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Bildung
Der Boom der privaten Hochschulen in Afghanistan

Afghanistan hat eine der stärksten Geburtenraten weltweit. Viele Schulabgänger drängen an die Universitäten - zu viele: Die staatlichen Hochschulen können sie längst nicht mehr alle aufnehmen. Die Folge sind viele neue private Einrichtungen.

Von Martin Gerner | 15.04.2014
    Afghanische Studenten in Kabul bei der Abschlussfeier
    Afghanische Studenten in Kabul bei der Abschlussfeier (picture alliance / dpa / S. Sabawoon)
    "Ich habe drei Jahre in den USA studiert und gelebt, und zwei Jahre in Oxford, in England. Ich habe dort viel gelernt. Aber dieses starke Gefühl, lebendig zu sein, das habe ich dort nicht gehabt. Das habe ich nur in Afghanistan."
    Shahrzad war die erste Afghanin, die nach dem Sturz der Taliban in Oxford und einer US-Elite-Uni studiert hat. Aber vom ersten Tag an hat es sie zurückgezogen nach Kabul. In den Staub und den Gestank der Straßen. Mit drei Mitstreitern hat sie ein kleines Unternehmen gegründet. Und sie lehrt als freie Dozentin an einer der privaten Hochschulen. Jüngst hat sie dort über Gender-Theorien gesprochen.
    "In einer meiner Vorlesungen habe ich zu den Studenten gesagt: Nun stellt euch alle mit Vor- und Nachnamen vor, wenn ihr mögt. Denn das rührt an einem kulturellen Tabu. Es gibt eine Tradition, dass Frauen ihren vollen Namen nicht öffentlich aussprechen."
    An dem Tag diskutieren alle darüber, wie eine Frau sich in Afghanistan kleiden soll.
    Die Privat-Uni hat ihren Preis
    "Ich habe gesagt, es gibt mehrere Wege, den Islam zu interpretieren. Einige waren entrüstet und wollten die Diskussion an sich reißen. Andere haben gekontert und gesagt: Schaut! Ihr seid hier nicht die einzigen Muslime im Raum. Der Islam ist keine Religion, die einigen Wenigen gehört.
    Das war das Wichtige an unserer Diskussion: Dass wir offen gestritten haben."
    Die Privat-Uni, an der Shahrzad unterrichtet hat ihren Preis: 300 bis 600 US-Dollar pro Semester. Das können sich nur besser situierte Kabulis leisten. Geschätzte 50.000 bis 70.000 junge Männer und Frauen studieren zur Zeit an privaten Hochschulen. Die staatlichen Unis platzen aus allen Nähten. Enayat Ibrahimi, Politikwissenschaftler und Autor einer Recherche zum Thema:
    "An der staatlichen Kabuler Universität unterrichten rund 50 Prozent mit einem Bachelor-Abschluss. Ähnlich ist es an den privaten Instituten. Die Regularien sehen zwar einen Master vor. Aber das lässt sich nicht immer durchsetzen. Es fehlt an Masse."
    Mit riesigen Werbetafeln buhlen privaten Universitäten auf Kabuls Straßen um Aufmerksamkeit. Bunte Bilder mit lachenden jungen Leuten verheißen BAs, MAs, Doktorentiteln im In- und Ausland. Die privaten Unis sind zum Teil Gründungen politischer Bewegungen der Mujaheddin-Zeit, gewendete Kriegsfürsten, aber auch neureicher Unternehmer:
    Besseres Leben und Karriere-Chancen
    "Sie schauen nach ihrem ganz persönlichen Profit. Wenn es kein Gewinn für sie gibt, dann ist es ein Verlustgeschäft. Das untergräbt natürlich jegliche langfristige Planung für eine wissenschaftliche Einrichtung, die auf Jahre hinaus ausgerichtet sein sollte."
    Auch ehemalige Größen der Taliban-Bewegung gehören zur neuen Gründergeneration:
    "Vor allem konservative Familien schicken ihre Kinder an ein solches Institut. Sie möchten nicht, dass zum Beispiel ihre Töchter zusammen mit halbstarken Jungen in einem Seminar sitzen."
    Weil ein Studium im Ausland ein besseres Leben und Karriere-Chancen verheißt, streiten alle um die wenigen Auslands-Stipendien. Die Gefahr dabei: ein Braindrain. Denn aufgrund der angespannten Sicherheitslage kehren viele Stipendiaten nicht nach Afghanistan zurück.
    Lieber zu Hause in Afghanistan als Akademikerin in Europa
    "Sicher ist das ein Problem. Aber zugleich sehe ich die Entstehung einer neuen gebildeten Schicht. 5.000 afghanische Stipendiaten studieren zur Zeit in Indien. Weitere 15.000 in Pakistan, Iran und Europa. Selbst wenn Letztere nicht zurückkommen, werden sie durch eine neue Generation ersetzt, die in der Region studiert."
    Shahrzad hat privilegiert im Ausland studiert und ist zurückgekommen. Sie hofft, dass es ruhig bleibt:
    "Ich denke Bildung ist eine Errungenschaft. Höhere Bildung an Hochschulen. Das ist eine neue Kultur, eine positive Kultur. Aber angenommen die Dinge laufen schlecht. Das könnte bedeuten, dass ich zu Hause bleiben und von dort arbeiten muss. Aber ich würde lieber hier in Afghanistan in meinen eigenen vier Wänden eingeschlossen sein, als Akademikerin in Europa zu sein."