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StartseiteBücher für junge LeserEine nervtötende Innovation24.01.2015

Bilderbuch-App-Kombination LeYo Eine nervtötende Innovation

Mit dem LeYo-System hat der Carlsen Verlag mehrere je 16 Seiten starke Bilderbücher herausgebracht, die sprechen können. Die Rolle des 'Sprechorgans' wird - in Kombination mit einer App - von einem Smartphone übernommen. Allerdings überzeugt die Umsetzung weder inhaltlich noch technisch.

Von Felix Florian Weyh

Weiterführende Information

Streichelzoo fürs Smartphone
(Deutschlandfunk, Corso, 21.03.2013)

Sobald man entdeckt hat, wo der Kehlkopf des Buches sitzt, sind sprechende Bücher eigentlich nichts Verwunderliches mehr. Seit Jahren gibt es Bildbände mit Geräuschkulisse, die direkt aus dem Buch kommt; beliebt sind dabei Tierlaute und Vogelstimmen. Die ins Buch integrierten Behelfsmembrane quäken freilich mehr, als angenehm zu tönen. Lange sah deswegen das Mischlingswesen des sprechendes Buches mit eigenem Kehlkopf wie eine evolutionäre Sackgasse aus. Dann kam Ravensburger – ausgerechnet in dem Moment, da sich Apple anschickte, die Buchbranche mit dem iPad umzupflügen – und verdiente sich dumm und dämlich mit dem Tiptoi-System. Bei ihm ruht der Kehlkopf des Buches in der Hand des kindlichen Lesers – eine knallorange elektrische Möhre, die einen kleinen, immer noch ziemlich scheppernden Lautsprecher besitzt. Mit dieser Lesemöhre fährt man über die Pappseiten der Tiptoi-Bücher, und an bestimmten Stellen gibt es dann etwas zu hören.

Das allerdings war nicht des Buchkehlkopfs letzter Schluss – denn nun, mit Carlsens LeYo-System, wandert der Sprechapparat zum Smartphone oder Tablet hinüber. Smartphones sind Hochleistungscomputer; in vielen Haushalten haben sie längst die Stereoanlage abgelöst. Man darf also mit Fug und Recht erwarten, dass ein Buch, dem das Smartphone als Kehlkopf dient, reinste CD-Qualität liefert:

"Also: Ich gehe jetzt zum Oktoberfest, einen Liter Bier trinken und eine Salzbretzel essen. Oh je! Meine Lederhose spannt etwas. Hoffentlich kneift die nicht beim Schuhplattler."

Jetzt kommt es darauf an, liebe Hörerinnen und Hörer, wo Sie diesen dadaistischen Text aus dem LeYo-Atlas gerade gehört haben: Im Autoradio wird es Ihnen wegen der Umgebungsgeräusche weniger auffallen, als wenn sie einen Kopfhörer tragen, dass dieses akustische Zitat mono und hoch komprimiert daherkam. Ein geschultes Ohr hört indes sogar die digitalen Artefakte heraus. Dies ist der erste, verblüffende Effekt, wenn man den Buch-Maschinen-Hybrid LeYo ausprobiert: Man erlebt, wie sein Smartphone (in dem Fall ein iPhone 6) akustisch kastriert wird. Während man von Ravensburgers Tiptoi diesbezüglich wenig erwartet – niemand baut Hochleistungselektronik in eine elektrische Möhre für 20 Euro ein –, erscheint das angesichts des Leistungsvermögens von Smartphones und Tablets schwer nachvollziehbar. Doch bei dieser technisch induzierten Verblüffung bleibt es nicht: Der LeYo gibt auch inhaltlich Verstörendes von sich:

"Die Vereinigten Staaten von Amerika, kurz USA, sind der drittgrößte Staat. Kanzlerin Angela Merkel, ihr Vorgänger Gerhard Schröder und zwei weitere Deutsche. Kanada ist das zweitgrößte Land der Welt."

Das ist natürlich nicht im Sinne der Autoren, sondern eine Folge ganz normaler Nutzung einer ... sagen wir mal bizarren Technologie, die hier nordamerikanische Geografie kunterbunt mit Angela Merkel zusammenmixt. Ein systembedingter Fehler.

Sinnfreie Kakofonie

Denn was tut man mit den LeYo-Pappbilderbüchern? Man installiert auf seinem Smartphone oder Tablet eine Gratis-App und visiert dann mit der Kamerafunktion die aufgeschlagene Buchseite an. Die App erkennt das Buch und blendet auf dem Bildschirm eine zweite Folie der Seite ein. Einzelne gezeichnete Details überlagern das Bild und ermöglichen bescheidene Bewegungseffekte wie ein abfliegendes Flugzeug oder eine hüpfende Katze. Bewegen tut sich auf der starren Buchseite natürlich nichts; der Effekt entsteht durch Überlagerung beider Bildebenen nur auf dem Bildschirm. Ansonsten dient ein kleiner grüner Kreis als Kimme und Korn, mit denen man jene Seitenbereiche anzielt, die etwas zu sagen haben. Unweigerlich passiert irgendwann Folgendes:

"Hier erkennst du einen Wal, einen Kondor und einen Kolibri. Ihre Umrisse. Und so sieht es aus ... Also wenn du mich fragst ... Also wenn du mich fragst, der malaysische Tapir sieht aus, als wenn er mit dem Tapir verwandt wäre."

Das System ist bewegungsempfindlich. Sitzt ein Kind nicht still oder zittert seine Hand ein bisschen, dann schweift der grüne Punkt über die Seite und erzeugt eine sinnfreie Kakofonie. LeYo ist, sagen wir's offen, eine nervtötende Innovation. Im Gegensatz zu Bilderbuch-Apps wird hier nicht die Stärke der neuen Technologie genutzt, sondern ein unsinniger Weg beschritten. Während bei Apps Kinder noch haptisch beschäftigt sind, müssen sie bei LeYo lediglich optisch manövrieren und nehmen das Buch nur noch durch die Kameralinse wahr. Da dies insgesamt schlecht klappt, müssen die Eltern durchaus um ihre teuren Gadgets fürchten: Wer garantiert, dass frustrierte Kids nicht das Smartphone wütend in die Ecke feuern? Auch inhaltlich wird mit der neuen Methode wenig gewonnen. Klingt im Fließtext des Märchen-LeYo, der im Buch auch abgedruckt steht, die Geschichte einmal so:

"Es war einmal ein Esel, der war alt geworden, und der Müller wollte ihn schlachten lassen."

Wiederholt sie sich, springt man mit dem Kreisvisier von Station zu Station, nur etwas aufgeblähter:

"Es war einmal ein Esel, der viele Jahre fleißig die Säcke zur Mühle getragen hatte. Nun war er alt und konnte nicht mehr arbeiten. Da merkte er, dass der Müller ihn schlachten wollte."

Ein zwingender Grund für die Dopplung ist ebenso wenig erkennbar wie ein nachvollziehbares dramaturgisches Medienkonzept insgesamt. Der zwingende Grunde, diese Innovation mit großem Ballyhoo in den Markt zu drücken, liegt allein im Markt selbst: Mit Apps können Verlage kein Geld verdienen. Die Preise haben sich so schlecht entwickelt, dass nur international gängige Massenware ihre Herstellungskosten wieder einspielt. 16-seitige LeYo-Pappen kosten dagegen pro Band 20 Euro, und Ravensburger hat beim Tiptoi verlockend vorgemacht, wie man diesen Zwischenmarkt aus Buch und Elektronik erfolgreich bedient. Allein: Für den Tiptoi braucht man kein Smartphone, und die billige elektrische Möhre überlässt man Kindern bedenkenlos. Wer Smartphone oder Tablet besitzt, kann darauf gleich hochwertige Apps laufen lassen und erhält für weniger Geld mehr. Im Kapitalismus gilt ein unhintergehbares Marktgesetz: Produkte müssen dem Kunden Nutzen bringen; die Bedürfnisse des Herstellers, etwa nach kostendeckenden Preisen, spielen keine Rolle. Sprechende Bücher à la LeYo erfüllen keine erkennbaren Bedürfnisse. Darum empfiehlt der Tester die Kehlkopfamputation: Lesen Sie Bücher weiter stumm – oder kaufen Sie eine gute App. Gerne auch von Carlsen, die "3 Schweinchen" etwa.
!!Volker Präkelt / Yayo Kawamura: "Mein Atlas"


Ingmar Wendland / Nina Dulleck: "Mein großer Märchenschatz" 
Carlsen Verlag, je 16 Pappseiten, je 19,99 Euro 
(Die Bücher setzen den Besitz eines Smartphones oder Tablets voraus)

 

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