Archiv


Biotechnologie als Jobmotor fürs kommende Jahrzehnt

Biotechnologie schafft in Deutschland zur Zeit bis zu 400.000 Arbeitsplätze, im Jahr 2020 könnten es bis zu 600.000 werden - so das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie. Auf dem Campus Riedberg im Norden von Frankfurt am Main entsteht eine "Science City" mit Gebäuden für die Max-Planck-Gesellschaft und Biotechnologie-Unternehmen.

Von Anke Petermann |
    Um an ihren Arbeitsplatz in einem der Hochsicherheitslabore im Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie, kurz FIZ, zu kommen, muss Cora Tchonang morgens viele elektronische Türen öffnen.

    "Ich hab' mir vorher nie vorstellen können, im Labor zu arbeiten, mittlerweile find' ich das ganz toll, interessant - ich hätte nie gedacht, dass es so interessant sein kann. Also ich bin dann auch sehr nervös, wenn ich kurz vorm Ergebnis bin und irgendwelche Ziele erreicht habe. "

    Schließlich arbeitet die Biologin an einer anspruchsvollen Aufgabe mit: Blutspenden und -transfusionen sicherer zu machen. Im Studium hatte Tchonang zunächst den Schwerpunkt Zoologie gewählt, sich dann aber umorientiert.

    "Also erstens sind die Jobaussichten in der Zoologie ganz schlecht, also kaum Förderungen. Mich hat Biotechnologie am Anfang nicht wirklich interessiert, aber während des Studiums, zum Ende hin, wurde es schon interessanter, da ich das Fach Humangenetik einfach mal noch dazu genommen habe, um die Breite des Faches abzudecken. Und da habe ich dann gemerkt, dass es ganz interessant sein kann."

    Im vergangenen Jahr ergatterte die junge Biologin einen zukunftsträchtigen Job - bei der GFE Blut, einem Kleinunternehmen, das im Auftrag der Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes erforscht, wie man Viren im Spenderblut erkennen und die Diagnostik weiter automatisieren kann. Geschäftsführer Kurt Roth stellte Tchonang und eine weitere Zoologin ein, weil er keine Zeit hatte, lange nach speziell qualifizierten Molekularbiologen zu suchen, als das erste Geld für Forschungsaufträge floss:

    "Es gab einig Bewerbungen im Randbereich dessen, was wir benötigen, und dann haben wir uns lieber für Leute entschieden, die frisch von der Universität kamen. In unserem Fall war es sehr positiv, dass die Leute sich für das Thema sehr interessiert haben, dass sie bereit waren, über ihren bisherigen Horizont hinaus zu blicken, noch mal in die Bücher zu schauen, und sie müssen ständig sich neben der Arbeit weiterbilden, fortbilden, müssen sich intensiv in die Thematik - teilweise in ihrer Freizeit einarbeiten - sonst wird es nicht funktionieren."

    Fünf von zehn Stellen bei der GFE Blut sind mit Akademikern besetzt: neben den beiden Zoologinnen arbeiten eine Chemikerin, eine Kommunikationswissenschaftlerin und eine Medizinerin mit Berufserfahrung in dem Start up. Im kommenden Jahr will GFE weitere fünf Jobs schaffen. Firmenchef Roth lehrt zusätzlich Medizin an der Uni Frankfurt. Studierenden, die sich für Biotechnologie interessieren, rät der Professor,

    " ... sich rechtzeitig bei diesen Unternehmen umzuschauen, Praktika zu machen, eventuell zu promovieren in diesen Bereichen. Man muss sich dann halt um einen Doktorvater kümmern an der Universität, der das mit betreut."

    Selbst wenn sein Start up dafür eigentlich zu klein ist, lässt Roth Studierende dort in die anwendungsorientierte Forschung hineinschnuppern.

    "Wir haben gerade vorletzte Woche einen Studenten verabschiedet, der ein Praktikum über vier Wochen bei uns gemacht hat, der sich hervorragend angestellt hat und den wir sofort nehmen würden, wenn er sich für uns entscheiden würde. Nun gut, er will lieber Dinosaurier ausgraben in irgendwelchen interessanten Gruben, das muss man akzeptieren."

    Zwölf Firmen haben in den letzten zweieinhalb Jahren das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie bezogen, oder Forschung dorthin verlagert, wie der etablierte Mittelständler Merz Pharma. 300 Jobs sollen in diesem öffentlich geförderten Gründerzentrum entstehen, weitere im benachbarten "Campus of Elements", den ein Privatinvestor baut. Ergebnisse der Grundlagenforschung zu kommerzialisieren, ist die Vision, so FIZ-Geschäftsführer Christian Garbe:

    "Und dafür brauchen wir nicht unbedingt immer die Leute, die mit dem Einser-Abschluss hierher kommen, sondern Pragmatiker, die es wissen, so etwas auch in ein Produkt umzusetzen."