Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Bildung in Bayern
Acht oder neun Jahre Gymnasium?

G8 und G9 sollen künftig in Bayern parallel existieren. Ob und wann man den Schülern für den Unterrichtsstoff acht oder neun Jahre Zeit gibt, soll jede Schule selbst entscheiden. Der Bayerische Philologenverband kritisiert diese Entscheidung scharf: Damit lade die Landesregierung die bildungspolitische Verantwortung bei den Schulen ab.

Von Susanne Lettenbauer | 02.08.2016

    Gymnasiallehrerin Theresa Neudecker sitzt in einem Gymnasium in Straubing / Bayern vor einer Tafel mit der Aufschrift "G8" und "G9".
    Wie lang soll die Schulzeit dauern? Die Debatte um das "Turbo"-Abitur reißt nicht ab. (picture alliance / dpa)
    Fast anderthalb Stunden dauerte heute Mittag die Vorstellung des neuen Konzeptes durch Kultusminister Ludwig Spaenle. Immer wieder Nachfragen zur konkreten Umsetzung machten deutlich: Es ist kompliziert. Die Einführung des G8 sei in Bayern politisch suboptimal gelaufen, das gab der Kultusminister heute unumwunden zu.
    Grundsätzlich gehe man in Zukunft im Freistaat von einem einheitlichen Gymnasium aus, das heißt, Bayern bleibt grundsätzlich beim achtjährigen Gymnasium, aber:
    "Innerhalb dieses einheitlichen Rahmens mit einer Grundkonzeption wird es bei der langfristigen Lösung, Lernzeit zu organisieren, das einzelne Gymnasium vor Ort sein, das über dieses Lernzeitangebot konkret entscheidet."
    Soll heißen: Der jetzige wie auch der neue Lehrplan ab dem Schuljahr 2017/18 basiert auf einem achtjährigen Gymnasium. Ob und wann man den Schülerinnen und Schülern für den Unterrichtsstoff nun acht oder neun Jahre Zeit gibt, soll jede Schule selbst entscheiden. Wahrscheinlich läuft es auf eine eingeschobenes Lernjahr zwischen der Mittelstufe und Oberstufe heraus. Das heißt, nach der 10. Klasse bekämen die Schüler Zeit, um Lernstoff zu wiederholen. Man wolle gerade in der Unterstufe bis zur 7. Klasse nichts verändern, auch die zweite Fremdsprache beginnt wie bisher in der 6. Klasse. Ein vor allem bei Elternverbänden umstrittener Punkt.
    Schulen müssen sich für ein Modell entscheiden
    Klar ist aber: Eine Schule kann sich im Gegensatz zu früheren Vorschlägen nur für eine Variante entscheiden. Dass ein quasi G8 und G9 parallel an einer Schule angeboten wird, schließt Spaenle jetzt aus:
    "Der Satz alles für alle gedoppelt ist weder organisatorisch noch finanziell stemmbar. Das ist mit einem sehr hohen Aufwand verbunden und Einschränkungen führen zu Qualitätseinbußen. Qualitätseinbußen werden wir am bayerischen Gymnasium nicht hinnehmen."
    Deshalb dürfen die Schulen zwar autonom entscheiden, wann und ob sie künftig ein Jahr zusätzlich an ihren Häusern anbieten wollen, wie sie das gestalten, müssen sie jedoch vom Kultusministerium absegnen lassen. Der Präsident des Bayerischen Philologenverbandes schüttelt nur mit dem Kopf. Die neue Entscheidung helfe den Gymnasien nicht und bringe nur wieder Unruhe in die Klassenzimmer, so Max Schmidt:
    "Eine solche Lösung ist leider nicht organisierbar und finanzierbar. Das heißt also, dass sowohl die Schulen sagen, was sie wollen, dass der Staat sagt, was er will und dann auch die jungen Menschen sagen können, was sie wollen, und die Eltern auch, das ist nur ein Durcheinander. Das heißt, eigentlich brauchen wir etwas ganz anderes. Wir brauchen ein Gymnasium, das für die Mehrzahl der Leute gedacht ist. Die Mehrzahl der Leute will und braucht neun Jahre um zu reifen, um sich zu bilden, um eine Persönlichkeit zu werden, nicht, um Lehrinhalte reinzuknallen, braucht man einfach die notwendige Zeit."
    Philologenverband fordert Rückkehr zu G9
    Bayerns Kultusminister kann die Kritik nicht nachvollziehen. Man habe den Schulen jetzt viel Freiheit gegeben. Gemeinsam mit den Eltern, Lehrern und Schülern hätten die Gymnasien die Möglichkeit, eigenständig zu entscheiden.
    Beim Bayerischen Philologenverband sieht man das als Kapitulation vor einer Entscheidung. Die CSU lade ihre bildungspolitische Verantwortung bei den Schulen ab. Warum sei eine generelle Rückkehr zum G9 so kompliziert, fragt Schmidt. Wenn Schüler schneller seien, können man ihnen ja eine verkürzte Lernzeit anbieten, aber generell solle von einem neunjährigen Gymnasium ausgegangen werden.
    "Warum soll man nicht zum Halbjahr die Leute wechseln lassen in die nächsthöhere Jahrgangsstufe? Dann könnte man im ersten Halbjahr Zusatzkurse anbieten, dann wechseln sie. Auch da werden sie noch begleitet im Schuljahr."
    Absolut unverständlich findet Schmidt die Herauszögerung der Umsetzung des Konzeptes. Laut Spaenle startet das neue achtjährige Gymnasium erst 2018 und dann auch nur ab der 5. Klasse aufsteigend.