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StartseiteKultur heuteBildmeisterschaft19.06.2010

Bildmeisterschaft

Zur FIFA-Fußball-WM zeigt das Museum Ulm zeitgenössische Fotografie aus Südafrika

Bilder aus Afrika sind selten Bilder, die Afrikaner gemacht haben. Es braucht schon Anlässe wie eine Fußball-WM, um Gegenbilder zu den weltweit zirkulierenden Medienmustern aufzutun. In Ulm werden solche Bilder nun gezeigt: "Südafrikanische Fotografie von 1950 bis heute" zeigt ein Panorama vielfältiger Lebenswelten.

Von Christian Gampert

Kinder spielen Fußball in Soweto. 1976 wurde hier ein Zwölfjähriger von der Polizei erschossen.  (AP)
Kinder spielen Fußball in Soweto. 1976 wurde hier ein Zwölfjähriger von der Polizei erschossen. (AP)

Vor ziemlich genau 34 Jahren, am 16.Juni.1976, wurde in Soweto beim Orlando Stadium der Zwölfjährige Schüler Hector Pieterson von der Polizei erschossen. Er hatte mit vielen anderen gegen die von der Regierung oktroyierte Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache demonstriert.

Die Bilder des sterbenden Kindes gingen damals um die Welt – sie waren von dem Fotografen Sam Nzima, der sie unter Lebensgefahr gemacht hatte, außer Landes geschmuggelt worden. Vor einer Woche sang im Orlando-Stadium nun Shakira ihren Song "Waka Waka", beim Eröffnungskonzert der Fußball-WM; das ist der Fortschritt. Inmitten der weltweiten TV-Umtriebigkeit erinnert jetzt aber eine stille Ausstellung im Ulmer Stadthaus an die Geschichte Südafrikas, und sie ist ein Triumph der dokumentarischen Fotografie über die laute Medienmaschine. Die meisten Exponate stammen aus dem Archiv der Zeitschrift "The African Drum", eine Illustrierte von Schwarzen für Schwarze, die seit den 1950er-Jahren das Selbstbewusstsein der Farbigen stärkte – indem die als Autoren und Fotografen ihre Lebensumstände überhaupt thematisieren konnten.

Der Galerist Ralf-Peter Seippel hat die Negative ausgegraben und meist neu abziehen lassen – und so können wir, neben dem (weißen) Altmeister David Goldblatt, einige Größen des afrikanischen Dokumentarismus kennenlernen, die für ihre Arbeit oft teuer bezahlt und im Gefängnis gesessen haben.

Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie fast immer Autodidakten sind, dass sie aber, auf welchen Wegen auch immer, die lakonischen Kompositionsmuster mitbekommen haben müssen, die etwa von Walker Evans und Robert Frank ausgingen. Peter Mugabane, Bob Gosani und Alf Kumalo, so heißen die Protagonisten des südafrikanischen Fotowunders, erzählen vor allem in Portraits und Straßenszenen, wie es sich in der Rassentrennung lebt. In den 1950er-Jahren beginnt das eher vorsichtig, da spielen weiße und schwarze Kinder noch gemeinsam, farbige Mode-Models demonstrieren, dass auch sie schick sein wollen, ein schwarzes Mädchen trägt lächelnd ein "Anti-Apartheid-Kleid", und die Sängerin Miriam Makeba prangt auf dem "Drum"-Titelbild.

Dann aber werden die schwarzen Wohnviertel "umgesiedelt", und nun sieht man Körperkontrollen auf Gefängnisdächern, übermüdete Arbeiter in Bussen, die morgens und abends stundenlang zur Arbeit pendeln, Tristesse in den Slums, Demonstrationen gegen die repressiven Passgesetze, die die Bewegungsfreiheit limitierten, und schließlich das Massaker von Sharpeville 1960 und die Prozesse gegen Nelson Mandela.

Das Erstaunliche ist, dass all diese Fotos nichts Anklägerisches, sondern etwas nüchtern Konstatierendes haben, dass in all dem geknebelten Leben noch so etwas wie selbst gestalteter Alltag hervorlugt, beim Jazz, im Musical, beim Sport, erstaunlicherweise auch beim Frauenfußball. Parallel dazu zeigt der große David Goldblatt das weiße Südafrika, finstere Anhänger der National Party militärisch zu Pferde sitzend, das burgartig ausgebaute Geschäftsviertel von Johannesburg; aber Goldblatt, einer der wenigen progressiven weißen Einheimischen, dokumentiert eben auch Arbeiterwohnheime für Schwarze, die wie Gefängnisse wirken, die Depression in den Homelands und Beerdigungen von Demonstrations-Opfern.

Aus der Zeit des permanenten Kampfes (zwischen 1976 und 1994) gibt es berührende, ikonenhafte Bilder: der verprügelte, überall mit tiefen Hautrissen übersäte Schwarze, den Gille de Vlieg 1986 auf einer Krankenbahre abgelichtet hat, steht für eine ganze Gesellschaftsform. Paul Weinberg zeigt dagegen die weiße, tätowierte Unterschicht, die Angst hat vor der Mehrheit.

In einem abschließenden Kapitel wird die heutige, junge, konzeptuelle südafrikanische Fotografie vorgestellt: Jodie Bieber, die weibliche Schönheitsideale konterkariert, oder Pierre Crocquet, der etwas theatralisch verarmte Weiße auf dem Land inszeniert. Die besten Bilder sind auch hier die bescheidenen: Goldblatts Landschaftsfotos aus dem Busch, Bonile Bams weißgekalkte Initiations-Teilnehmer aus der Transkei, Andrew Tshabangas Street Photography aus den Slums. Im Gedächtnis aber bleibt vor allem George Halletts Doppelportrait aus der "Wahrheits- und Versöhnungskommission" von 1997: Täter und Opfer, die miteinander ins Gespräch kommen sollen. Da ist in Südafrika noch viel zu tun.

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