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StartseiteHintergrund Wirtschaft (Archiv)Billig und gut soll es sein15.04.2007

Billig und gut soll es sein

Die Reform des deutschen Apothekenmarktes

DocMorris hat sich als erstes Unternehmen vorgewagt, den verkrusteten deutschen Apothekenmarkt in Bewegung zu bringen. Andere sitzen in den Startlöchern, wagen sich aber wegen der unsicheren Rechtslage noch nicht aus der Deckung.

Von Michael Braun, Dorothee Holz, Tonia Koch

Außenansicht der ersten deutschen Filiale der niederländischen Versandapotheke DocMorris in Saarbrücken auf einem von DocMorris zur Verfügung gestellten Foto. (AP)
Außenansicht der ersten deutschen Filiale der niederländischen Versandapotheke DocMorris in Saarbrücken auf einem von DocMorris zur Verfügung gestellten Foto. (AP)

Die DocMorris-Filiale in der Saarbrücker Innenstadt hat Zulauf, als sei nichts gewesen. Die Kundschaft konnte es kaum erwarten, dass die einzige Niederlassung auf deutschem Boden Ende Januar wieder öffnen durfte. Jutta Müller, Leitende Apothekerin:

"Das Merkwürdige war, wir waren zwischendurch ja immer mal in der Apotheke, obwohl geschlossen war, und haben auch geguckt, dass hier alles auf dem neuesten Stand bleibt und auch in der Zeit, obwohl es dunkel war, haben die Kunden an der Tür gerüttelt."

Die intensive Medien-Begleitung der gerichtlichen Auseinandersetzung um die Betrieberlaubnis für die Filiale in der Saarbrücker Kaiserstraße hat sich als äußerst werbewirksam erwiesen. Denn trotz viermonatiger Schließung blieb die Werbebotschaft des Unternehmens haften: DocMorris gleich Wettbewerb gleich preiswert.

"Ich komme bewusst hierher, weil es billiger ist. Ich brauche nur die eine Sorte, und das ist eben günstiger. Ich habe gehört, dass es hier billiger ist. Weil ich mir erhoffe, Geld zu sparen. In anderen Apotheken, da habe ich für manches Medikament einen Euro oder so mehr bezahlt. Ich komm jetzt das erste Mal hierher, wollte mich informiere, und dann schauen wir mal."

Der Preis steht für die Kundschaft an erster Stelle. Bei jenen Präparaten, die rezeptfrei zu haben sind, in Deutschland aber nur über Apotheken abgegeben werden dürfen, verspricht DocMorris Preisnachlässe bis zu 30 Prozent. Das Kleingedruckte wird von den Kunden jedoch meist überlesen. Apothekerin Jutta Müller.

"Natürlich kommen auch einmal Kunden, die davon ausgehen, dass generell das ganze Programm, das in Apotheken vorrätig ist, 30 Prozent günstiger sein sollte. Das liegt dann daran, dass sie den Katalog nicht richtig gelesen haben und das 'bis' überlesen haben."

Vielen geht es so, denn die Erwartungshaltung der Kundschaft ist extrem hoch.

"Ich habe was bestellt, da gibt es jetzt fünf Prozent drauf. Und ich hab mich auf 30 Prozent verlassen. Denn fünf Prozent bekomme ich bei meiner Apotheke auch, wenn ich dort guter Kunde bin, es ist also keine große Erleichterung."

Enttäuscht sind die Leute dann, wenn sie feststellen, dass die rezeptpflichtigen Medikamente in der DocMorris-Filiale am Ort genauso teuer sind wie in der Apotheke nebenan. Denn in Deutschland sind die Preise für verschreibungspflichtige Präparate verbindlich festgelegt. Die Preisbindung gilt für alle, auch für die Saarbrücker DocMorris-Filiale. Preisvorteile bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten lassen sich deshalb nur dann realisieren, wenn der Versandweg beschritten wird und der Kunde bei DocMorris in den Niederlanden bestellt.

"Man hat mir geraten, wenn ich die Rezeptgebühr, beziehungsweise die Hälfte der Rezeptgebühr sparen will, soll ich mein Rezept nach Holland schicken, und dann bekomme ich das Medikament in zwei oder drei Tagen zugeschickt."

Der ältere Herr wird es probieren. Er bekommt in der Saarbrücker Filiale ein Freikuvert ausgehändigt, damit ihm für die Bestellung keine Kosten entstehen. Und er hat ausreichend Vertrauen in den Versandweg. Was in Deutschland durchaus nicht selbstverständlich ist. Die Kunden informieren sich zwar im Internet, kaufen aber lieber in der Apotheke nebenan.

Deshalb setzte der niederländische Versandhändler DocMorris seine Hoffnung in die Gesundheitsreform. Die Preisbindung bei den verschreibungspflichtigen Präparaten sollte fallen. Das war der erklärte Wille von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

"Wir hatten es im Gesetz, dass die deutschen Apotheker genau die gleichen Rechte haben wie auch die ausländischen Versandhandelsapotheken. Wir wollten Höchstpreise in Apotheken einführen, dass Apotheken auch die Möglichkeit haben, Kundenbindung zu machen in dem sie eben auch sagen, bei uns machst Du ein Euro Zuzahlung weniger. Aber die Apothekerschaft ist noch nicht soweit mit ihren Verbänden, dass sie dieses auch schon umsetzen will und insofern vielleicht bei einem nächsten Gesetz."

Neben den Apothekern war auch ein großer Teil der Länder dagegen, dass die Preisbindung bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten fällt. Für die DocMorris-Filiale in Saarbrücken bedeutet dies, dass sie weiterhin den Umweg über die Niederlande gehen muss. Thomas Schiffer, Vorstand Vertrieb und Marketing bei DocMorris.

"Für das Konzept Saarbrücken bedeutet das, dass wir auf deutschem Boden die Rabattierung der Zuzahlung, den Sofortbonus, nicht betreiben dürfen."

Aber es ist bereits eine kleine Sensation, dass DocMorris auf deutschem Boden überhaupt eine Apotheke betreiben darf. Denn das Unternehmen besitzt die Rechtsform einer Aktiengesellschaft, und Aktiengesellschaften dürfen nach deutschem Recht keine Apotheke besitzen. Hierzulande muss eine Apotheke vom Inhaber geführt werden, und der muss Apotheker sein.

Die Betriebserlaubnis der Niederländer stützt sich daher auch nicht auf deutsches sondern auf europäisches Recht. Sie wurde vom saarländischen Gesundheitsminister Josef Hecken mit der Begründung erteilt, europäisches Recht sei zum einen höher einzustufen als deutsches Recht, und zum anderen sei es Zeit für mehr Wettbewerb im verkrusteten deutschen Apothekenmarkt.

"Wir haben im Gesundheitssystem kein Geld zu verschenken. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung und den medizinischen Fortschritt brauche ich jeden Euro zielgenau, und da sehe ich im pharmazeutischen Bereich noch Einsparmöglichkeiten durch mehr Wettbewerb, ohne dass der Patient beeinträchtigt wird."

Überdies, so Hecken, habe die Preisfreigabe für die freiverkäuflichen Arzneimittel gezeigt, dass die Apotheken ihre Spielräume nicht genutzt hätten. Hier gebe es erst Bewegung, seit DocMorris die Szene betreten habe. Josef Hecken:

"Hier hatten wir in der Vergangenheit ein Stück weit Kartelle gehalten, obwohl die Preise freigeben sind. Nur was nützt mir Preisfreigabe, wenn sich diejenigen, die dort agieren, einig sind, dass man Preise hochhalten will."

Der erste Schritt zu mehr Wettbewerb sei es daher, das in Deutschland nach wie vor geltende Fremd- und Mehrbesitzverbot für Apotheken abzuschaffen. Anderswo in Europa sei dies längst der Fall. Dort stünden Apothekenketten im Wettbewerb zueinander, was sich positiv auf die Preise auswirke, weil sie mit den Pharmakonzernen ganz anders verhandeln könnten als der einzelne Apotheker. Darüber hinaus seien die 70 Prozent Medikamente, die vom Arzt verschrieben werden müssen, im Ausland viel billiger zu haben. Die in Deutschland geltende Preisbindung müsse geknackt werden.

"Wenn es Preisbindung gibt in Gestalt von Festpreisen als absolute Indikatoren, die in keinster Weise verändert werden dürfen, dann nutzt mir die ganze Nummer nichts. Insofern habe ich das eine immer mir dem anderen verbunden und von Anfang an gesagt, das hier ist jetzt zunächst einmal ein juristischer Schritt, um Wettbewerb überhaupt ermöglichen zu können aber danach muss es die Diskussion um Festpreise als Höchstpreise geben, anders wird da kein sinnvolles System draus."

Durch die Verabschiedung der Gesundheitsreform ist die Diskussion um Höchstpreise jedoch in weite Ferne gerückt. Was bleibt, ist eine ungeklärte juristische Lage, in der DocMorris als ausländische Kapitalgesellschaft darf , was eine inländische Gesellschaft nach deutschem Recht nicht darf: eine Apotheke betreiben.

Deshalb setzt sich die deutsche Apothekerschaft mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr. Per einstweiliger Verfügung konnten sie zunächst eine Schließung der Saarbrücker Filiale erwirken, allerdings nur für vier Monate. Die mächtige Bundesvereinigung der deutschen Apothekerverbände, die ABDA, akzeptierte diese juristische Entscheidung zähneknirschend. Annette Rogalla, Sprecherin der Spitzenorganisation der 53.000 deutschen Apotheker und Apothekerinnen.

"Das bleibt so, und juristisch haben sie auch keine Möglichkeiten. Es ist eine Eilentscheidung, danach Hauptverfahren, und dazwischen ist man wie auf hoher See in Gottes Hand."

Das Hauptsacheverfahren wird wohl Jahre dauern. Es kann erst entschieden werden, nachdem der Europäische Gerichtshof in Luxemburg in einem so genannten Vorabverfahren dazu Stellung bezogen hat. Bis dahin werden die Apotheker nicht untätig bleiben. Über ihre Verbände versuchen sie ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Offene Ohren gibt es genug. Denn Apotheker sind gut verzahnt mit der Politik. Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen:

"Die politische Lobbyarbeit der Apotheker ist schon immer gut gewesen. Sie haben in allen politischen Parteien immer engagierte Apotheker, und von daher haben sie es verstanden, gut für sich zu arbeiten. Arzneimittel bergen ein anderes Risiko als zum Beispiel eine Brille. Das heißt, die Politik ist empfänglicher für Argumente, dass die Sicherheit bedroht wird, wenn man irgendwas an den Regelungen ändert."

Und der Markt in Deutschland ist sehr streng reguliert, strenger als in vielen anderen Ländern. Ketten sind bisher verboten. Das sieht in angelsächsischen Ländern ganz anders aus. In den USA etwa haben Ketten einen Marktanteil von 40 Prozent. Auch in Großbritannien ist der Markt schon lange liberalisiert, zur Freude von Drogerieketten, die sich dort vor allem eingenistet haben. In Norwegen wurde vor sechs Jahren ebenfalls Nicht-Apothekern der Besitz von Apotheken erlaubt. Man fürchtete daraufhin ein großes Apothekensterben, das aber ausblieb. Die Kritiker einer Liberalisierung in Deutschland konzentrieren sich aber auf Norwegen als Negativbeispiel. Annette Rogalla von der ABDA:

"Also in Norwegen sind die Apotheken 2001 in Ketten gegangen, haben sich dort auch in Ketten legen lassen. Der Verkauf von Arzneimitteln ist an Margen geknüpft, die Apotheker sind unzufrieden und haben keine Zeit mehr für Kunden: eine Situation, die wir in Deutschland nicht haben wollen."

Gesundheitsökonom Jürgen Wasem stellt diese von der Apothekerschaft stets betonte Beratertätigkeit in Frage. Nicht jeder Apotheker fühle sich dazu berufen, und nicht jeder Kunde lege Wert darauf:

"Die Beratungsqualität in den Apotheken ist sehr umstritten. Studien, die zeigen, es gibt eine gute Qualität. Aber auch Studien, die zeigen, dass vielmehr als das Überreichen des Arzneimittels nicht geschieht."

Und das auch noch mit Hilfe modernster Technik: Die vollautomatische Medikamentenausgabe funktioniert perfekt. Der Apotheker tippt das gesuchte Mittel in die Kasse, und der Computer schickt es sofort runter. Vom alten Charme des Pillendrehens und Salbenherstellens ist nichts mehr übrig. Die moderne Ausrüstung steht ganz im Gegensatz zur Organisation der Apothekerzunft. Die geht zurück ins Mittelalter. Pharmaziehistoriker Axel Helmstädter:

"Die Arzneimittelherstellung wird durch neue Verfahren, beispielsweise die Destillation, so kompliziert, dass Ärzte das nicht mehr nebenbei machen können. Das ist eine Entwicklung, die im 13. Jahrhundert abläuft und begleitet wird durch erste Rechtsnormen, die den Arzneimittelverkehr regeln."

In Sizilien sind die ersten Spuren dieser eigenständigen Apotheken zu finden. Dort wurde auch der rechtliche Rahmen gesteckt für die Trennung der Aufgabenbereiche von Arzt und Apotheker - eine Trennung, die bis heute anhält. Die Apothekenpreise wurden ebenfalls sehr früh festgelegt.

"Arzneimittelpreise waren von Anfang an rechtlich festgelegt, weil sich Preise im Markt nach Angebot und Nachfrage orientieren. Wäre ja so, bei Not und Seuchen ist die Nachfrage nach Arzneimitteln sehr groß, und die Preise würden so stark steigen, dass die Bevölkerung sich die Arzneimittel nicht mehr leisten kann - kann ein Staat nicht zulassen."

Es gibt keinen Wettbewerb bei Medikamenten, jedenfalls nicht bei den verschreibungspflichtigen. Deren Verkaufspreis legt im Wesentlichen der Hersteller fest, der seine Forschungs-, Kapital- und Gemeinkosten und seine Gewinnvorstellung in die Kalkulation einbezieht. Aber danach greifen staatliche Preisreglementierungen, sagt Helmut Schröder, Forschungsbereichsleiter beim Wissenschaftlichen Institut der AOK in Bonn:

"In Deutschland haben wir die Situation, das Hersteller auf einem Markt agieren, wo im Normalfall der Großhandelspreis, die ja für die Verteilung an die Apotheken zuständig sind, entsprechend aufgeschlagen sind. Und die Apotheke schlägt auch noch mal nach eine festen Arzneimittelpreisverordnung entsprechend ihre Preise drauf, was im Normfall bedeutet, dass eine Apotheke für jedes Medikament, das sie über den Ladentisch schiebt, zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung 8,10 Euro verdient."

Im internationalen Vergleich gilt Deutschland damit als Land teurer Medikamente. Helmut Schröder:

"Es gibt relativ wenige valide internationale oder europaweite Studien, aus dem einfachen Grunde, weil die pharmazeutische Industrie und der Großhandel kein Interesse an dieser Transparenz haben. Die wenigen Studien, die es gibt, und da gibt es eine aus der Schweiz aus dem letzten Jahr, belegen, dass in Deutschland insbesondere die Fabrikabgabepreise, aber auch die Preise, die der Kunde in der Apotheke zu zahlen hat, deutlich über den Preisen aus den Niederlanden, Frankreich, Italien oder Österreich liegt."

Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens werden in Deutschland Medikamente mit dem vollen Mehrwertsteuersatz belegt, während anderswo gar keine oder nur verminderte Mehrwertsteuern auf Arzneimittelpreise aufgeschlagen werden. Vor allem gelten die Vertriebswege als teuer. In den Niederlanden und in England sind die Fabrikabgabepreise fast genauso hoch wie in Deutschland. Die Publikumspreise, die der Endverbraucher zahlen muss, liegen dennoch bis zu 20 Prozent niedriger als hierzulande.

Kein Wunder also, dass die Versandapotheke DocMorris den Wettbewerb genau an diesem Punkt ansetzte: beim Vertriebsweg.
Das Unternehmen holt sich die Marge von 20 bis 30 Prozent aber vor allem durch Direkteinkauf bei der Pharmaindustrie. Der Pharmagroßhandel wird zunehmend ausgeschaltet.

Apothekenpreise, dieser Ausspruch kommt nicht von ungefähr. Die Bundesvereinigung der Apothekerverbände bezweifelt allerdings, dass eine Liberalisierung des Marktes daran etwas ändern würde. Im Gegenteil, eher noch würden die Preise steigen, weil sich auf dem Markt sehr rasch Oligopole bilden könnten, argumentiert die ABDA. Annette Rogalla verweist einmal mehr auf das Beispiel Norwegen:

"In Norwegen sind die Arzneimittelausgaben 2001, als es die Deregulierung gab, um 8 Prozent gestiegen, 2002 waren es schon 10,4 Prozent."

Für Deutschland macht Gesundheitsökonom Jürgen Wasem eine andere Rechnung auf:

"Wenn man in die Apothekenlandschaft Anbieter reinbringt, die eine Kette haben, die über die Möglichkeiten verfügen, größere Mengen einzukaufen und dieses dann weitergeben. Das ist bei Hörgeräten so, das ist bei Brillen so, das wird auch bei Arzneimitteln so sein. Deswegen glaube ich, dass da Einsparpotenziale mindestens in zehnprozentiger Höhe vorliegen."

Das allerdings könnte ein Apothekensterben nach sich ziehen. Im internationalen Vergleich ist die Apothekendichte in Deutschland allerdings auch sehr hoch. In Deutschland kommen auf eine Apotheke 3800 Einwohner. In den USA sind es fast 5000, in Holland sogar über 9000.

Gesundheitsexperten sehen den Schwund eher in den Städten als auf dem Land. DocMorris hat sich nun als erster vorgewagt, den verkrusteten deutschen Apothekenmarkt in Bewegung zu bringen. Andere sitzen in den Startlöchern, wagen sich aber wegen der unsicheren Rechtslage noch nicht aus der Deckung. Professor Wasem:

"Zum einen der Großhandel, der selber sich auch vorstellen kann, die Arzneimittel zu vertreiben. Ein halbes Dutzend Großhandelsunternehmen, die das schnell machen könnten. Zum anderen auch Institutionen, an die wir noch nicht denken. Die Post hat schon mal damit geliebäugelt, dass sie so was könnten, Drugstore-Ketten. Hängt davon ab, wie groß der Mut der Politik ist."

Die Drogeriemärkte Rossmann, DM und Schlecker sind in der Tat nicht abgeneigt, würden gerne Apothekendienste anbieten. Das Kalkül: Wer eine Packung Aspirin kauft, greift auch noch zum Haarshampoo. Die Großhändler wie Celesio, Phönix oder Anzag könnten ebenfalls ganz schnell eine Verkaufslogistik auf die Beine stellen. Annette Rogalla von der ABDA fürchtet bei diesen Szenarien jedoch vor allem um die Arzneimittelsicherheit:

"Wenn ich mir anschaue, dass es möglicherweise die Medikamentenabgabe nicht mehr in der Apotheke gibt, sondern vielleicht an der nächsten Würstchenbude, oder in einem Drogeriemarkt in einer angestaubten Ecke, dann fürchte ich, dass der Patient einen Vertrauensverlust hat, in einem ganz wichtigen Bereich."

Arzneimittelsicherheit ist ein hohes Gut, das durch eine mögliche Deregulierung des deutschen Apothekenmarktes nicht in Frage gestellt werden soll. Andererseits steht das deutsche Vertriebsmodell nicht im Einklang mit dem europäischen Niederlassungsrecht. Deshalb ist davon auszugehen, dass der Europäische Gerichtshof in Luxemburg den deutschen Apothekenmarkt in absehbarer Zeit für andere Anbieter öffnen wird.

Darüber, wie viel Wettbewerb es auf dem deutschen Markt geben wird und ob sich dieser Wettbewerb positiv auf die Arzneimittelpreise auswirken wird, darüber entscheiden die Luxemburger Richter allerdings nicht. Das hat der deutsche Gesetzgeber in der Hand.

Der erste Anlauf im Rahmen der Gesundheitsreform ist gescheitert. Die Preisbindung der verschreibungspflichtigen Medikamente blieb unangetastet - trotz intensiver Versuche sie aufzuweichen. Deshalb werden nach dem zunächst stürmischen Auftreten der niederländischen Versandapotheke DocMorris auf dem deutschen Markt DocMorris selbst und die potenziellen Mitbewerber erst einmal abwarten, ob der Gesetzgeber für sie tatsächlich Wettbewerbserleichterungen bereit hält.

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