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Biotop auf dem ehemaligen Todesstreifen

Entlang der Grenze, die den Osten vom Westen Deutschlands trennte, hat sich in den Jahren der deutsch-deutschen Teilung wenigstens die Natur frei entfaltet: Bedrohte Pflanzen- und Tierarten fanden wertvolle Rückzugsräume. 17 Jahre nach dem Fall der Mauer ist der Erhalt dieses einzigartigen Biotops, des so genannten Grünen Bandes, so gut wie gesichert.

Von Ulrike Greim |
    "Es ist einfach ein einzigartiger Biotopverbund, der sich quer durch fast alle Lebensräume in Deutschland zieht, der Landschaften miteinander verbindet in einer einzigartigen Weise. Es ist vor allem auch - und das muss man betonen - natürlich auch ein ökologisches Denkmal von einzigartigem Charakter. Wo gibt es sonst noch ein so großartiges, lebendiges Denkmal unserer jüngsten deutsch-deutschen Geschichte."

    Burkhard Vogel, der Chef des Thüringer Bundes für Umwelt und Naturschutz, ist begeisterter Streiter für das Grüne Band, den ehemaligen Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze. Rund 1400 Kilometer ist er lang, Thüringen hat mit 763 Kilometern den längsten Abschnitt. Der Freistaat Thüringen ist daraufhin initiativ geworden, hat angeregt, dass der Haupteigner, der Bund, die Flächen den Ländern kostenlos überlässt. Doch so einfach war das nicht. Denn die Flächen sollten verkauft werden. Und gerade die Grenze in Berlin und um Westberlin herum ist lukratives Land. Und die neuen Länder sollten den Verkaufserlös erhalten. Sachsen zum Beispiel war dagegen, diesen Verkauf zu stoppen, erzählt Detlev Geißler, der für den Freistaat Thüringen verhandelt hat:

    "Und da ist es so, dass Sachsen zwar nur einen kleinen Anteil am Grünen Band hat, aber - weil es eine hohe Bevölkerungsdichte hat, und die Auskehr dieser Erlöse nach dem Pro-Kopf-Schlüssel erfolgt, nach dem so genannten Königssteiner Schlüssel - hätte Sachsen rund ein Drittel Anteil an den Geldern gehabt."

    Beschlossen wurde, dass Berlin aus der Verhandlungsmasse herausgenommen wird, weil es auch nicht am Grünen Band liegt. Der Mauerfond bleibt somit erhalten, die Länder bekommen seinen Ertrag. Sachsen wird die Zustimmung zur Vereinbarung über das Grüne Band also nicht mehr schwer fallen. Doch Verhandlungen zogen sich hin, bis die schwarz-rote Bundesregierung sie wieder in den Koalitionsgesprächen in Schwung gebracht hat:

    "In dem Koalitionsvertrag steht drin, dass die Flächen des Grünen Bandes unter das Nationale Kulturerbe fallen. Und damit sind die Verhandlungen wieder neu in Gang gekommen."

    Der Vertrag ist nun fast fertig, es geht nur noch um Feinheiten. Detlev Geißler ist zuversichtlich, dass bald alle ihre Unterschrift darunter gesetzt haben: Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, das in seinem westlichsten Ausläufer bis an die einstige Grenze reicht, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Niedersachsen, das durch Flächentausch nach der Wende zu einem kleinen Stückchen kam, und eben Sachsen. Es geht um seltene Rückzugsräume für bedrohte Vogelarten, für die Wildkatze und den Schwarzstorch, es geht um Biotope von der Ostsee über die Elbauen, den Harz, die Rhön und den Thüringer Wald bis in den Bayerischen Wald:

    "Wichtig für uns ist, dass über diese Schutzgebiete hinaus natürlich auch in den übrigen Abschnitten des Grünen Bandes die Struktur des Grünen Bandes als Biotopverbund erhalten oder wieder hergestellt wird."

    Mit geklärten Eigentumsverhältnissen wird das möglich, erklärt Detlev Geißler, da es dann die Länder in der Hand haben:

    "Das schließt aber gleichzeitig ein - immer unter der Prämisse "Vorrang für die Natur" - dass auch das Erlebnis Grünes Band, also sprich die touristische Nutzung, die Begehbarkeit sichergestellt sein muss, dass die zeitgeschichtliche Bedeutung erlebbar sein muss. Das gehört einfach mit dazu."

    In Thüringen geht es um 4700 Hektar Land. Das ganze Grüne Band umfasst in Thüringen Flächen von rund 6700 Hektar, weil neben dem Bund eben noch Alteigentümer im Spiel sind, darunter auch Kommunen. Mit denen wird das Land dann verhandeln, ob sie zum Beispiel ihre Flächen tauschen, so dass am Ende das ganze Areal dem Land gehört. Das kann dann einzelne Abschnitte den rund 50 lokalen Projekten zur Verfügung stellen, die auf unterschiedliche Weise das Grüne Band erhalten und pflegen wollen. Das einzigartige Naturerbe wird also die Länder noch lange beschäftigen. Und nicht nur die deutschen. Denn Naturschützer sind dabei, den gesamten früheren Eisernen Vorhang durch ganz Europa von der Barents See bis zum Schwarzen Meer zu entwickeln - als Green Belt Europe.