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Bill Fay mit "Countless Branches"In menschlichen Händen

Als der lang verschollene Songwriter Bill Fay nach Jahrzehnten wieder zum Vorschein kam, erschien sein Comeback wie ein bloßer Nachsatz zu seinem Frühwerk. Jetzt startet er seine Karriere abermals neu und kommt mit seinen spirituellen Folk-Songs stärker zurück denn je.

Von Robert Rotifer

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Bill Fay steht mit gelb getönter Sonnenbrille, Hut und Mantel vor einem Teich. (Mathew Parri Thomas)
Der Singer-Songwriter Bill Fay (Mathew Parri Thomas)
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Ein guter Künstler ist einer, der sich weiterentwickelt, sagt man immer. Der nie auf der Stelle tritt. Aber vielleicht ist das ja auch alles Unfug. Ein schönes Gegenbeispiel ist etwa das Lebenswerk des Singer-Songwriters Bill Fay.

Die Machtlosigkeit des Individuums

Als er vor einem halben Jahrhundert diesen Song gegen Nervosität und Angst, aber auch gegen den Zwang zum Starksein sang, war Bill Fay erst Mitte zwanzig, aber seine Themen waren schon dieselben wie heute: Die Machtlosigkeit des Individuums angesichts gesellschaftlicher Erwartungen und das endlose Wunder des Lebens.

"Damals saß ich oft im Garten hinterm Haus. Wenn man in den Himmel aufschaut, ist alles was man sieht - sei es nun ein Vogel oder eine Biene, die vorbeifliegen - umgeben von einem endlosen Schwarz. Und plötzlich spielen sich darin all diese lebendigen Dinge ab. Das zu sehen, war ein Schritt nach vorne."

Das Interview mit dem 76jährigen findet in einem von jungen Familien frequentierten Pub am nördlichen Ende von London statt, wo Fay ein zurückgezogenes Leben führt. Immer noch beschäftigt mit den Erkenntnissen, die er früher in Liedern wie seinem "Garden Song" formulierte.

"Wir bezeichnen etwas als Baum, aber das ist nicht, was es ist. Es ist nur ein Name. Ich erinnere mich daran, wie ich eine Mutter mit einem kleinen Kind beim Fluss sah, und die Mutter sagte zu ihm: 'Komm weiter, das ist nur eine Ente!' Das kam mir so vor: Wir haben Dinge benannt und sie wegerklärt."

Auf dem jetzt aktuellen Album "Countless Branches", hat Produzent Joshua Henry die über fünf Jahrzehnte währende Musik Bill Fays auf ihre blanke Essenz reduziert. Eine ganze Begleitband hatte sich bereits im Studio versammelt. Doch der Plan änderte sich, als Fay am Klavier einen Song zu spielen begann. Darüber, dass die Welt in menschlichen Händen nicht sicher sei.

"Das Band lief und ich begann 'In Human Hands' zu singen. Am Ende fragte ich: 'Kannst du damit was anfangen, Joshua?' Und er sagte: 'Kann ich damit was anfangen?' Für ihn war es schon fertig."

Ein Rückstau an Ideen

Bill Fay hat zu Hause ein Klavier, aber er vermeidet es, sich dahinterzusetzen, um den langen Weg seiner alten Ideen an die Oberfläche nicht zu blockieren.

"Ich habe so einen Rückstau, dass das Schreiben oft darin besteht, Dinge zu finden, die bereits da sind. Wenn ich das unterbreche, um auf dem Klavier einen ganz neuen Song zu machen, kann ich diesen Prozess nicht beenden. Es geht darum,fertig zu machen, was man begonnen hat."

Auf dem Papier klingen Zeilen wie "Filled With Wonder Once Again" wie banale Kalendersprüche. Aber die vom Leben gezeichnete Stimme Bill Fays befreit den Hörer von jedem Zynismus. "Countless Branches" ist das stärkste Album der zweiten Karriere dieses wunderlichen Einzelgängers geworden. Vor dem Hintergrund einer anrollenden Klimakatastrophe erscheinen seine existenziellen Betrachtungen relevanter denn je.

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