Weg in eine fremde Wohnung. Nach Istanbul. In ihre. Wir: Claudia van Laak, Eric Pawlitzky und unser Sohn Simon, 10 Jahre alt. Mittlerweile Tauschprofis – für uns ist es das sechste Mal, dass wir unsere Wohnung Fremden überlassen und dafür Unterschlupf erhalten in Paris, Barcelona, Lille, Reykjavik oder eben Istanbul.

    "Das ist eine ausgesprochen preiswerte Form des Reisens, man kommt viel näher an Land und Leute ran, man hat von Beginn an, bevor man losfährt, Kontakt zu Leuten in dem Land, man hat eine komplett eingerichtete Wohnung mit einer komplett eingerichteten Küche, man kann die Bildbände der Tauschpartner ansehen, man kann CDs hören."

    Die Haushaltshilfe unserer Tauschpartner hat uns die Tür geöffnet. Und sogar Essen vorbereitet: Kichererbsensuppe und Börek - Blätterteig mit Schafskäse.

    "Ich kaue noch und genieße den Blick auf den Bosporus. Zum ersten Mal in meinem Leben."

    Der Blick aus den großen Fenstern der Neubauwohnung im asiatischen Teil Istanbuls ist wirklich atemberaubend: Containerschiffe und Fähren ziehen vorbei, gegenüber auf dem europäischen Ufer die Silhouetten von Hagia Sophia und Blauer Moschee.

    "Also da sind Kräne, die die Container von den Schiffen verladen und eine Wasserpromenade mit Steinen, ganz viele Hochhäuser, und dann sehe ich auf der anderen Seite die Küste mit Hochhäusern und Moscheen und da fahren Schiffe auf dem Wasser, ich sehe einen kleinen Leuchtturm, ja, und ein paar Bäume."

    Simon ist das schwer geplagte Kind reisefreudiger Eltern. Wenn es nach ihm ginge, bliebe er in seinem Zimmer in Berlin-Friedenau und spielte Tag und Nacht mit Lego. Doch auch Yagmurs Reich in Istanbul hat seinen Reiz – unser Sohn findet es jedenfalls besser als ein Hotelzimmer.

    "Weils hier Instrumente gibt und Sachen, die's in Hotels nicht gibt. Spielzeug, Revolver und Playmobil."

    Außerdem große Stapel Asterix- und- Obelix- Comics auf Türkisch, Englisch, Deutsch und das bei allen zehnjährigen Jungs begehrte Star-Wars-Laserschwert. Simon ist versöhnt mit seinen Eltern. Und mit Istanbul.

    Ich stöbere erst einmal in der fremden Küche auf der Suche nach Kaffee. Ayse Coskun hat uns einen Brief hinterlassen. Wir sollen auf jeden Fall den türkischen Mokka probieren und die dazu passende Kaffeemaschine.

    "Sieht nicht aus wie eine Espressomaschine. Weißt Du, was sein kann, dass man den Kaffee und das Wasser zusammen in diesen Becher tut. Und dann kocht man das irgendwie auf. Jetzt drück ich mal auf den Knopf."

    Mit der goldenen Mokkatasse in der Hand streifen wir durch die Neubauwohnung mit den alten Möbeln. Die Bibliothek von Soziologieprofessor Zeki Coskun , das Schlafzimmer – ebenfalls mit Bosporus-Blick, das große Wohn- und Esszimmer mit dem Klavier von Yagmur, ein extra Hauswirtschaftsraum. Wir haben sogar Geschenke bekommen. Der Wohnungstausch scheint Coskuns eine Herzensangelegenheit zu sein – oder ist das einfach Ausdruck türkischer Gastfreundschaft?

    "Seid Ihr sicher, dass das für mich ist? Oh Alter, die ist aber schön."

    Eine goldene Teekanne. Ein ganzer Apfel in Schokolade und ein rotes Notizbuch.

    Berlin ist grau. Temperaturen um die null Grad, ein eisiger Wind. Istanbul dagegen: blauer Himmel, Sonne. Nichts wie raus, unser Stadtviertel Moda erkunden. Vorher müssen wir allerdings noch ein kleineres Problem lösen. Wie funktionieren eigentlich Alarmanlage und Schlösser?

    "Ah, das ist der blanke Metallschlüssel. Und dann muss man rausgehen, zuschließen und vorher die Alarmanlage scharf schalten und dann hat man 20 Sekunden zum Zuschließen und Rausgehen. Nur 20 Sekunden? Also alle anziehen, Schuhe an und dann ab geht´s."

    Über jeder Wohnungstür blinkt eine Alarmanlage, Läden und Wohnungen im Erdgeschoss sind alle vergittert. Wird hier so oft eingebrochen? Oder haben Istanbuler ein anderes Sicherheitsbedürfnis als Berliner?

    2.000 Kilometer weiter nordwestlich. In der Wohnung der deutschen Tauschpartner sitzen Yagmur und seine Mutter Ayse entspannt auf dem Sofa. Das neue Zuhause der Familie Coskun liegt im Erdgeschoss in Berlin-Friedenau. Die großen Fenster zur Straße hin sind unvergittert, eine Alarmanlage gibt es auch nicht. Unsicher fühlen wir uns hier trotzdem nicht, sagt Yagmur. Der Fünfzehnjährige spielt auf Simons Gitarre, ein altes türkisches Volksliedlied, es geht um den Schmerz einer unerfüllten Liebe.

    Vater Zekin hat sich nach dem Frühstück ins Arbeitszimmer zurückgezogen. Mutter Ayse blättert in einem Buch, das auf ihrem Schoß liegt: der kaukasische Kreidekreis von Bertold Brecht.

    "Auch wenn ich keine Zeit habe, es in aller Ruhe zu lesen, macht es mich doch glücklich, diese vielen Bücher hier in der Wohnung zu sehen. Oder den Bildband von Cezannes, der auf dem Nachttisch neben meinem Bett liegt. Denn das zeigt mir, dass wir viele Dinge mit dieser Familie gemein haben – obwohl wir uns ja gar nicht kennen. Und auch wenn dieses Haus ganz anders eingerichtet ist als unsere Wohnung in Istanbul fühle ich mich sehr wohl."

    Ayse lehnt sich zufrieden in das weiche Polster zurück. Noch nie hatte sie in einem Urlaub so viel Platz, sagt sie und streckt beide Arme aus. Nach ihren Streifzügen durch Berlin kann sich die Familie auf insgesamt 130 Quadratmetern ausreichend ausruhen. Das sei noch viel besser als eine Hotelsuite, sagt Yagmur. In der Altbauwohnung lebe es sich viel freier, findet der junge Mann mit dem schmalen Gesicht.

    "Ich finde das total besser als im Hotel. Es gibt keine feste Regel wie im Hotel. Du darfst das nicht machen, du darfst das machen. Hier bist du eigentlich zuhause, aber du bist auch in Deutschland, in einer fremden Atmosphäre. Man kann die Kultur, also die Atmosphäre viel mehr … also du bist gerade in der Atmosphäre. Du siehst alles, du bemerkst alles, ach das gibt es auch, das gibt es auch."

    Seit anderthalb Jahren geht der Fünfzehnjährige auf die deutsche Schule in Istanbul. Doch der Familienurlaub in der deutschen Hauptstadt war eigentlich nicht geplant. Die NSU-Morde, die Brandanschläge in Mölln und Solingen. Keine Ereignisse, die uns wirklich Lust auf Deutschland gemacht haben, erzählt Ayse achselzuckend. Als sie sich zum ersten Mal im Internet auf die Suche nach einem Wohnungstauschpartner gemacht hat, war ihr Ziel eigentlich Wien. Doch Offerten kamen vor allem aus Deutschland. Ein bisschen unwohl sei ihr anfangs schon zumute gewesen, verrät Ayse. Fremde Menschen, noch dazu Deutsche in der eigenen Wohnung? Doch die vielen freundlichen E-Mail-Kontakte haben sie schnell überzeugt.

    "Die Familien, mit denen wir in Kontakt standen, waren Uniprofessoren, so wie mein Ehemann, Künstler, Intellektuelle eben, Maler, Musiker, Schauspieler und Schauspielerinnen, Architekten. Also sehr gebildete, nette Leute. Da hatte ich irgendwie das Gefühl, ich besuche gute Freunde in einem fremden Haus."

    Eine neue, interessante Erfahrung, findet Ayse: Über solch einen Wohnungstausch kommt man sich näher, ohne sich näherzukommen.

    "Wenn du magst, dann zeige ich dir die Wohnung, zuerst die Küche, das ist eine schöne Küche, nur, und darüber war ich erst erstaunt, aber das scheint hier in Deutschland normal zu sein, der Kühlschrank ist so klein. Also ich habe mich schon gefragt, was Claudia hier so rein bekommt."

    Der Kühlschrank hat drei Fächer, zwei zusätzliche für das Obst und Gemüse, in der Tür stehen die Flaschen. Kein Stauraum? Ayse nickt heftig, die dunklen Locken wippen auf und ab. In der Türkei essen wir Unmengen Obst und Gemüse, erzählt sie und zeigt auf das untere Fach. Wie soll ich denn da eine Wassermelone hineinbekommen, sagt sie und grinst. Dann greift sie ins oberste Fach, fischt eine Packung Speck heraus. Dabei hatte Claudia vor der Abreise alles Essbare mit Schweinefleisch weggeräumt. Aus Rücksicht vor der muslimischen Kultur. Ayse findet das sehr höflich.

    "Aber ich liebe Schwein, Schwein. Hmm, das schmeckt lecker, ist zwar nicht so gesund, aber ich mag einfach Schwein. In Istanbul ist Speck unwahrscheinlich teuer, weil es ihn nur selten zu kaufen gibt. So habe ich uns also gleich drei Packungen Frühstücksspeck gekauft."

    Ayse sieht sich in ihrer Tauschküche um. An der Wand hängen Kochutensilien: ein Bratenwender, eine Suppenkelle, ein Teigschaber. Auf dem Küchentisch steht eine kleine Espressomaschine. Wir Türken trinken lieber Tee, sagt sie. Aber sonst? Alles so wie in unserer türkischen Einbauküche. Außer…

    "…ja, außer diesem."

    Sagt sie, grinst wieder von einem Ohr zum anderen und zeigt dabei auf den Kühlschrank. Und noch etwas vermisst sie.

    "Also ich hätte gerne ein großes Fenster hier, am besten mit dem Blick auf Marmara Sea."

    Raus aus dem Haus, die Straße kreuzen, dann ein paar Treppen abwärts zur Bosporus-Promenade. Simon fotografiert die Katzen, die sich auf der Steinbrüstung sonnen, klettert auf die Wellenbrecher, lässt sich nass spritzen.

    "Da drüben spritzt es schön, noch eine Welle."

    Ein kleiner Spaziergang vor zum Hafen von Kadiköy, vorbei an Schuhputzern, Blumenhändlerinnen und Dönerverkäufern. Hier kommen nur Salat und Fleisch in den Brotfladen, "Döner mit allem" scheint eine Berliner Erfindung zu sein.

    Neben der Moschee, ebenfalls direkt am Bosporus-Ufer, ein imposantes neoklassizistisches Gebäude, das genauso gut in der deutschen Hauptstadt stehen könnte. Wahrlich, der Kopfbahnhof Haydarpascha wurde 1906 von deutschen Architekten entworfen – als Ausgangspunkt der Bagdadbahn, mit der Kaiser Wilhelm der Zweite das Osmanische Reich durchqueren und Arabien erschließen wollte.

    Kadiköy und Moda, zwei aufstrebende Bezirke im asiatischen Teil der 13-Millionen-Stadt Istanbul. Eingeklemmt zwischen modernen, mehrgeschossigen Gebäuden einige wenige historische Häuser mit Holzbalkonen. Sie scheinen leergezogen, stehen offensichtlich kurz vor dem Abriss.

    Wir fahren eine Runde Straßenbahn - in knallroten Wagen aus dem thüringischen Gotha, Baujahr 1958. Vom Hafen in Kadiköy weiter zum Basar, durch die Fußgängerzone, vorbei am Nazim-Hikmet-Kulturzentrum wieder nach Moda. Immer im Kreis, für einen Euro pro Person. Eine entspannte Tour fast im Schritttempo, neben dem Fahrer steht das obligatorische Glas mit schwarzem türkischem Tee.

    Straßenmusik in Istanbul - Stille in Berlin-Friedenau. Diese Ruhe ist Ayse bei ihren Streifzügen durch den Berliner Kiez sofort aufgefallen. Sie läuft ein paar Schritte, bleibt dann vor einem imposanten Haus aus der Gründerzeit stehen, schaut nach oben. Ihr gefallen die Verzierungen an der Fassade, die verschnörkelten Balkongitter aus Eisen. Wunderschön, sagt sie leise.

    "Wenn ich mich hier umschaue, solche wunderschönen alten Gebäude wie hier, die siehst du heutzutage kaum noch in Istanbul. Unsere Stadtväter haben sie in den letzten Jahren einfach abgerissen, um dort Neubauten zu errichten. Das ist doch eine Schande! Istanbul ist ein Schatz, keine Frage, aber Istanbul ist auch wie eine Prostituierte. Sie ist zwar noch immer schön, aber sie wird immer hässlicher, weil jeder sie nur benutzt. Der Staat bei uns kümmert sich einen Dreck um die Stadtplanung. Jeder, der schon einmal in einer fremden Stadt war, der hat doch auch Jahre später noch einen Eindruck von ihr. Aber all die schönen Erinnerungen, die ich an Istanbul habe, die gehen immer mehr verloren."

    In Berlin-Friedenau reiht sich Gründerzeit an Jugendstil. Dass man in Berlin Altes bewahrt und nicht nur Neues wie am Potsdamer Platz aus dem Boden stampft, findet Ayse gut und wirft einen neugierigen Blick in eine hell erleuchtete Wohnung.

    "That´s lovely!"

    Zu sehen sind ein schwerer Kristallleuchter, antike Möbel, ein großer LCD-Fernseher hängt an der Wand. Ayse wirft gerne einen Blick in fremde Fenster, das mache sie auch in Istanbul. Eine Wohnung verrät schließlich etwas über den Menschen, der darin lebt, glaubt sie. Nur eines gefällt ihr hier nicht so sehr: dass schon abends um 18 Uhr keine Menschenseele mehr auf der Straße ist. Sie läuft ein paar Schritte weiter, bleibt vor einer Kneipe stehen. Draußen hängt ein Schild von Hertha-BSC. Drinnen läuft der Fernseher, überträgt gerade ein Fußballspiel. Fußballgucken ist auch in der Türkei ein solidarischer Akt unter Männern.

    "Alle sitzen draußen, viele trinken dabei ein Bier, mein Mann macht das auch, ich aber nicht."

    Berlin-Friedenau. Ganz anders und manchmal doch vertraut. Lernt man durch einen Wohnungstausch ein Land besser kennen und verstehen als in einem Pauschalurlaub? Ayse lächelt, nickt und sagt dann: Auch wenn sie Claudia, Eric und Simon nicht persönlich getroffen hat, glaubt sie doch, die drei jetzt schon ein bisschen zu kennen. Und damit vielleicht auch die Deutschen ein bisschen besser zu verstehen.

    "In einem Hotel hast du doch keine Chance, mitzukriegen, wie die Deutschen so ticken. Da hast du mehr Glück, wenn du ein home-exchange machst. Obwohl ich erst ein paar Tage hier bin, mag ich diese Nachbarschaft. Wenn wir in Berlin unterwegs sind, dann sage ich zu meinem Mann, komm lass uns nach Hause fahren. Unser Haus? Na ja, dass ich das so empfinde, liegt ganz sicher auch an dem Lebensstil von Claudia und Eric, das ähnelt nämlich unserem. Die Sicht auf das Leben und welche Werte du hast. Das ist doch schön zu wissen!"