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StartseiteCampus & KarriereSozialer Hintergrund beeinflusst Studienabsicht30.06.2016

Bildungsungleichheit Sozialer Hintergrund beeinflusst Studienabsicht

Der jüngste Bildungsbericht der Bundesregierung zeigt: Abiturientinnen und Abiturienten aus bildungsfernen Schichten entscheiden sich immer noch seltener für ein Studium als ihre Mitschüler aus Akademikerfamilien. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat jetzt belegt, dass Informationsworkshops die soziale Schieflage beeinflussen können.

Von Christiane Habermalz

Schüler an einem Gymnasium sitzen nebeneinander auf einer Tischtennis-Platte.  (dpa/Frank Rumpenhorst)
Viele Jugendliche aus bildungsfernen Familien schrecken die befürchteten hohen Kosten eines Studiums ab. (dpa/Frank Rumpenhorst)

Noch immer entscheidet der soziale Hintergrund über den Bildungserfolg. Dies ist selbst bei Abiturientinnen und Abiturienten noch so: Jugendliche, deren Eltern selber nicht studiert haben, entscheiden sich seltener für ein Studium als ihre Klassenkameraden aus Akademikerhaushalten. Die Gründe dafür kann man im letzten Bildungsbericht der Bundesregierung nachlesen. Die meisten schrecken die befürchteten hohen Kosten eines Studiums ab, gekoppelt mit dem Wunsch, möglichst bald Geld zu verdienen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, des DIW, hat nun belegt, dass schon ein 23-minütiger Workshop in der Schule über Finanzierungsmöglichkeiten und Nutzen eines Studiums diese soziale Schieflage verringern kann.

"Wir sehen, dass wir bei den Nicht-Akademikerkindern tatsächlich zwei bis drei Monate später feststellen können, dass der Informationsworkshop die Studienabsicht tatsächlich um acht Prozentpunkte ansteigen lässt", erläutert Studienleiterin Katharina Spieß.

Info-Workshop überzeugt viele Jugendliche

Eine weitere Befragung kurz nach dem Abitur bestätigte diesen Trend: 76 Prozent der Jugendlichen aus Nicht-Akademikerfamilien, die an dem Info-Workshop teilgenommen hatten, bewarben sich tatsächlich um einen Studienplatz. Ohne Info-Veranstaltung waren es nur 64 Prozent. Die Wissenschaftler hatten in Berlin per Zufallsgenerator 27 Schulen ausgewählt, die in eher bildungsfernen Stadtteilen wie Neukölln oder Wedding lagen. Alle Schulformen, die zum Abitur führen, waren vertreten. In acht der Schulen wurde in der 11. bzw. 12. Klasse eine Infoveranstaltung durchgeführt, in der gezielt über Bafög und Studienkredite informiert wurde, aber auch der langfristige Nutzen eines Studiums aufgezeigt wurde: Unter anderem, dass Akademiker weniger häufig arbeitslos sind und im Schnitt mehr verdienen als Menschen in Ausbildungsberufen. 1500 Schülerinnen und Schüler wurden vor dem Workshop, zwei bis drei Monate danach und dann noch einmal nach dem Abitur nach ihren Studienabsichten befragt.

"Also es ist nicht so, dass wir jetzt, was auch ein immens hoher Effekt gewesen wäre, die dazu kriegen, von keiner Studienabsicht zu einer Studienabsicht, sondern was wir mit unserem Informationsworkshop erreichen können, ist der Effekt, dass, je näher sie an das Abitur kommen, werden Studienabsichten reduziert bzw. aufgegeben. Und diesen Effekt konnten wir genau mit unserem Informationsworkshop umdrehen. Die Wahrscheinlichkeit, die Studienabsicht aufzugeben, wird signifikant von uns gesenkt."

Jugendliche aus Nicht-Akademikerhaushalten fühlen sich schlecht informiert

Sollte es wirklich so leicht sein? Genügen 23 Minuten Informationen, um die Nachteile der sozialen Herkunft auszugleichen? Das Thema ist komplexer, räumten die Wissenschaftler ein. Soziale Bildungsungleichheit durchlaufe als Hürde viele Stufen im Bildungssystem – vom Kindergarten zum Abitur. Man müsse natürlich auf allen Stufen ansetzen. Doch offensichtlich sei, dass Jugendliche aus Nicht-Akademikerhaushalten sich schlechter informiert fühlen. Dazu passt, dass 94 Prozent ihrer Klassenkameraden mit studierten Eltern angeben, ihre Eltern seien für sie die wichtigste Informationsquelle.

"Was wir aber sehen ist, dass die Kinder aus nicht-akademischen Elternhäusern auch eher glauben, dass ihre Eltern nicht wollen, dass sie studieren. Dass das aber, wie Frau Spieß eben sagte, auch durch die Informationen sich ändert", sagt Studienmitautorin Frauke Peter.

Mit den Informationen aus dem Workshop darüber, wie ein Studium auch elternunabhängig finanziert werden kann, können Jugendliche offenbar nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Eltern besser überzeugen. Und wichtig ist auch, wer da informiert. Lehrer können sich bekanntlich den Mund fusselig reden, und auch die zahlreichen Info-Veranstaltungen von Berufsbildungszentren und Hochschulen brächten nicht den gleichen Effekt wie zwei Wissenschaftlerinnen, die nüchtern durch Statistik belegte Vor– und Nachteile aufzeigen.

Bei angehenden Abiturienten aus Akademikerhaushalten sank die Studienbegeisterung dagegen sogar nach dem Workshop – insbesondere bei solchen mit schlechteren Leistungen. Nach einem Jahr aber verschwand dieser Effekt wieder. Offenbar, so die Vermutung der Wissenschaftler, haben sich die studierten Eltern mit ihren Studienambitionen für die Sprösslinge dann doch wieder durchgesetzt.

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