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Big Brother was watching Orwell

Der von Kritikern von Online-Durchsuchungen und Bundestrojanern gefürchtete Überwachungsstaat ist in Kinofilmen und Büchern längst Realität. Und passend dazu wurde heute auch noch bekannt, dass selbst derjenige jahrelang vom britischen Geheimdienst überwacht wurde, dem wir die Vision vom Großen Bruder verdanken, George Orwell.

Von Burkhard Müller-Ullrich |
    Der Große Bruder, den George Orwell erfand, ist etwas anderes als die Polizei eines so liberalen Staatswesens wie Großbritannien. Aber wo da genau die Grenze verläuft zwischen Totalitarismus und Sicherheitspolitik - das ist nicht immer klar. Scotland Yard hat jedenfalls den wohl berühmtesten Warner vor einem Überwachungsstaat, den Autor des dystopischen Romans "1984", selbst gründlich überwacht.

    Eric Arthur Blair, der sich als Schriftsteller George Orwell nannte, war dem englischen Geheimdienst lange Zeit suspekt. Schon Ende der zwanziger Jahre legte die Behörde eine Akte an, in der säuberlich verzeichnet wurde, dass der Betreffende für das sozialistische Blatt "Workers' Life" als Korrespondent in Paris arbeitete, und bald darauf auch noch für den "Daily Herald" und den "Daily Express". Er hatte etwas Wüstes in seinem Gehabe und schlug sich fast ohne Geld durchs Leben; in Paris lebte er zeitweilig wie ein Clochard unter Brücken - eine Erfahrung, aus der er sein erstes Buch, die Obdachlosen-Reportage "Down and Out in Paris and London", machen sollte.

    Als die erschien, 1933, war er zurück in England und half gelegentlich in der Buchhandlung eines linksintellektuellen Freundes namens Francis Westrope aus. Dessen Buchladen lag im nördlichen Londoner Vorort Hampstead, ausgerechnet da, wo auch Karl Marx begraben ist, und ab und zu kamen Spitzel vom MI5 vorbei und notierten, dass Orwell mitunter sogar Westrope im Laden vertrat. Aber kommunistische Unterwanderung sieht anders aus. Auch eine Reise, die er auf Anregung des sozialdemokratischen Verlegers Gollancz in den Norden des Landes, nach Lancashire, unternahm, um über die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu schreiben, entging nicht der Aufmerksamkeit der Polizei, aber von verbotenen politischen Aktivitäten keine Spur.

    In der Tat zeigt sich an den jetzt vom britischen Staatsarchiv freigegebenen Dokumenten des Geheimdienstes wieder einmal die altbekannte Paarung von Eifer und Einfalt bei der Spitzelei. Manchmal rangen höhere Beamte förmlich die Hände wegen der offenbaren Fehleinschätzungen ihrer allzu fleißigen Untergebenen. Da berichtete ein Sergeant Ewing beispielsweise im Januar 1942, Orwell habe kommunistische Ansichten und außerdem werde behauptet, dass er oft an kommunistischen Veranstaltungen teilnehme. Und schließlich setzte der Sergeant wie zum Beweis, dass jeder Verdacht angebracht ist, hinzu, Orwell kleide sich "in bohemian fashion", und zwar sowohl bei Arbeit als auch in der Freizeit. Wahrhaftig, das war unter den Anzugträgern bei der BBC unüblich, denn dort war Orwell während des Krieges angestellt, als Leiter des indischen Dienstes im Middle East Department. Immerhin tat ein höherer Officer den Bericht dieses Sergeants mit der Bemerkung ab, aus Orwells jüngsten Schriften gehe deutlich hervor, dass er mit der Kommunistischen Partei nichts zu tun habe und sie nichts mit ihm. Auch dieser Vermerk findet sich in den Akten.

    Die Entdeckung der Bespitzelungsdokumente über Orwell ist aber nur halb so prickelnd wie jene Sensation, die vor elf Jahren als Licht kam, als man erfuhr, dass Orwell sogar selbst für den britischen Geheimdienst gearbeitet hatte. 1949, ein Jahr vor seinem Tod, hatte er eine Liste von Leuten, die er für Kryptokommunisten hielt, aufgestellt.

    Die Aufregung darüber war beträchtlich: Orwell als Spitzel, der große Warner vor dem Überwachungsstaat als dessen inoffizieller Mitarbeiter. Inoffiziell deswegen, weil er es einer schönen Frau zuliebe tat; ihre Zwillingsschwester war übrigens mit Arthur Koestler verheiratet. Sie arbeitete beim IRD, dem Ende der siebziger Jahre aufgelösten "Information Research Department", einer antikommunistischen Propagandaabteilung des Foreign Office.

    Orwell lieferte zwei Listen: auf der einen standen Namen von seines Erachtens verlässlichen Mitarbeitern für das IRD, auf der anderen die Namen von solchen Personen, denen nicht zu trauen sei: zum Beispiel Edgar Snow, Stephen Spender, John Steinbeck, George Bernard Shaw und Charlie Chaplin.